Tausende Jobs bedroht

„Anfang vom Ende“: Stimmung bei Daimler am Boden, Mitarbeiter sind „zu Tode erschreckt“

  • Valentin Betz
    vonValentin Betz
    schließen

Daimler fährt einen massiven Sparkurs - größtenteils auf Kosten der Mitarbeiter. Betriebsratschef Michael Brecht richtete deshalb klare Worte an den Vorstand.

Stuttgart - Die Daimler AG sieht sich durch den Umstieg auf das E-Auto und die Corona-Krise zum Sparen gezwungen. CEO Ola Källenius hatte deshalb zuletzt außergewöhnliche Neuigkeiten. Er kündigte eine Spaltung der Daimler AG in zwei Teile an. Mercedes-Benz und die LKW-Sparte werden künftig eigenständige Unternehmen sein.

Der Fahrzeughersteller aus Stuttgart will damit seine Zukunftsfähigkeit sichern und gerade im LKW-Bereich drastisch Stellen abbauen. Kurzfristig müssen also die Mitarbeiter den Preis für den harten Sparkurs zahlen. Dabei drohte bereits vorher in sechs deutschen Werken von Daimler ein massiver Stellenabbau.

Der Betriebsrat kämpft für die Rechte der Daimler-Angestellten - bislang meist diplomatisch, wie das Handelsblatt schreibt. Zuletzt kündigte Daimler einen neuen Verbrenner an - der mit Geely auch in China gebaut wird. Das brachte das Fass jetzt offenbar zum Überlaufen. Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht richtete deutliche Worte an den Vorstand.

Betriebsratschef der Daimler AG: Produktion von Motoren in China sorgt für Unverständnis

Mitarbeiter zeigten sich bereits „fassungslos“ über die Entscheidung von Daimler. Auch bei Michael Brecht, dem Betriebsratschef der Daimler AG, scheint durch die Verkündung der Geduldsfaden gerissen. „Wichtig ist für uns, dass die deutschen Standorte bei weitreichenden Produktentscheidungen wie beispielsweise der neuen Motorengeneration eine faire Chance erhalten und beim Zuschlag in Betracht gezogen werden“, erklärte Brecht dem Handelsblatt. „Das war hier nicht der Fall.“

Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht wirft dem Vorstand unter anderem „schlechten Stil“ und „Beratungsresistenz“ vor.

Wie das Handelsblatt schreibt, ist Michael Brecht eigentlich für Diplomatie bekannt. Seit 2014 bemüht sich der Betriebsratschef, Kompromisse zu finden und stets die Interessen von Management und Mitarbeiter in Einklang zu bringen. Doch jetzt scheint auch er von dieser Herangehensweise genug zu haben.

„Der Vorstand schießt übers Ziel hinaus. Die Belegschaft ist doch nicht der Feind“, erklärte Michael Brecht dem Handelsblatt. „Eine Beziehung, in der man sich weigert, aufeinander zuzugehen, hält nicht lange. Wir sind an einem kritischen Punkt“, so Michael Brecht weiter.

Daimler AG: Betriebsratschef kann Stellenabbau in Stuttgart und Berlin nicht verstehen

Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht stört besonders, dass in China Motoren gebaut werden sollen, während in Werken der Daimler AG in Stuttgart und Berlin massiver Stellenabbau droht. Durch den Umstieg zur E-Mobilität stellt Daimler nach 118 Jahren die Produktion von Verbrennern in Berlin ein. In der ältesten Fabrik von Daimler könnten mehr als die Hälfte der 2.500 Jobs in den kommenden Jahren wegfallen. „Das ist keine Verhandlungsgrundlage, das wäre der Anfang vom Ende des Berliner Werks“, sagt Brecht zum Handelsblatt.

Ein ähnliches Schicksal steht dem Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim bevor. Tausende Mitarbeiter versammelten sich deshalb vor der Daimler-Zentrale zu Kundgebungen. Trotzdem Motoren in China herzustellen ist für Michael Brecht daher unerklärlich. „Das ist ein schlechter Stil, mit dem wir uns leider immer häufiger konfrontiert sehen“, sagte der Betriebsratschef dem Handelsblatt.

Als Vertreter der Belegschaft versteht Michael Brecht die Gangart des Daimler-Vorstands nicht. „Alle bei Daimler wissen, dass wir in einer schwierigen Situation sind, aber muss man die Leute wirklich beinahe zu Tode erschrecken?“, so Michael Brecht gegenüber dem Handelsblatt. Sorgen bereitet dem Betriebsratschef auch der geplante „Kahlschlag“ bei Daimler-Trucks. Insgesamt beschreibt der Betriebsratschef den Vorstand als „absolut beratungsresistent.“

Daimler-Betriebsratschef warnt Vorstand: Mitarbeiter fühlen sich bedroht

Der massive Stellenabbau im Zuge des Sparprogramms bei der Daimler AG führe dazu, dass sich momentan alle Beschäftigten bedroht fühlen, so Michael Brecht. Er warnte den Daimler-Vorstand deshalb vor Konsequenzen. „Wenn der Vorstand weiter einseitig Entscheidungen fällt und uns nur noch über das Ergebnis informiert, wird das schwerwiegende Folgen für die Beziehung zu uns Arbeitnehmervertretern haben“, so der Betriebsratschef zum Handelsblatt.

Die Betriebsräte der Daimler AG planen deshalb gemeinsam mit der IG Metall in der kommenden Woche konzertierte Aktionen über alle Daimler-Standorte hinweg. „Das gab es bei Daimler noch nie“, erklärte Michael Brecht dem Handelsblatt und drohte: „Wenn auch dieser Protest nicht verfängt, werden die Entscheidungen schwerer werden, bei denen der Vorstand unsere Zustimmung benötigt.“

Daimler-Betriebsratschef kritisiert momentane Strategie des Fahrzeugherstellers

Besonders im Hinblick auf den Umstieg zur E-Mobilität wünscht sich der Betriebsratschef Michael Brecht ein Umdenken des Vorstands. „Nur Restrukturieren geht nicht, das hat mit Unternehmertum nichts zu tun, wir müssen parallel Perspektiven schaffen, das Geschäft nach vorne treiben.“

Dabei spielt er auf eine Erkenntnis an, die zuletzt sogar wissenschaftlich belegt wurde. Eine Studie fand heraus, dass die E-Mobilität Daimler & Co. weniger schaden könnte, als gedacht. Denn der Stellenabbau durch die Produktion von E-Autos hängt hauptsächlich daran, dass viele Teile wie beispielsweise die Batterie nicht selbst von Daimler hergestellt werden.

„Wir brauchen mehr Fertigungstiefe bei der Elektromobilität“, sagte Michael Brecht deshalb. Aus Sicht der Betriebsräte und einiger Manager sollte Daimler stärker in eigene Fertigungen für Batteriezellen und andere Komponenten für Elektrofahrzeuge investieren. „Es ist ein Irrglaube anzunehmen, draußen wäre alles viel günstiger.“ Daimler könne viele Produkte fürs Stromzeitalter selbst genauso gut herstellen, mitunter sogar besser und billiger, so der Betriebsratschef zum Handelsblatt.

Rubriklistenbild: © Simon Sachseder/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare