Durchfallquote der Abschlussprüfung

„Politisches Signal“ mit Flüchtlingen in Pflegeausbildung wird zum 1,3 Millionen Euro teuren Debakel

Krankenpfleger schiebt ein Bett über den Flur
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Die Teilnehmer der Pflegeausbildung am Robert-Bosch-Krankenhaus lernten nicht nur Theorie und Praxis des Berufs, sondern auch interkulturelle Kompetenz. Leider wurden die Sprachkenntnisse beim Modellprojekt vernachlässigt (Symbolbild).
  • Valentin Betz
    VonValentin Betz
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Das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart bietet eine besondere Pflegeausbildung für Flüchtlinge an. Doch das Projekt floppt: Fast alle scheitern an der Abschlussprüfung.

Stuttgart - In Deutschland fehlen Pflegekräfte - mindestens 35.000 Stellen sind nach einer Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung unbesetzt. Baden-Württemberg ist von diesem bundesweiten Problem nicht ausgeschlossen. Der Mangel war schon bekannt, bevor die Corona-Pandemie das Gesundheitssystem über Gebühr strapazierte. Derzeit treibt die Belastung die Verantwortlichen zu verzweifelten Maßnahmen. Sogar Fachkräfte aus dem Ruhestand sollten in der Pandemie im Südwesten aushelfen.

Das Robert-Bosch-Krankenhaus hatte bereits 2017 eine Idee, um dem Pflegenotstand zu begegnen. Die Klinik in Stuttgart hob ein Modellprojekt aus der Taufe: eine besondere Ausbildung zur Krankenpflegekraft. Die Klasse sollte sowohl aus Deutschen als auch aus Flüchtlingen bestehen. Im Sommer 2021 fanden die Abschlussprüfungen des ersten Jahrgangs statt. Doch wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtet, meisterten diese nur vier von insgesamt 19 Frauen und Männern. Der Grund scheint banal, offenbart aber eine grandiose Fehlplanung.

Pflegeausbildung am Robert-Bosch-Krankenhaus: Teures Modellprojekt mit tollen Ansätzen scheitert

Grundsätzlich kann es immer vorkommen, dass Auszubildende eine Abschlussprüfung nicht bestehen. Eine Durchfallquote von knapp 80 Prozent deutet aber auf ein Versagen an anderer Stelle hin. Wie die FAZ schreibt, gab es zudem Teilnehmer, die die Ausbildung schon vor der Abschlussprüfung abbrachen. Dabei liest sich der Rahmen für die Ausbildung zur Krankenpflegekraft toll: Unter anderem Flüchtlinge aus Syrien, Iran, dem Irak und Afghanistan sollten dadurch eine berufliche Zukunft bekommen. Zusätzlich zur Praxis und Theorie der Krankenpflege bekamen die Teilnehmer Schulungen in interkultureller Kompetenz. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Ausbildung ein Jahr länger als üblich dauerte und mehr Personal benötigte.

Möglich wurde dies durch die Robert-Bosch-Stiftung, die das Krankenhaus trägt. Sie steuerte zu den regulären Ausbildungskosten, die mit dem Geld von Steuerzahlern und Versicherten seitens der Krankenhäuser bezahlt werden, noch 1,3 Millionen Euro bei. Das Scheitern des Modellprojekts in Stuttgart lag also nicht an finanziellen Engpässen oder einem grundsätzlich schlechten Konzept. Vielmehr sorgte eine Fehleinschätzung bei den erforderlichen Sprachkenntnissen für die hohe Durchfallquote bei der Abschlussprüfung.

Sprachkenntnisse für Pflegeausbildung: Robert-Bosch-Krankenhaus schätzt notwendiges Niveau falsch ein

Denn Flüchtlinge, die für die Ausbildung zur Krankenpflegekraft am Robert-Bosch-Krankenhaus ausgewählt wurden, brauchten lediglich eine bestandene A2-Sprachprüfung. Das höchste Niveau dieser Einstufung ist C2, insgesamt gibt es sechs Stufen. A2 bedeuten dabei lediglich Grundkenntnisse der deutschen Sprache. Die Teilnehmer des Modellprojekts starteten also auf einem Sprachniveau, das ohne Vorkenntnisse im Bereich der Pflege bereits eher unzureichend war.

Ganz unbewusst war das dem Robert-Bosch-Krankenhaus offenbar nicht, denn es wurden als Teil der Ausbildung weitere Deutschkurse angeboten, um das Sprachniveau auf eine höhere Ebene zu heben. Das Problem: Die Teilnahme war freiwillig und der Kurs sah keine verpflichtenden Zwischenprüfungen vor. „Wir wollten damals, nachdem so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, ein politisches Signal senden“, so Professor Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses, zur FAZ. „Das war gut gemeint, hat aber nicht gut funktioniert.“

Pflegeausbildung am Robert-Bosch-Krankenhaus: Aus für das Modellprojekt nach zweitem Jahrgang

Inzwischen hat das Robert-Bosch-Krankenhaus den Kurs evaluiert und kam zu dem Schluss, dass das Prinzip der Eigenverantwortung zu hoch angesetzt war. Für die Robert-Bosch-Stiftung ist das mit 1,3 Millionen Euro Kosten eine recht teure Erkenntnis. Sie ist die Mehrheitseigentümerin des Bosch-Konzerns und finanziert sich über dessen Dividende. Weil der Automobil-Zulieferer zuletzt mit dem Wandel zur E-Mobilität zu kämpfen hatte, ging auch das Fördervolumen der Stiftung zurück. Selbst für eine gut ausgestattete Stiftung sind 1,3 Millionen Euro da keine Kleinigkeit.

Gleichwohl kann das Robert-Bosch-Krankenhaus mit dem zweiten Jahrgang des Modellprojekts beweisen, aus den Fehlern gelernt zu haben. Dieser soll im Sommer 2022 seine Abschlussprüfung haben. Darüber hinaus scheint das Vertrauen in das Projekt nicht mehr allzu groß zu sein - obwohl sich die Zahl neuer Flüchtlinge in Baden-Württemberg zuletzt verdoppelte. Einen dritten Jahrgang gibt es nicht.

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