Hoffnung auf Milliarden-Paket

Daimler: 95 Prozent der Jobs hängen an einem Bereich, den die USA zum Sterben verurteilen

Eine Hand steckt das Ladekabel in den Anschluss eines E-Autos von Mercedes
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Daimler AG: Die US-Regierung lockt Autohersteller mit Milliardensummen
  • Berkan Cakir
    vonBerkan Cakir
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Die Daimler AG setzt künftig auf E-Autos. Neue Pläne der US-Regierung könnten diese Entwicklung beschleunigen - mit fatalen Folgen für deutsche Mitarbeiter.

Stuttgart - Mit der E-Strategie stehen dem schwäbischen Autohersteller große Veränderungen bevor. Nicht nur, dass die Daimler AG den Verbrenner abschaffen will - und zwar früher als erwartet -, mit mehr E-Mobilität steht auch der altbewährte Standort auf der Kippe. Das Geld, das der schwäbische Autokonzern für seine E-Autos in die Hand nimmt, spürt er am anderen Ende: Die deutsche Heimat ist der Daimler AG zu teuer. Mehr und mehr treibt es die Stuttgarter deswegen ins Ausland. „Die Arbeitskosten bei Zulieferern in Polen entsprechen rund 25 Prozent des deutschen Niveaus. In chinesischen Fabriken fallen nur acht bis zehn Prozent der deutschen Arbeitskosten an“, sagte Martin Schwarz-Kocher vom IMU-Institut, das arbeitsorientierte Forschung betreibt, kürzlich gegenüber der Stuttgarter Zeitung.

Nicht nur der chinesische Markt boomt für die Daimler AG. Der Konzern orientiert sich auch in Richtung Westen. In den USA ist Präsident Joe Biden derzeit bemüht, eine bessere Infrastruktur für E-Mobilität zu schaffen. Für die Elektroautohersteller-Industrie soll es laut einem Bericht des Manager Magazins eine Investition in Höhe von 174 Milliarden US-Dollar geben. Die Finanzspritze ist Teil eines großen Schubs für die amerikanische Wirtschaft, bei dem in einem ersten Schritt bereits das 1,9 Billionen US-Dollar schwere Corona-Rettungspaket beschlossen wurde.

Daimler AG sieht gute Absatzchancen in den USA

Der zweite Schritt des Milliarden-Pakets betrifft die Infrastruktur, die mit 2,3 Billionen US-Dollar modernisiert werden soll. Neben Straßen, Brücken und Flughäfen soll dabei auch die Grundlage für Elektroautohersteller geebnet werden. Schulbusse mit Elektroantrieb, eine halbe Millionen E-Ladestationen bis 2030, mehr E-Transporter sowie die Elektrifizierung der US-Post sind in dem Plan vorgesehen. Bereits jetzt gibt es eine Steuergutschrift für E-Autohersteller: Je Auto, das produziert wird, gibt es vom Staat 7.500 Euro. Bisher galt die Regelung aber für Hersteller, die insgesamt weniger als 200.000 Einheiten absetzten - darüber hinaus wurde der absetzbare Betrag geringer. Der US-Präsident plant, diese Grenze künftig abzuschaffen.

Für deutsche Autohersteller ergeben sich dadurch gute Absatzchancen in Nordamerika. Die Daimler AG ist mehr als gewillt, ihre E-Strategie in den Vereinigten Staaten weiter auszubauen. Neben dem EQS - die elektrisch betriebene Variante der S-Klasse, die am 15. April in einer Weltpremiere vorgestellt wird - sollen den Konzernplänen zufolge auch die SUV-Versionen des EQE von 2022 an im Produktionswerk in Alabama hergestellt werden. Bereits jetzt werden in Tuscaloosa Autos mit Plugin-Hybridantrieben produziert. Neben einer Batteriefabrik, an der die Daimler AG derzeit arbeitet, soll zudem vom zweiten Halbjahr 2023 an auch der E-Sprinter in einem Werk in Charleston gebaut werden.

Daimlers Betriebsratschef Michael Brecht dürften die Pläne der US-Regierung wenig freuen. Nicht nur, weil mehr und mehr Jobs des Automobilbauers ins Ausland wandern könnten. Sondern auch, weil der Niedergang des Verbrenners durch Bidens Offensive noch beschleunigt würde.

Schon als die Bundesregierung im Sommer 2020 die Prämie für E-Autos und Hybride beschloss, wetterte er: Die Daimler AG sei „massiv bedroht“. 95 Prozent der Angestellten aller Fahrzeughersteller in Deutschland arbeiten laut Michael Brecht an konventionellen Antrieben. E-Auto und Hybrid verkauften sich bisher nicht sonderlich gut. 

Daimler AG: Ob der Autohersteller durchstarten kann, hängt noch vom US-Kongress ab

Der Autohersteller aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart ist nicht der einzige deutsche Autohersteller, der Umzugspläne hat: Auch VW will einen Teil seiner Produktion in die USA verlegen. Der elektrisch betriebene ID.4 soll vom kommenden Jahr an in Chattanooga, einer Stadt in Tennessee, hergestellt werden. Das Werk dafür ist bereits umgerüstet. VW arbeitet dort mit einem speziellen sogenannten modularen Elektrobaukasten, der auch für die Produktion von weiteren E-Modellen geeignet wäre.

Im Vergleich zur Daimler AG und Volkswagen verhält sich BMW unter den deutschen Autoherstellern noch am zurückhaltendsten. Derzeit werden schon Plugin-Hybridversionen in Spartanburg, South Carolina, hergestellt. Für vollelektrische Fahrzeuge gebe es kurzfristig aber keine Pläne, so ein Sprecher von BMW gegenüber dem Manager Magazin. Eine Erweiterung der Produktion zu reinen E-Autos wäre aber durchaus denkbar.

Ob die Daimler AG und VW in den USA bald durchstarten können, hängt derzeit aber noch vom US-Kongress ab. Das Infrastruktur-Rettungspaket von Präsident Joe Biden könnte vor allem an den oppositionellen Republikanern scheitern, die sich gegen die Ausgaben für die grünen Ideen sperren. Auch ob das Corona-Rettungspaket durchgehen würde, war lange fraglich. Letztlich wurde es mit knapper Mehrheit beschlossen.

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