Autonomes Fahren

Millionengrab: Daimler und BMW setzen auf Projekt, das laut Elon Musk „eine wirklich schlechte Idee“ ist

Montage: Elon Musk schaut skeptisch, daneben ein Mercedes-Benz auf einer Straße
+
Daimler setzt auf 3D-Karten - eine Technologie, die Tesla-Chef Elon Musk massiv kritisiert.
  • Berkan Cakir
    VonBerkan Cakir
    schließen

Die Daimler AG könnte schon im Herbst das erste selbst fahrende Auto auf die Straße schicken. Die Software dafür kommt von Here. Doch die Niederländer brocken nur Verluste ein.

Stuttgart - Im Auto Netflix einschalten, gemütlich im Sessel zurücklehnen, das Lenkrad loslassen und lässig beide Hände hinter dem Kopf verschränken, während das Auto weiterfährt - bald soll das in Deutschland möglich sein. Ende Mai hat der Bundesrat den Gesetzesentwurf für das autonome Fahren abgesegnet. Das erste Auto, das Passagiere auf heimischen Straßen hochautomatisiert transportiert, könnte bereits in diesem Herbst die S-Klasse der Daimler AG sein. Zumindest auf der Autobahn könnte die Fahrt dann ein Computer bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde übernehmen, wenn beispielsweise Stau oder stockender Verkehr herrscht.

Deutsche Autobauer setzen dabei auf HD-Karten, mit der millimetergenau Gebäude und Hindernisse erfasst werden können. Auch die Ingenieure von Daimler-Chef Ola Källenius versprechen sich viel von dieser Technologie. Die präzisen Karten liefert das Unternehmen Here Technologies. Die Firma mit Sitz in Amsterdam soll den deutschen Autoherstellern im Kampf gegen die Tech-Konkurrenz aus den USA helfen. Google, Apple und Tesla arbeiten selbst kräftig an der Entwicklung des autonom fahrenden Fahrzeugs. Das Unternehmen von Elon Musk setzt dabei aber auf eine andere Technik.

Daimler AG übernahm Teil von Here 2015 - seither schreibt das Unternehmen rote Zahlen

Gerade an der Technologie scheiden sich in der Praxis die Geister. Elon Musk selbst hält nicht viel von 3D-Karten wie der von Here. Als „eine wirklich schlechte Idee“, bezeichnete er sie zuletzt. Zu teuer sei die Technik, und zu langsam, um auf Veränderungen zu reagieren. Der US-Pionier Tesla setzt stattdessen nur auf Kameras an den Autos, die die Straße voraussehen und so auf Hindernisse reagieren.

Fakt ist: Kartenlieferant Here schreibt seit Jahren rote Zahlen. Ende 2015 übernahmen Daimler, BMW und Audi das Unternehmen für 2,6 Milliarden Euro. Laut einem Bericht des Handelsblatt brockt Here seither seinen Mehrheitsgesellschaftern nur Verluste ein. Kumuliert stünden rund 1,3 Milliarden Euro Minus in den Büchern. Das Corona-Jahr tat sein Übriges: Der Umsatz brach 2020 um fast ein Viertel ein, auf rund 857 Millionen Euro.

Daimler AG hat zuletzt angekündigt, die Gelder für autonomes Fahren zu kürzen

Auch Daimler hat kürzlich angekündigt, bei der entscheidenden Zukunftstechnologie zu kürzen. Man müsse sparen und Prioritäten setzen, sagte Ola Källenius. Autonomes Fahren steht demnach nicht mehr ganz oben auf der Liste. Zunächst will sich der Autobauer aus Stuttgart auf die E-Mobilität konzentrieren. Zuletzt brachte Daimler den EQS auf die Straße, der zum Super-Konkurrenten für Tesla werden soll.

Fest steht, dass die Gesellschafter von Here, zu denen auch Bosch gehört, ihre Verluste minimieren und Gewinne sehen wollen. Die Entwicklung des autonomen Fahrens gilt ohnehin als teuer. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die Kunden auf die Technologie reagieren. Wird ihr überhaupt vertraut werden?

Die Daimler AG scheint das Feld dem US-Pionier zu überlassen

Here gerät angesichts dessen unter Druck, vor allem auch weil sie enorm von der Autoindustrie abhängig sind. 71 Prozent des Umsatzes soll laut Handelsblatt aus der Fahrzeugbranche kommen. Here-Chef Edzard Overbeek prüfe derzeit weitere Optionen in andere Branchen, um Kapital zu generieren. Ein Börsengang steht im Raum.

Für Daimler ist die Technologie nicht vom Tisch. Das autonome Fahren sieht man nach wie vor als „Schlüsseltechnologie“. Mit den Kürzungen in diesem Bereich scheint es allerdings so, als würde der Konzern vorerst Tesla das Feld überlassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare