Tausende Jobs in Berlin bedroht

Daimler baut ein ganzes Werk um - Betriebsrat fühlt sich überrumpelt: „Salami-Taktik“

Start der neuen C-Klasse im globalen Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz
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In Kooperation mit Siemens will die Daimler AG die Digitalisierung der Werke weiter vorantreiben (Symbolbild).
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Die Daimler AG will bei der Digitalisierung der Produktion schneller vorankommen und kooperiert mit dem Münchner Konzern Siemens - der Betriebsrat in Berlin fühlt sich überrumpelt.

Update vom 14. April, 11:17 Uhr: Nach langen und zermürbenden Verhandlungen steht das Schicksal des ältesten deutschen Werkes der Daimler AG fest. Nach über 118 Jahren wird die Verbrenner-Produktion am Standort in Berlin-Marienfelde eingestellt. An der Stelle des bisherigen Motorenwerks des Stuttgarter Autobauers soll ein Digitalcampus für Software und E-Autos entstehen. Dabei kooperiert der schwäbische Autokonzern mit dem Münchner Unternehmen Siemens. Für den Standort in Berlin und vor allem auch für die rund 2.500 Angestellten bedeutet der Umbau eine große Veränderung. Viele Mitarbeiter befürchten einen radikalen Stellenabbau.

Am Berliner Werk der Daimler AG herrschte monatelang Ungewissheit in Bezug auf die Zukunft des Werkes und die Zukunft der Mitarbeiter in der Verbrenner-Produktion. Die endgültige Entscheidung, aus der Fabrik einen sogenannten „Digital Factory Campus“ zu machen, habe die Konzernleitung quasi über Nacht entschieden, berichtet Business Insider. Laut dem Nachrichtenmagazin kritisierte der Betriebsrat das Vorgehen der Leitung um Daimler-Chef Ola Källenius und warf dem Vorstand eine „Salami-Taktik“ vor. Bislang fehle nach wie vor eine klare Ansage, wie viele Stellen am Daimler-Werk in Marienfelde durch die Transformation letztendlich wegfallen werden.

Auch die Gewerkschaft IG Metall bemängelt die fehlende Kommunikation zwischen der Daimler AG und dem Betriebsrat am Standort in Berlin. „Man kann das mit dem Kochen einer guten Suppe vergleichen: Da fehlen bisher noch einige Zutaten“, sagte der zuständige Sekretär Jan Otto laut Business Insider. „Etwa die klare Ansage, wie viele Jobs dort nun wegfallen werden.“ Grundsätzlich begrüße er jedoch die Entscheidung des Stuttgarter Autokonzerns. Die Digital-Campus-Initiative entspräche nämlich den Forderungen in weiten Teilen der Gewerk- und Belegschaft. Die IG Metall hatte zuvor gefordert, die Angestellten in Berlin entsprechend umzuschulen. Die Umrüstung des Traditionsstandortes der Daimler AG hin zum E-Auto sei ein Schritt in die richtige Richtung, so Otto.

Erstmeldung vom 30. März: Stuttgart - Die Daimler AG setzt ihren Fokus aktuell auf die groß angelegte Transformation zur E-Mobilität und stellt die Fahrzeugproduktionen in vielen Werken entsprechend um. So soll beispielsweise das Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim zu einem Elektrocampus umgebaut und im Werksteil Hedelfingen eine Batteriefabrik für den kommenden EQS angesiedelt werden. In den Werken wird die Produktion der Diesel- und Benziner-Modelle immer weiter zurückgefahren und der Fokus auf die Herstellung von E-Autos gelegt. Bis 2025 will der Stuttgarter Autobauer über zehn neue Modelle der elektrischen Baureihe EQ auf den Markt bringen.

Die Transformation zur E-Mobilität könnte bei der Daimler AG erneut zu massivem Stellenabbau führen. Die Produktion von E-Autos benötigt insgesamt deutlich weniger Personal als die Herstellung von Verbrenner-Modellen. Der Betriebsrat des Konzerns aus der Landeshauptstadt Stuttgart fordert seit Langem, die Mitarbeiter entsprechend umzuschulen, statt Tausende Stellen abzubauen. Bei diesem Vorhaben soll nun der Konzern Siemens mit Hauptsitz in München helfen. In Kooperation mit der Daimler AG soll die Automatisierung der Produktionsvorgänge beim schwäbischen Autobauer deutlich schneller voranschreiten, berichtet die Deutsche Presseagentur (dpa).

Daimler AG: Kooperation mit Siemens bei der Digitalisierung - Berliner Standort als Modellprojekt

Die Schwerpunkte des Münchener Mischkonzerns Siemens sind unter anderem die Digitalisierung und Automatisierung der Industrie. Dementsprechend soll das Unternehmen diese Aspekte auch bei der Daimler AG vorantreiben. Ziel sei es, die Daimler-Produktion technologisch auf die nächste Ebene zu hieven, heißt es von den beiden Konzernen. Daneben soll Siemens auch helfen, die Mitarbeiter des Autobauers digital zu schulen. „In den nächsten Jahren wollen wir die gesamte Belegschaft an weltweit allen Produktionsstandorten digital durchqualifiziert haben“, sagte Jörg Burzer, Vorstandsmitglied der Daimler-Tochter Mercedes-Benz, am Montag gegenüber der dpa.

Die Daimler AG verkündete kürzlich die Pläne für das älteste noch aktive Werk des Konzerns in Berlin-Marienfelde. Nach über 118 Jahren wurde die Verbrenner-Produktion an dem Standort eingestellt. Daimler legt ganzes Werk still und will etwas völlig anderes daraus machen. An dem Standort soll zukünftig ein Digitalcampus für E-Autos und Software entstehen, das Werk dient auch als Modellprojekt für die Digitalisierung der Produktion. In Berlin sollen zunächst mithilfe von Siemens neue Produktionsprozesse getestet und weiterentwickelt werden, um diese möglichst auch an anderen Daimler-Standorten einsetzen zu können, berichtet die dpa.

Bislang macht der schwäbische Autobauer jedoch noch keine genauen Angaben zu dem Stellenabbau in Berlin, der durch die Digitalisierung des Standortes entstehen könnte. In Kooperation mit Siemens sollen jedoch möglichst viele der insgesamt 2.500 Mitarbeiter der Daimler AG in Berlin digital umgeschult werden. „Wir wollen die Kolleginnen und Kollegen, die an den Bändern arbeiten, qualifizieren, damit sie digitale Applikationen entwickeln können“, sagte Jörg Burzer am Montag laut der Nachrichtenagentur Reuters. Den Angestellten solle dabei die Programmier-Plattform „Mendix“ von Siemens helfen, die auch ohne besondere IT-Kenntnisse zu bedienen sei.

Daimler AG und Siemens: Vertiefte Zusammenarbeit mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit

Die Daimler AG und Siemens arbeiten bereits jetzt in verschiedenen Bereichen zusammen. So liefert das Münchner Unternehmen beispielsweise Steuerungssoftware für Maschinen an den Stuttgarter Autobauer. Jetzt solle die Kooperation zwischen den beiden Konzernen noch deutlich vertieft werden, heißt es. Sowohl Daimler als auch Siemens investieren laut der dpa einen zweistelligen Millionenbetrag in die Digitalisierungspläne. Diese Angabe lässt jedoch auch Rückschlüsse für das Daimler-Werk in Berlin zu. Laut der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) kostet ein solcher Werksumbau mehrere Hundert Millionen Euro. Die Zeitung geht deshalb davon aus, dass der Standort durch die Umwandlung zum Digitalcampus deutlich verkleinert werde.

Der Schwerpunkt der Kooperation der Daimler AG mit Siemens soll auf der Nachhaltigkeit liegen. Laut den Angaben der Konzerne soll Siemens für Daimler Lösungen zur Energieeffizienz erarbeiten. Der Stuttgarter Autobauer will bis 2030 komplett CO2-neutral produzieren. Die kommende elektrische S-Klasse EQS wird bereits CO2-neutral in der „Factory 56“ in Sindelfingen produziert und soll im August auf den Markt kommen. Eine Studie entlarvte kürzlich den mangelnden Fortschritt bei der CO2-Bilanz und warf den Autobauern vor, die Angaben beschönigt zu haben. Die Kooperation mit Siemens soll das Vorhaben nun also weiter vorantreiben.

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