Käufer ist ein britischer Milliardär

Daimler stößt Werk endgültig ab und hinterlässt Verzweiflung: „Katastrophe“ für 1.600 Mitarbeiter

  • Anna-Lena Schüchtle
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Die Daimler AG verkauft ihr einstiges Vorzeige-Werk in Hambach an einen britischen Milliardär. Die Zukunft der 1.600 Mitarbeiter bleibt ungewiss.

Stuttgart/Hambach - Die radikale Umstrukturierung hin zur E-Mobilität fordert bei der Daimler AG ihre ersten Tribute. Dass der Fahrzeughersteller aus Stuttgart plant, sein einstiges Vorzeigewerk im französischen Hambach abzustoßen, stand zwar bereits seit Monaten fest. Jetzt jedoch herrscht bei den etwa 1.600 Mitarbeitern vor Ort Gewissheit: Die Fabrik wird verkauft. Für die Daimler AG und ihren Vorstand bedeutet das indes, dass sie nur knapp an einer großen Blamage vorbeischrammen.

Denn: Aufgrund der aktuellen Krise der Autobranche bedingt durch den zum Sterben verurteilten Verbrenner besteht in Europa derzeit nur wenig Bedarf an Autofabriken. Ironisch: Das Werk in Hambach galt für die Daimler AG einst als Aushängeschild für den Umstieg vom Verbrenner zum E-Auto. Angedacht war, dass der dort produzierte Smart die erste Automobilmarke der Welt werden sollte, die den kompletten Umstieg von Verbrennungsmotoren auf elektrische Antriebe umsetzt.

Daimler AG: Autobauer verkauft Werk in Hambach - E-Smart wird fortan in China produziert

Die Daimler AG verkauft sein Smart-Werk im französischen Hambach nun endgültig. 1.600 Arbeitsplätze sind dadurch gefährdet (Archivbild).

Der Verkauf des Werks wird von der Daimler AG jetzt jedoch ausgerechnet mit den Sparmaßnahmen begründet, die von CEO Ola Källenius zugunsten der Umstrukturierung hin zur E-Mobilität verhängt worden waren. Hintergrund des Verkaufs des Hambacher Werks ist eine Verlagerung der Produktionsstätte. Künftig will der Fahrzeughersteller mit dem Smart eines seiner beliebtesten E-Autos in China herstellen lassen - zusammen mit seinem Großaktionär Geely.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass der schwäbische Konzern plant, auch einen neuen Motor gemeinsam mit dem chinesischen Fahrzeughersteller in der Volksrepublik bauen zu lassen - um Kosten zu sparen, was seine Mitarbeiter „fassungslos“ macht. Aufgrund des massiven Sparkurses sind derzeit mehrere Standorte der Daimler AG bedroht. Allein in Stuttgart will der Fahrzeughersteller 4.000 Stellen abbauen, was jedoch auch viel Widerstand hervorruft.

Die Mitarbeiter des Werks der Daimler AG in Hambach hatten laut Stuttgarter Nachrichten (StN) hingegen keine andere Wahl mehr, als sich ihrem Schicksal in Person von Jim Ratcliffe zu beugen. Der britische Milliardär war der einzige Interessent am Kauf der Fabrik - ohne ihn hätte die Schließung gedroht, was für die Angestellten in der strukturschwachen Grenzregion Lothringens fatale Folgen gehabt hätte. „Es schmeckt so bitter“, sagte ein Gewerkschaftsvertreter aus Hambach gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Für die Daimler AG wäre dies zudem peinlich geworden, hätte eine Schließung doch eine Welle der Empörung in Frankreich ausgelöst. Für die kleine Gemeinde Hambach bedeuten die Entwicklungen so oder so enorme Einbußen in Bezug auf die Steuereinnahmen. „Der Weggang von Smart ist eine Katastrophe“, wurde Hambachs Bürgermeister von der StN in einem Artikel vom August zitiert.

Werk in Hambach: Verkauf durch Daimler AG - Belegschaft bleibt besorgt

Auch wenn das Werk durch die Daimler AG nun doch nicht geschlossen wird, ist der Verkauf für die Mitarbeiter dennoch kein Grund zur Beruhigung - zumindest nicht für alle. Als es sich bei Ineos Automotive als potenziellen Investor noch um ein Gerücht gehandelt hatte, befürchtete die Belegschaft bereits, dass sich das Produktionsvolumen durch die Übernahme verkleinern könnte. Der Verkauf des Werks hat daher vermutlich trotzdem Entlassungen zur Folge.

Jim Ratcliffe gilt als Nostalgiker und möchte in dem ehemaligen Werk der Daimler AG einen Geländewagen nach Vorbild des Land Rover Defenders 110 (siehe rechtes Bild im folgenden Tweet) herstellen lassen - die Produktion des Originals war erst 2016 eingestellt worden.

Für den angeblich reichsten Mann Großbritanniens erscheint das Risiko eines Verlustgeschäfts bei möglichem Scheitern auf den ersten Blick vergleichsweise gering. Der Geländewagen-Markt ist derzeit jedoch heiß umkämpft. Bereits ab Ende 2021 soll der Ineos Grenadier verkauft werden - von dessen Erfolg hängt dann insbesondere die Zukunft des Werks in Hambach und dessen Mitarbeiter ab.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Yoan Valat/EPA/dpa

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