Takata-Skandal

Daimler: Lebensbedrohliche Airbags? Behörden nehmen sich Autobauer vor

Stephanie Erdman, die von einem Schrapnell eines Takata-Airbags im Auge getroffen wurde und auf diesem erblindete, spricht vor dem Senat in Washington.
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Der Skandal aufgrund schadhafter und gefährlicher Airbags des Unternehmens Takata beschäftigt die Autoindustrie seit über einer Dekade.
  • Julian Baumann
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Aufgrund von schadhaften Airbags untersucht die US-Verkehrsbehörde Millionen von Autos. Nun muss sich auch die Daimler AG einer Untersuchung unterziehen.

Stuttgart/New York - Die Daimler AG ist weltweit vor allem für die Marke Mercedes-Benz bekannt. Die Modelle mit dem Stern stehen für eine hohe Ingenieurskunst und Qualität „Made in Germany“. Dennoch kommt es auch bei Luxus-Modellen wie der S-Klasse oder dem vollelektrische EQS zu Defekten. Im Mai musste Daimler über 340.000 Autos in den USA zurückrufen, aufgrund eines Defekts bei der Rückfahrkamera. Aufgrund eines möglichen Fehlers beim Multimedia-System könne es zum Ausfall des Monitors und erhöhten Unfallrisiken kommen, hieß es in Unterlagen der US-Verkehrsbehörde NHTSA.

Diese US-Verkehrsbehörde leitete kürzlich neue Untersuchungen in einem Skandal ein, der die Autoindustrie bereits seit über einer Dekade beschäftigt. Die Branche musste in dieser Zeit mehr als 100 Millionen Fahrzeuge wegen potenziell lebensbedrohlicher Airbag-Systeme des Zulieferers Takata in die Werkstätten zurückrufen, berichtet das Handelsblatt. Im Rahmen der erneuten Untersuchung fragte die Verkehrsbehörde auch bei der Daimler AG und anderen deutschen Autobauern an. Im schlimmsten Fall könnte auch ihnen ein Rückruf von immensem Ausmaß drohen.

Daimler AG musste in den vergangenen Jahren fast 7,4 Millionen Fahrzeuge zurückrufen

Die Anfrage aufgrund der erneuten Untersuchung der US-Verkehrsbehörde NHTSA ist nicht das erste Mal, dass die Daimler AG in den sogenannten „Takata-Skandal“ verwickelt wurde. Laut dem Handelsblatt musste der Autokonzern aus der Landeshauptstadt Stuttgart in den vergangenen Jahren fast 7,4 Millionen Autos, Vans und Lastwagen aufgrund von schadhaften Airbags zurückrufen. Dabei entstand ein Schaden von geschätzt rund 1,3 Milliarden Euro. Das Problem war, dass Takata früher vor allem Ammoniumchlorid verwendet hatte, um die Luftkissen mittels einer kleinen Explosion aufzublasen.

Das Ammoniumchlorid habe unter bestimmten Umständen jedoch feucht werden und eine so heftige Explosion auslösen können, dass Metallsplitter des Gasgenerators durch den Fahrzeugraum geschleudert wurden, berichtet das Handelsblatt. Inzwischen verwendet Takata Trocknungsmittel in den Airbags, die das Entstehen von Feuchtigkeit unterbinden sollen. Eben diese Konstruktion steht aufgrund weiterer Sicherheitsrisiken nun erneut auf dem Prüfstand. Neben Herstellern wie Toyota, Ford, General Motors oder Ferrari fragte die Verkehrsbehörde auch bei der Daimler AG, beziehungsweise Mercedes-Benz, BMW und der Porsche AG an, wie die Unternehmen laut dem Handelsblatt bestätigten.

Daimler AG und Co.: Deutsche Autobauer sehen noch keinen Grund zur Panik

Bislang habe die US-Verkehrsbehörde NHTSA bei den aktuellen Airbag-Modellen noch keine Sicherheitsrisiken festgestellt, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Die Behörde betonte jedoch, dass weitere Untersuchungen vonnöten seien. Die deutschen Autobauer kooperieren, sehen bislang jedoch keinen Grund zur Panik. Man sei über die Untersuchung „informiert“ worden, hieß es von der Daimler AG. Man werde „hierzu eng mit der NHTSA zusammenarbeiten“. Auch BMW zeigte sich kooperativ: „Es geht darum, mit den Behörden in regelmäßigen Abständen weitere Daten zu erheben, um die Produktsicherheit der betroffenen Produkte im Feld sicherzustellen“, hieß es aus München.

Neben der Daimler AG und BMW reagierten auch die VW-Töchter Porsche AG und Audi entspannt. „Wir kennen derzeit keine Details“, hieß es von dem Sportwagenhersteller aus Stuttgart-Zuffenhausen. Bislang sei auch noch nicht geklärt, welche Modelle untersucht werden sollten. Porsche müsse deshalb noch nicht reagieren. Die deutschen Autobauer sehen demnach keinen Grund zur Sorge, Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht das jedoch anders. „Im Zusammenhang mit Takata kann man überhaupt nichts ausschließen“, sagte er. „Auch in den nachgebesserten Airbags könnte noch ein großes Risiko stecken.“

Daimler AG und Co.: Experte rechnet mit Massenrückruf der Autobauer

Die Daimler AG, BMW und Co. sehen sich von der erneuten Untersuchung durch die US-Verkehrsbehörde nicht bedroht. Ein Rechtsanwalt und ehemaliger Takata-Berater sieht einen Massenrückruf aller genannten Autobauer jedoch früher oder später als sicher voraus. „Mir ist nicht ganz klar, was diese Untersuchung der NHTSA soll“, sagte Jerry Cox dem Handelsblatt. „Eigentlich haben sie alle Fakten vorliegen, und die zeigen, dass die Trocknungsmittel eine schwere Explosion zwar verzögern, aber nicht verhindern können.“ Aktuell muss auch der VW-Konzern Fahrzeuge zurückrufen. Bei Bussen öffnen sich die Türen während der Fahrt, berichtet Heidelberg24*.

Laut Jerry Cox komme die erneute Untersuchung den Autobauern wie der Daimler AG und Co. sogar entgegen. „Je länger die Untersuchung und damit letztendlich der Rückruf dauert, umso weniger Menschen werden ihre Autos zurück in die Werkstatt bringen“, sagte er. Die US-Verkehrsbehörde stelle damit, „das Wohl der Autokonzerne vor das der öffentlichen Sicherheit“, kritisiert der Anwalt. Laut dem Handelsblatt wurde Jerry Cox 2014 von Takata als externer Berater angeheuert, als sich die Toten nicht mehr vertuschen ließen. Insgesamt seien durch die schadhaften Airbags bereits 36 Menschen gestorben, davon 19 allein in den USA. *Heidelberg24 ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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