Sorge um die Zukunft des Stammwerks

Eiszeit bei Daimler: „Die Stimmung ist schlecht“ - Mitarbeiter in Angst

Das Logo der Daimler-AG ist an der Konzernzentrale zu sehen, im Vordergrund ist ein Mercedes-Stern auf einer Flagge abgebildet, die voller Regentropfen ist.
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Eiszeit bei der Daimler AG. Die Lage am Stammwerk in Untertürkheim spitzt sich weiter zu - Mitarbeiter sind in Sorge.
  • Julian Baumann
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Die Daimler AG befindet sich im Wandel. Durch die angekündigte Spaltung haben viele Mitarbeiter Angst um ihre Zukunft bei dem Autobauer - die Situation an der Konzernzentrale spitzt sich zu.

Stuttgart - Die Daimler AG ist nicht nur einer der größten und bekanntesten Autohersteller der Welt, sondern auch einer der Grundpfeiler der Wirtschaft in Stuttgart und ein beliebter Arbeitgeber. Dementsprechend sind die Angestellten oft auch Stolz darauf, „beim Daimler“ oder „beim Benz“ zu arbeiten. Die vergangenen Monate waren für die Mitarbeiter des schwäbischen Konzerns jedoch alles andere als einfach. Durch den groß angelegten Sparplan von CEO Ola Källenius wurden an Standorten weltweit Tausende Stellen gestrichen. Auch die Umstrukturierung auf die E-Mobilität und die Folgen des Coronavirus in Baden-Württemberg trugen zu den Problemen bei den Daimler-Angestellten bei.

Zu Beginn des Jahres machte die Daimler AG mit einer Hammer-Nachricht von sich reden. Der Konzern, der bis auf die Erfinder des Automobils Gottlieb Daimler und Carl Benz zurückgeht, wird bald zumindest in der aktuellen Form nicht mehr existieren. Zukünftig soll demnach die Auto-Sparte als Mercedes-Benz AG unabhängig operieren, während die Lkw-Sparte als Daimler Truck AG ebenfalls unabhängig an die Börse gehen soll.

Die Nachricht der Spaltung führte bei der Belegschaft zu Sorgen über ihre Zukunft bei dem Autobauer. Aktuell verhandeln der Betriebsrat und die Werkleitung der Konzernzentrale über die Zukunft des Werkes in Untertürkheim, einem Stadtteil der Landeshauptstadt Stuttgart. Dadurch haben die Mitarbeiter vor Ort erst recht Angst um ihre Zukunft, wie die Stuttgarter Nachrichten berichten.

Daimler AG: Zukunft der Konzernzentrale in Stuttgart - „Stimmung ist schlecht“

Die Daimler AG stellte im vergangenen Jahr das neue Modell des Flaggschiffs S-Klasse in der „Factory 56“ in Sindelfingen vor. Diese Fabrik soll das neue Herz der Elektroreihe EQ werden, der Konzern setzt seinen Fokus immer mehr auf die E-Mobilität. Das Werk in Untertürkheim, wo sich auch die Konzernzentrale befindet, sei für Daimler dagegen zu teuer, berichten die Stuttgarter Nachrichten. Deshalb ist die Zukunft des Standorts ungewiss. „Die Stimmung ist schlecht, überall wird gespart“, sagte ein Mitarbeiter, der in der Gießerei des Werkes arbeitet. Das würde auch die Arbeitsmoral der Daimler-Mitarbeiter beeinträchtigen, denn Stimmung sei das Wichtigste.

Während der Betriebsrat und die Werksleitung der Daimler AG über die Zukunft des Standorts in Untertürkheim verhandeln, wird die hochmoderne Fabrik in Sindelfingen immer wichtiger. „Es wird zwar noch teilweise [in das Werk in Untertürkheim Anm.d.Red.] investiert, aber nicht so viel wie in das Werk in Sindelfingen“, sagte der Mitarbeiter den Stuttgarter Nachrichten. Die Probleme an diesem Standort sind nicht neu. Bereits kurz vor Weihnachten 2020 kämpften Daimler-Angestellte mit einer bewegenden Aktion vor der Konzernzentrale um ihre Jobs. Das Werk hängt größtenteils noch am Verbrenner, den die Daimler AG viel früher abschaffen will als erwartet.

Daimler AG: Umstellung auf E-Autos könnte weitere Opfer fordern

Die Transformation der Automobilbranche hin zu klimafreundlichen Antrieben fordert auch bei der Daimler AG seit Monaten ihren Tribut. Das gilt jedoch nicht nur für die Auto-Sparte des Herstellers. Auch die Daimler Truck AG will zukünftig auf die E-Mobilität setzen. Betriebsratschef Michael Brecht wandte sich mit einem persönlichen Brief an die Mitarbeiter. Demnach sollen bis 2033 rund 40 Prozent der Stellen wegfallen. Doch auch beim Werk in Untertürkheim sollen durch die Priorisierung auf die Elektroantriebe bis 2025 rund 4.000 Stellen abgebaut werden.

Nach dem Aufstand der Mitarbeiter des Werkes kündigte die Daimler AG zwar an, doch Tausende Jobs retten zu wollen, das wird den Wandel allerdings nicht aufhalten. „Mich besorgt ein drohender Stellenabbau“, sagte ein Angestellter in der Logistik den Stuttgarter Nachrichten. Die Zukunftssicherung des Standortes bis 2030 halte er für eine Makulatur, da sei das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Über den Verlauf der kommenden Jahre wird die Fertigung von Verbrennern im Werk immer weiter abnehmen. Dadurch sind unzählige Stellen in Gefahr, denn 95 Prozent der Jobs in der Autobranche hängen am Verbrenner. Auch dass Elektroautos aus deutlich weniger Teile bestehen, führt bei den Mitarbeitern zu Sorgen. Bislang sei jedoch noch nicht abzusehen, wie viele Stellen dadurch wegfallen werden.

Daimler AG: Umbau des Werkes in Untertürkheim - nicht alle Mitarbeiter sehen schwarz

Für die Mitarbeiter der Daimler AG gab es in den vergangenen Tagen zumindest eine gute Nachricht, auch wenn diese angesichts der Lage nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein dürfte. Nach dem unerwartet hohen Gewinn des Konzerns im vergangenen Jahr regte sich Widerstand gegen die Arbeitszeit- und Lohnkürzungen. Daimler knickte ein, 135.000 Mitarbeiter bekommen eine Prämie von 500 Euro.

Trotz der überraschend guten Zahlen im vergangenen Jahr will der Autobauer jedoch weiter sparen. Nicht alle Mitarbeiter in Untertürkheim sehen mit Angst in die Zukunft. „Die Stimmung ist bis jetzt trotzdem ruhig“, sagte ein Angestellter aus der Achsenfertigung den Stuttgarter Nachrichten. Wenn der Konzern dem Werk Fertigungsprozesse entnehme, müsse es einen Ausgleich geben. „Wir sind schließlich das Leitwerk für Antriebe von Mercedes-Benz.“

Die Achsenfertigung bei der Daimler AG ist einer der Bereiche, der durch die Umstrukturierung auf die E-Mobilität wegfallen könnte. Die Stimmung in der Fertigung ist aktuell jedoch zweigeteilt. „Es gibt die Sorge um den Arbeitsplatz“, sagte ein Mitarbeiter. „Noch brauchen auch E-Autos unsere Achsen, aber wer weiß, was in Zukunft ist.“ Einer seiner Kollegen sieht die Lage allerdings noch nicht so dramatisch. „Ohne Achse dreht sich kein Rad, auch nicht das von einem Elektroauto“, sagte er den Stuttgarter Nachrichten. Aktuell sei die Zentrale Frage, wie sich der Konzern in Bezug auf die Umstrukturierung zukünftig aufstelle. Für das Daimler-Werk in Untertürkheim wird schon bald eine Einigung erwartet.

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