Gewerkschaft sieht Verrat

Daimler: Chef von bedrohtem Berliner Werk geht zu Tesla - und lässt 2.000 verzweifelte Mitarbeiter zurück

Die neue S-Klasse von Mercedes neben Elon Musk (Fotomontage)
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Daimler AG: Chef von gefährdetem Werk geht zu Tesla - und lässt 2.000 Mitarbeiter in Angst um ihren Job zurück.
  • Julian Baumann
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Die Daimler AG baut in mehreren Werken massiv Stellen ab. Der Chef eines gefährdeten Werks wechselt nun die Fronten - und geht ausgerechnet zur größten Konkurrenz.

Stuttgart - Die Daimler AG mit Sitz in der Landeshauptstadt Stuttgart hat mit massiven Problemen zu kämpfen. Schon vor dem Ausbruch des Coronavirus in Baden-Württemberg fuhr der Automobilkonzern einen strengeren Sparplan wie von CEO Ola Källenius angekündigt. Durch die Folgen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft muss auch der Stuttgarter Autobauer massiv Stellen abbauen.

Die aktuelle Lage ist jedoch nicht der einzige Grund für den Stellenabbau bei der Daimler AG. Im Zuge der Umstrukturierung auf die E-Mobilität stellt Daimler etwa nach 118 Jahren die Produktion im ältesten deutschen Werk ein. Der Chef dieses Werkes in Berlin-Marienfelde wechselt nun offenbar die Fronten - und geht ausgerechnet zur großen Konkurrenz Tesla.

Daimler AG: Werkschef wechselt zu Tesla - und lässt verzweifelte Mitarbeiter zurück

Das bereits 1902 eröffnete Werk der Daimler AG im Berliner Stadtteil Marienfelde liegt nur wenige Kilometer vom Entstehungsort einer Tesla-Megafabrik in Grünheide (Brandenburg) entfernt. Der Autokonzern von Elon Musk ist inzwischen der wertvollste Fahrzeughersteller der Welt, Daimler bringt es nur noch auf rund ein Sechstel davon. Einen BMW-Manager verleitete das bereits vor einiger Zeit zu der unheilvollen Prognose „Tesla frisst Daimler“. Wie richtig er mit seiner Vorhersage lag, zeigt sich nun auch offenbar in Berlin. Der Chef des gefährdeten Werkes in Marienfelde wechselt zu Beginn nächsten Jahres nach Angaben der Gewerkschaft IG Metall zu Tesla nach Grünheide.

Die Mitarbeiter der Daimler AG in Berlin sind schon seit Wochen mit dem drohenden Jobverlust konfrontiert. Befürchtet wird, dass von den insgesamt 2.500 Arbeitsplätzen durch die Umstrukturierung letztendlich nur noch 500 bis 700 übrig bleiben. Der Berliner Werkleiter René Reif hatte noch Ende September versucht, die Angestellten zu beschwichtigen. Nun stellt sich jedoch heraus, dass er selbst das Werk verlässt.

Daimler AG: Gewerkschaft reagiert mit Unverständnis - „Tesla kommt, Daimler geht“

Laut der Berliner Zeitung reagiert die Gewerkschaft mit Unverständnis auf den bevorstehenden Wechsel der Chefposition und auch auf die geplante Umstrukturierung des Werks der Daimler AG.

Tesla kommt, Daimler geht?“, fragt Jan Otto, der Chef der IG Metall in Berlin. Otto selbst will eine Transformation auf die E-Mobilität und keine komplette Umstrukturierung mit Verlusten von rund 2.000 Arbeitsplätzen. Vor nur wenigen Wochen habe die Gewerkschaft und der Betriebsrat des Stuttgarter Autobauers noch mit Reif über die Zukunft des ältesten Daimler-Werkes in Deutschland verhandelt, wie die Berliner Zeitung berichtet.

Den Wechsel Reifs von der Daimler AG zu Tesla sieht Otto als Verrat an. „Fraglich ist, ob wir nicht die ganze letzte Zeit belogen wurden.“ Die Ankündigung der Produktionsstilllegung in Berlin-Marienfelde sieht der Chef der Gewerkschaft als falsches industriepolitisches Signal. Nur 50 Kilometer entfernt entstehe ein neues Werk von Tesla mit rund 10.000 neuen Arbeitsplätzen und Daimler falle nicht mehr ein, als das älteste noch produzierende Werk dichtzumachen, so Otto nach Angaben der Berliner Zeitung. Das sei verheerend für „Deutschlands Premium-Automarke“.

Berlin nicht das Einzige Werk der Daimler AG, dass von Umstrukturierung und Stellenabbau betroffen ist

Beim Werk der Daimler AG in Marienfelde ist der Wechsel an der Spitze bereits im vollen Gange. Laut Berliner Zeitung leitet bereits seit Anfang November Clemenz Dobrawa die Daimler-Fabrik in Berlin. Dobrawa sei dafür von der Daimler-Batteriefabrik Accumotive in Kamenz (Sachsen) in die Bundeshauptstadt gewechselt.

Der bisherige Chef René Reif habe selbst erst 2017 die Werksleitung übernommen. Bis zu seinem Wechsel zu Tesla nach Grünheide soll er Dobrawa noch bei seinen Aufgaben begleiten.

Das Werk der Daimler AG in der Hauptstadt ist jedoch nicht das Einzige, dem wegen Umstrukturierung und Sparmaßnahmen ein drastischer Stellenabbau droht. Daimler will eines der wichtigsten deutschen Werke massiv eindampfen. Ausgerechnet am Hauptsitz des Konzerns in Untertürkheim sollen bis zum Jahr 2025 rund 4.000 Stellen wegfallen. Erst kürzlich wurde außerdem bekannt, dass Daimler in sechs deutschen Werken ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen droht. Dadurch sind rund 20.000 Jobs in Gefahr.

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