Mehrere Angestellte klagen

„Reste-Rampe“ für Mitarbeiter: Daimler provoziert mit fragwürdiger Strategie

Der Mercedes-Benz-Stern vor einem bewölkten Himmel in der Abenddämmerung.
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Mit einer „Zermürbungstaktik“ will die Daimler AG offenbar unliebsame Mitarbeiter loswerden, das behaupten zumindest mehrere Angestellte.
  • Julian Baumann
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Im Rahmen des groß angelegten Sparplans baut die Daimler AG massiv Stellen ab. Eine interne Job-Plattform soll betroffene Mitarbeiter auffangen, aber viele sehen das nur als Mittel, Angestellte loszuwerden.

Stuttgart - Bei der Daimler AG geht es inzwischen wieder bergauf. Im vergangenen Jahr nahm der schwäbische Konzern einen Milliardengewinn ein und schüttete große Summen an die Aktionäre aus. Dieses Vorgehen wurde von vielen Seiten stark kritisiert. Das hielt den Vorstand des Autobauers jedoch nicht davon ab, den Plan in die Tat umzusetzen. Durch die groß angelegte Transformation zur E-Mobilität geht der Jobabbau bei dem Stuttgarter Autohersteller jedoch weiter. Die E-Auto-Hoffnung EQS steht in den Startlöchern und soll Daimler endlich auch als E-Autobauer etablieren. Im Zuge der Umstrukturierung wird die Produktion an zahlreichen Standorten auf die Herstellung von E-Autos umgestellt.

Die Daimler AG kündigte kürzlich an, zwei der wichtigsten deutschen Werke in etwas völlig Neues umzubauen. Am Stammwerk in Untertürkheim soll nach langen Verhandlungen ein Elektro-Campus für E-Autos entstehen und das Berliner-Werk wird zu einem Digitalcampus für Software. Das die Produktion von E-Autos deutlich weniger Personal benötigt als die Herstellung von Benzin- oder Dieselautos, werden auch in Zukunft viele Stellen bei dem Autobauer entfallen. Mitarbeiter, deren derzeitige Tätigkeit nicht mehr benötigt wird, sollen von einer Plattform aufgefangen werden, die ihnen neue Aufgaben zuteilen soll. Was zunächst wie eine gute Idee für die leidgeplagten Daimler-Angestellten klingt, hat jedoch einen faden Beigeschmack, wie die Wirtschaftswoche berichtet.

Daimler AG: Langjährige Mitarbeiter werden „verzichtbar“ - zum Ausstieg motiviert

Die Daimler AG ist als einer der größten Autobauer der Welt nicht nur einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region Stuttgart, sondern auch weit darüber hinaus. In Baden-Württemberg sind die Angestellten jedoch besonders stolz darauf, „beim Daimler“ oder „beim Benz“ (im badischen Teil) zu arbeiten. Durch den drastischen Sparplan und die Umstrukturierung wächst der Frust der Angestellten jedoch. Ein langjähriger Mitarbeiter berichtete der Wirtschaftswoche, der Autobauer habe ihm eine Abfindung angeboten, da seine bisherige Tätigkeit neu verteilt werden müsse. Er hielt das Angebot für „menschlich, aber auch finanziell inakzeptabel“ und lehnte ab.

Theoretisch könne der Mitarbeiter damit weiterhin bei der Daimler AG arbeiten, da eine Auflösung des Arbeitsvertrages die Zustimmung beider Parteien benötige, berichtet das Magazin. In vielen Fällen ist dem jedoch nicht so. Viele Mitarbeiter des Stuttgarter Autobaues hätten das Gefühl, zum Ausstieg „motiviert“ zu werden. Die interne Plattform „JobForum“ soll eigentlich Beschäftigte auffangen, deren bisherige Tätigkeit entfallen ist und ihnen intern neue Stellen vermitteln. Daimler-Angestellte berichten allerdings, dass ihnen dadurch jedoch neue Tätigkeiten übermittelt werden, die nicht ihren Qualifikationen entsprechen. Dadurch haben viele den Eindruck, durch diese Taktik „mürbe gemacht“ zu werden. Sogar von einer „Reste-Rampe“ für Mitarbeiter ist intern die Sprache.

Daimler AG: Mehrere Mitarbeiter klagen gegen den Autokonzern

Dass die Transformation zur E-Mobilität bei der Daimler AG viele weitere Stellen kosten wird, ist längst kein Geheimnis mehr. Bislang nennt der Stuttgarter Konzern zwar keine genauen Zahlen, kündigte jedoch an, das „JobForum“ solle „bei den durch die Transformation erforderlichen Personalveränderungen“ unterstützen und helfen, um „tragfähige Lösungen zu finden“, wie die Wirtschaftswoche berichtet. Intern hat das Forum allerdings einen schlechten Ruf. „Ich soll weichgekocht werden, damit ich die Abfindung doch noch nehme“, sagte der Daimler-Mitarbeiter dem Magazin. Mehrere Angestellte des Autobauers wandten sich bereits an Anwälte und streben Klagen gegen den Konzern an.

Die Daimler AG zahlte bereits in der Vergangenheit sechsstellige Summen an Mitarbeiter, damit sie den Konzern verlassen und trieb so auch Fachkräfte zur Konkurrenz. Wer das Angebot ablehnt, landet jedoch sehr schnell im Forum, berichtet die Wirtschaftswoche. Viele Beschäftigte fühlen sich dort geparkt, hätten „keine Aufgaben“ oder arbeiten „an Projekten“, berichten Insider. Unter anderem sollen auch viele qualifizierte Führungskräfte nur noch Prozesse optimieren. Ein Betriebsrat des Autobauers nannte dieses Vorgehen eine „Zermürbungstaktik“, wie das Magazin weiter berichtet.

Daimler AG: „JobForum“ ist eine „Friedhofsgesellschaft“, sagt ein Arbeitsrechtler

Das Forum der Daimler AG verspricht Mitarbeitern neue Tätigkeitsfelder und Aufgaben basierend auf deren Qualifikationen zuzuteilen. Der Stuttgarter Rechtsanwalt Stefan Nägele, der nach eigenen Angaben über 20 Daimler-Mitarbeiter aus der Verwaltung vertritt, hat jedoch ein anderes Bild. „Die Aufgaben im JobForum entsprechen teils denen eines Sachbearbeiters und sorgen nicht für eine vertragsgerechte Beschäftigung“, sagte er der Wirtschaftswoche. Er habe eine Klage in Bezug auf das Forum bereits beim Stuttgarter Amtsgericht eingereicht und zehn weitere Angestellte wollen sich zeitnahe ebenfalls gegen die Maßnahme wehren.

Ein Arbeitsrechtler von der Kanzlei Kasper Knacke wird in Bezug auf das Forum der Daimler AG noch deutlicher. Er nannte es eine „Friedhofsgesellschaft, bei der Mitarbeiter, die nicht mehr eingesetzt werden sollen, unterwertig beschäftigt werden“. Durch die angebliche Neuverteilung werde unter anderem auch die Hierarchie bei dem schwäbischen Autobauer stark verändert. Er berichtet von ehemaligen Abteilungsleitern, die auf einmal einem Gruppenleiter zuarbeiten müssen. „So entfremdet man die Mitarbeiter schleichend von ihrer bisherigen Position“, sagte er. Auch er betreue nach eigenen Angaben mehr als 30 Daimler-Mitarbeiter und habe in Bezug auf das Forum bereits Klagen gegen den Autobauer vorbereitet.

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