Sind Geldscheine bald Mangelware?

Ende des Bargelds: Immer mehr Banken in Baden-Württemberg schaffen Geldautomaten ab

Frau hebt an einem Bankautomaten Bargeld ab.
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Womöglich bald ein seltenes Bild: Eine Frau hebt Bargeld an einem Bankautomaten ab.
  • Franziska Vystrcil
    VonFranziska Vystrcil
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Karte ist in, Bargeld ist out: Immer mehr Banken im Land bauen Geldautomaten ab. Das machen sich bankenunabhängige Unternehmen zu Nutze.

Stuttgart - Wer Bargeld an einem Bankautomaten abheben möchte, muss vielerorts lange suchen, bis er einen findet. Auch in der Landeshauptstadt Stuttgart werden die Geldausgeber weniger. Vor allem aber in ländlichen Gegenden sind sie inzwischen Mangelware. Wie die Badische Zeitung (BZ) berichtet, schließen immer mehr Banken und Sparkassen ihre Zweigstellen in Deutschland. Mit ihnen verschwinden häufig auch die Geldautomaten. Auch Baden-Württemberg ist davon betroffen. Kommt man bald überhaupt noch an Bargeld?

Das Coronavirus in Baden-Württemberg hat fatale Folgen für die Wirtschaft und hatte auch einen erheblichen Einfluss auf die Bargeldnachfrage im Land. Zu Beginn der Pandemie war unklar, ob sich die Viren auch über Oberflächen wie Geldscheine weiter verbreiteten. In Supermärkten und Geschäften wurden Kunden etwa dazu aufgerufen, auf Barzahlungen zu verzichten und stattdessen mit Karte zu zahlen. Die Nachfrage nach Bargeld ist daher im letzten Jahr um 75 Prozent zurückgegangen, wie Welt berichtet. Für Banken rentiert sich der Betrieb von Geldautomaten daher vielerorts kaum noch.

Im Zeitraum von 2016 bis 2019 wurden bundesweit rund 6.500 Geldautomaten abgeschafft, so die Badische Zeitung. Eine kritische Entwicklung, finden Verbraucherschützer. Denn Banken „haben einen gesetzlichen Auftrag, auch in der Fläche die Versorgung der Bevölkerung mit Finanzdienstleistungen sicherzustellen“, sagt Niels Nauhauser, Bankenspezialist der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, der Badischen Zeitung. „Das gesetzliche Zahlungsmittel ist nun mal das Bargeld. Und eine Versorgung mit Bargeld ist eminent wichtig für die Selbstbestimmung der Verbraucher.“

Banken in Baden-Württemberg schaffen Geldautomaten ab: Andere Unternehmen schließen die Lücken

Da, wo Sparkasse, Volksbank und Co. ihre Automaten abbauen, rücken vielerorts bankenunabhängige Unternehmen nach. Deutschlandweit gibt es inzwischen acht solcher unabhängigen Anbieter, Tendenz steigend. Etwa 5.000 der insgesamt rund 68.000 Geldautomaten in Deutschland stammen von ihnen. „Im Jahr 2019 haben unsere Mitglieder zirka 800 Automaten neu installiert“, sagt Mirko Siepmann von der Arbeitsgemeinschaft Geldautomaten der Badischen Zeitung.

Zwar werden so die Versorgungslücken geschlossen, der Kunde wird dafür aber sprichwörtlich zur Kasse gebeten. Denn für das Geldabheben bei bankenunabhängigen Automaten fallen meist hohe Gebühren an. Für Girocard-Inhaber sind das häufig knapp vier bis fünf Euro, für Kreditkartenkunden meist etwas weniger. Geldinstitute haben zudem noch einen anderen Weg gefunden, an ihren Kunden zu verdienen: Banken kassieren häufig mit Strafzinsen ab.

Ende des Bargelds? Gemeinden sponsern Automaten, um Bargeldversorgung aufrechtzuerhalten

Der Grund für die hohen Gebühren: Für Automaten fallen hohe Mieten an. Allein die Betriebskosten liegen laut Mirko Siepmann im Schnitt bei rund 15.000 Euro pro Jahr, an Standorten mit besonders hohen Mieten sogar mehr. Der teuerste Miete liege bei 4.000 Euro für einen Quadratmeter, so Siepmann. Häufig findet man unabhängige Automaten in belebten Innenstädten oder auch bei touristischen Ausflugszielen. Eigentlich müssten solche Orte doch auch für Bankenautomaten rentabel sein. Wie kann es also sein, dass immer mehr Geldinstitute ihre Automaten abbauen? Hier haben die unabhängigen Betreiber gegenüber den Banken einen Vorteil: sie betreiben häufig auch „gesponserte“ Geldautomaten. Heißt konkret: Sie werden von Dritten finanziert.

Vielerorts sponsern Gemeinden den Aufbau eines unabhängigen Geldautomaten, um die Bargeldversorgung im Ort aufrechtzuerhalten. Dort müssen die Betreiber dann keine Miete für die Automaten zahlen, sogar die Stromkosten werden häufig erlassen. Zudem schließen viele unabhängige Betreiber Vereinbarungen mit den örtlichen Banken ab. Deren Kunden müssen dann für eine Abhebung nichts oder nur wenig zahlen. Dafür übernehmen die Banken die Transaktionskosten für ihre Kunden vollständig oder teilweise. Zehn Prozent der unabhängigen Automaten werden aktuell unter diesem Modell betrieben. Ganz werden die Geldautomaten wohl aus dem Stadtbild noch nicht verschwinden. Ob Bargeld allerdings eine Zukunft hat, bleibt ungewiss.

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