Strukturwandel der Autobranche

Daimler, BMW & Co.: 100.000 Jobs bedroht - Notlösung soll sterbende Branche noch am Leben halten

  • Valentin Betz
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Den Zulieferern der Fahrzeugbranche geht es schlecht. Daran sind auch Daimler, BMW und Co. schuld. Ein Fonds soll den Betrieben deshalb jetzt helfen.

Stuttgart - Die Autoindustrie kämpft ums Überleben. Unternehmen wie die Daimler AG versuchen mit allen Mitteln, den Strukturwandel zu meistern. Denn dass der Verbrenner keine Zukunft mehr hat, sollte Daimler, BMW und Co. spätestens Mitte September glasklar geworden sein. Die EU hatte angekündigt, den Verbrenner verbieten zu wollen - ein Albtraum für Daimler. Die Auflagen für Fahrzeughersteller werden sogar noch verschärft, sie sollen bis 2030 „rund 50 Prozent“ weniger Treibhausgase ausstoßen als noch 1990.

Den Druck, der jetzt auf Daimler, BMW und Co. lastet, haben sich die Fahrzeughersteller selbst zuzuschreiben. Lange haben sie die Elektromobilität ignoriert und verschlafen. Damit nicht genug, zogen die Konzerne gleich eine ganze Branche noch mit in die Misere: Die Zulieferer für Teile von Verbrennungsmotoren. Die beklagen, von Daimler, BMW und Co. regelrecht ausgepresst worden zu sein. Das Handelsblatt warf den Fahrzeugbauern vor, die Zulieferer mit knallharter Preispolitik an den Rand der Existenz gebracht zu haben und so möglicherweise zu einem Massensterben und Job-Vernichtung beizutragen. Ein Fonds soll jetzt zur Rettung der Zulieferer beitragen - und das Schlimmste verhindern.

Daimler, BMW und Co. tragen zur Misere der Zulieferer bei, weil sie sich nicht auf E-Auto-Teile spezialisieren konnten

Mögliche Jobverluste sind dabei nicht nur düstere Zukunftsvision. Die Auswirkungen des Strukturwandels zur Elektromobilität sind schon jetzt spürbar. Der Daimler-Zulieferer Continental plant mit 30.000 Stellen einen massiven Abbau. Aber auch Unternehmen in Stuttgart sind bedroht. Daimler-Zulieferer Mahle entlässt 7.600 Angestellte. Auch die Welt macht dafür Daimler, BMW und Co. verantwortlich. Die Zulieferer „wurden immer knapp gehalten von den knallharten Einkäufern der Konzerne, viel Raum für neue Forschungen ist ihnen nie geblieben“, schreibt die Welt. Mit dem raschen Strukturwandel können zahlreiche Betriebe nicht mithalten - und Daimler, BMW und Co. produzieren die Teile für Elektroautos jetzt ohnehin lieber selbst oder in China.

Auch die Daimler AG kann und soll sich an dem Fonds zur Rettung der Zulieferer beteiligen.

Laut Welt geht das Center for Automotive Research davon aus, dass bis 2030 60 Prozent aller Fahrzeuge reine Elektroautos sein werden. Durch den Strukturwandel hin zur Elektromobilität seien rund 100.000 Jobs in der Branche bedroht. Das heißt aber auch, dass 40 Prozent der Fahrzeuge noch Teile für Verbrennungsmotoren benötigen. Ein Massensterben der Zulieferer können sich Daimler, BMW und Co. also nicht leisten. Die Rettung könnte ein Fonds sein, der Mehrheitsbeteiligungen an Zuliefer-Betrieben erwerben soll.

Daimler, BMW und Co. brauchen die Zulieferer - ein Fonds soll deshalb zur Rettung zahlreicher Betriebe beitragen

Der Fonds mit dem Namen „Best Owner Group“ gründet sich laut Welt derzeit auf Initiative der Gewerkschaft IG Metall. Er soll eine halbe Milliarde Euro an Kapital einsammeln, um Zulieferer von Daimler, BMW und Co. aufzukaufen, deren Produkte mit dem Ende des Verbrennungsmotors nicht mehr gebraucht werden. „Das Modell richtet sich als Beteiligungsmodell an Zulieferer von Technik und Bauteilen von Verbrennungsmotoren. Da selbst bei einem deutlich steigenden Anteil alternativer Antriebe die Produktion von Verbrennungsmotoren auch über 2030 hinaus weiterlaufen wird, gilt es, den Bestand – trotz allmählich sinkender Stückzahlen – zu sichern“, heißt es in einem Papier der Gewerkschaft dazu, das der Welt vorliegt.

Bei dem Fonds geht es vor allem darum, den Zulieferern mehr Zeit zu geben, um sich an den Strukturwandel hin zur Elektromobilität anzupassen. „Eine schnellere Transformation bedeutet auch, dass mehr Arbeitsplätze und ganze Firmen in bestimmten Bereichen unter Druck geraten oder verloren gehen“, sagte Volkswagen-Chef Herbert Diess kürzlich der Welt am Sonntag.

Der Fonds soll laut IG Metall die Zulieferer „bis zum Auslaufen der nicht erneuerbaren Produkte professionell begleiten“. Der Abbau von Stellen könne dadurch gestreckt und sozialverträglich an die Altersstruktur der Beschäftigten angepasst werden. Ob am Ende dann aber trotzdem die Schließung von Betrieben steht oder die Zulieferer die Transformation hin zur Herstellung von E-Auto-Teilen erreichen, ist bislang unklar. An dem Fonds sollen sich laut Welt nicht nur private Investoren beteiligen: Auch Daimler, BMW und Co. können sich als Fahrzeughersteller daran beteiligen. Eine Möglichkeit zur Wiedergutmachung also.

Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

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