Keine eigene Batterieproduktion

„Trauriges Bild“: Daimler blamiert sich mit E-Auto „vor aller Augen“, sagt ein Autoexperte

  • Valentin Betz
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Die Daimler AG sieht die Zukunft klar im E-Auto. Doch einen wichtigen Bereich klammert der Konzern aus. Ein Experte kritisiert diese Entwicklung massiv.

Stuttgart - Die Daimler AG hat mit der Corona-Krise und dem Wandel zur Elektromobilität eigentlich schon genug zu kämpfen. Doch besonders die neue Strategie, künftig auf E-Autos zu setzen, sorgt auch intern für Unruhe und viel Kritik.

Besonders die Tatsache, dass sich Daimler immer stärker nach China orientiert, stößt vielen Mitarbeitern auf. Zuletzt hatte Daimler ein Werk abgestoßen und Verzweiflung bei 1.600 Mitarbeitern hinterlassen. Einer der Gründe: Die Produktion des Smart wandert von dort nach China und wird von Geely übernommen. Das Unternehmen hält einen großen Teil der Aktien von Daimler.

Damit nicht genug, baut Daimler mit Geely sogar einen neuen Verbrenner in China. Das brachte in der Belegschaft das Fass zum Überlaufen. Die Daimler-Mitarbeiter zeigten sich „fassungslos“. Ähnlich sieht das auch Sahin Albayrak, Professor an der TU Berlin. Er findet, die gesamte deutsche Autobranche gibt im Batteriesegment „insgesamt ein trauriges Bild ab“, sagt er gegenüber dem Business Insider.

Daimler AG baut anders als Tesla keine eigenen Batterien - laut Experte ein Fehler

Den Experten stört dabei besonders die Art und Weise, wie Daimler und Co. das Fachwissen im Bereich Batterieherstellung verschenken. Denn die Daimler AG lagert die Produktion von Batterien für E-Autos an ausländische Firmen - auch in China - aus, so Sahin Albayrak. „Und nun kommt der Witz: Selbst auf deutschem Boden sind die größten Hersteller von Batterien chinesische und bald amerikanische Firmen, wenn Elon Musk seine Fabrik in Grünheide aufbaut. Man muss es mit aller Härte sagen: Die deutschen Autobauer werden gerade in ihrem eigenen Revier vor aller Augen vorgeführt“, erklärt der Experte dem Business Insider.

Ausgerechnet das Automobilland Deutschland und damit etablierte Autobauer wie die Daimler AG lagern also einen wichtigen Teil der E-Auto-Produktion ins Ausland aus, während Unternehmen wie Tesla, das in Deutschland gerade erst die Produktion aufbaut, dafür auf eigene Herstellung setzen.

Anders als die Daimler AG stellt Tesla seine Batterien zum größten Teil selbst her. Daimler hingegen kündigte eine stärkere Kooperation mit dem chinesischen Unternehmen Farasis an. Farasis baut eine Batteriefabrik im deutschen Bitterfeld-Wolfen. Für Sahin Albayrak ist das ein fataler Fehler.

Die Daimler AG will der führende Hersteller von E-Autos werden. Der Betriebsrat hält das für einen Fehler.

Kooperation mit China: Daimler AG gibt „absolutes Differenzierungsmerkmal“ aus der Hand

Die Herstellung von Batterien hält der Experte Sahin Albayrak für einen enorm wichtigen Bereich für die Daimler AG, aber auch für andere deutsche Autobauer. „Der Wettbewerb auf dem Automarkt wird in den kommenden Jahren auf drei Feldern entschieden: der effektivsten Batterie, intelligenten Komponenten und der besten Software.“

Dabei hatte die Daimler AG zumindest bei der Software Tesla und Google den Krieg erklärt. Der Konzern will diese zukünftig verstärkt selbst entwickeln. Warum der Fahrzeughersteller aus Stuttgart so nicht auch bei den Batterien vorgeht, ist für Sahin Albayrak unerklärlich. „Es ist ein historischer Fehler, dass Daimler die Batterieproduktion aus der Hand gibt. Wie kann man das absolute Differenzierungsmerkmal seiner Fahrzeuge in fremde Hände geben? Und dann auch noch an ein chinesisches Unternehmen“, so Sahin Albayrak zum Business Insider.

Batterieproduktion bei Daimler AG: Mitarbeiter sind sich mit Experten einig

Die Meinung des Experten Sahin Albayrak teilen auch Mitarbeiter der Daimler AG. Bereits im Sommer hatte ein Daimler-Betriebsrat die Batterieherstellung in Stuttgart gefordert. Nachdem durch die Nachricht über den Motorenbau in China die Laune bei Daimler am Boden war, erneuerte auch der Betriebsratschef Michael Brecht diesen Vorschlag.

Er forderte mehr Fertigungstiefe bei der Elektromobilität und fügte im Hinblick auf die Batterieherstellung der Daimler AG in China hinzu: „Es ist ein Irrglaube anzunehmen, draußen wäre alles viel günstiger.“ Experte Sahin Albayrak sieht dadurch vor allem eine stärkere Abhängigkeit entstehen.

„Das ist die Achillessehne von Daimler. Wenn sich einmal ein Mercedes-Manager aus Versehen kritisch äußert über die kommunistische Führung, dann kann es gut sein, dass den Stuttgartern die Batteriezufuhr gekappt wird“, so Sahin Albayrak gegenüber BI.

Rubriklistenbild: © Daimler AG

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