Daimlers E-Strategie

Daimler & Co: „Tesla ist kein Vorbild für die deutsche Autobranche“, sagt Fahrzeugtechnik-Professor

Mercedes E-Klasse neben Elon Musk, der triumphierend den Arm hebt
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Daimler muss zu Tesla aufholen - Gründer Elon Musk hat Dank politischer Entscheidungen gut lachen.
  • Berkan Cakir
    vonBerkan Cakir
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Wäre die E-Auto-Strategie der Daimler AG ohne Tesla da, wo sie heute ist? Ein Autoexperte aus Stuttgart glaubt nicht an eine Vorbildfunktion des US-Unternehmens.

Stuttgart - In der vergleichsweise jungen Geschichte von Tesla stand das US-Unternehmen bereits mehrmals vor der Pleite - etwa vor zwölf Jahren. Damals eilte ein weitaus älterer Konzern zur Hilfe, der auf mehr als hundert Jahre Erfahrung in der Automobilbranche zurückblickt: Die Daimler AG kaufte Aktien des US-Unternehmens im Wert von rund 50 Millionen Euro und sicherte damit auch den Fortbestand von Elon Musks E-Auto-Start-Up.

Seither hat sich der Börsenwert von Tesla vervielfacht und übersteigt mittlerweile gar den seines einstigen Retters aus der Landeshautstadt Stuttgart. Die Amerikaner gelten heute als Pionier in Sachen E-Mobilität. Spätestens seit Elon Musk in Brandenburg eine Gigafactory aus dem Boden stampft, von der aus vom kommenden Sommer an hunderttausende E-Autos auf die Straßen rollen sollen, dürfte den deutschen Autobauern bewusst geworden sein, dass das elektrische Zeitalter in der Autobranche auch hierzulande angeklungen ist.

Daimler AG ist der Jäger, Tesla der Gejagte

Nicht umsonst hat etwa Daimler-Chef Ola Källenius die Strategie des Unternehmens komplett neu ausgerichtet. Unter ihm beschleunigt der Konzern die Elektrifizierung, was mitunter auch bedeutet, dass Daimler den Verbrenner noch früher zum Sterben verurteilt. Nicht anders ist das bei VW und BMW, die ihre E-Strategien ausweiten und Stück für Stück den Anteil des Verbrennungsmotors in den eigenen Flotten verringern.

Angesichts dessen werden immer mehr Stimmen laut, die behaupten, dass der Wandel in der deutschen Autoindustrie ohne US-Pionier Tesla überhaupt nicht vorstellbar gewesen wäre. Als „Tesla-Jäger“ etwa wurde der von Ola Källenius zuletzt bei einer Weltpremiere vorgestellte EQS bezeichnet. Die elektrisch betriebene S-Klasse von Daimler soll eine Kampfansage an die Amerikaner sein. Darin wird auch die zugeschriebene Rollenverteilung klar: Daimler ist Jäger, Tesla der Gejagte an der Spitze.

Daimler AG: Den Einfluss hat nicht Tesla, sondern die Politik ausgeübt

Ganz so würde es Michael Bargende allerdings nicht darstellen. Der Inhaber des Lehrstuhls für Fahrzeugantriebe an der Universität Stuttgart sieht nicht Tesla, sondern ganz andere Gründe für das Umdenken bei den deutschen Autobauern. „Den Einfluss hat nicht Tesla ausgeübt, sondern die Politik, die die Vorgaben macht“, sagt Bargende.

Die Bundesregierung muss auf Grundlage der EU-Vorgaben die Emissionen im Verkehrssektor bis 2030 deutlich senken. Unter anderem wird dafür der Umstieg auf E-Autos subventioniert, die per se als CO2-frei gelten - unabhängig davon, wie viel davon etwa bei der umweltschädlichen Batterieherstellung entsteht. Nur vor diesem Hintergrund sei auch der Erfolg von Tesla zu erklären, so der Wissenschaftler.

Die Kalifornier haben beste Voraussetzungen für den Erfolg: Vor allem in Sachen Infrastruktur sieht der Stuttgarter Uniprofessor Tesla um Längen voraus. Die E-Mobilität habe eigentlich kein Reichweiten-, sondern viel mehr ein Infrastrukturproblem. Und: „Tesla gibt es heute noch, weil sie mutig waren und ihre eigene Ladeinfrastruktur aufgebaut haben“, sagt Michael Bargende.

Weltweit betreibt das Unternehmen eigenen Angaben zufolge mehr als 20.000 „Supercharger-Ladesäulen“, die exklusiv Tesla-Fahrer nutzen können; in Deutschland sind es etwas mehr als 100. Während Tesla auf dieser Grundlage aufbauen kann, rechnet Michael Bargende hingegen nicht mit einer flächendeckenden und massentauglichen Schnellladeinfrastruktur vor 2025.

Daimler AG, VW und Co. sind in Sachen Qualität voraus

Hinzu komme das positive Image, das Elon Musk um sein Unternehmen herum aufgebaut habe und das - trotz einiger gefährlicher Ladeunfälle im Zusammenhang mit den E-Autos von Tesla - unerschütterlich scheint, ähnlich wie das etwa bei Apple der Fall ist. Das Image sei auch ein Grund dafür, warum es viele Daimler-Ingenieure zum Konkurrenten ziehe, so Michael Bargende. „Zudem kann ich mir vorstellen, dass bei Tesla gut gezahlt wird“, sagt er.

All das täusche aber nicht darüber hinweg, dass die deutschen Autohersteller in der Verarbeitungsqualität ihrer Autos nach wie vor die Nase vorn haben. Das werde bei E-Autos in allen technischen Aspekten wie der Fahrdynamik oder dem Karosseriebau nicht anders sein. „Ein Auto wie das Model S von Tesla, bei dem der Einstieg auf die Rücksitze so unbequem ist, würde der Daimler nicht verkaufen können“, sagt Michael Bargende.

Daimler AG: Tesla dient eher nicht als Vorbild

Für den Stuttgarter Uniprofessor kann daher von einer Art Vorbildfunktion von Tesla für die deutsche Autoindustrie nicht die Rede sein. Viel mehr handle es sich um die politischen Randbedingungen, die dem US-Pionier den Wettbewerbsvorteil verschafften. Michael Bargende ist sich sicher: „Wenn die Politik nicht so entschieden hätte, dann hätte sich Tesla nicht so entwickelt.“

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