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Zu hierarchisch, zu veraltet: Daimler und Co. treiben wichtige Spitzenkräfte zur Konkurrenz

Vorstandsmitglieder der Daimler AG kommen zur Hauptversammlung der Daimler AG.
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Die Daimler AG ist vielen Spitzenkräften inzwischen zu hierarchisch. Sie gehen lieber zu jungen Elektro-Startups.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
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Die Automobilbranche befindet sich im Wandel. Ein Trend, der sich immer mehr abzeichnet, wird auch für die Traditionsunternehmen wie die Daimler AG und Co. gefährlich.

Stuttgart - Die Daimler AG befindet sich bereits seit einiger Zeit in einer groß angelegten Transformation zur E-Mobilität. Der Fokus liegt auf der Produktion von E-Autos und die Benziner- und Dieselmodelle sollen immer weiter verschwinden. Daimler will den Verbrenner sogar früher abschaffen als erwartet. Vor einiger Zeit waren die größten Konkurrenten des Stuttgarter Traditionskonzerns noch die deutschen Autobauer BMW aus München und VW aus Wolfsburg. Inzwischen zeichnet sich jedoch immer mehr ein Traditionswechsel in der weltweiten Automobilbranche ab. Obwohl die Skepsis der Deutschen gegenüber E-Autos immer weiter wächst, wird diese Technologie allgemein als Zukunft des Autobaus angesehen.

Obwohl die Daimler AG wie auch BMW und VW zu den größten Autobauern der Welt zählt, ist sie im Feld der E-Mobilität noch auf verhältnismäßig neuem Terrain. Die Transformation der Standorte ist noch immer in vollem Gange. Beispielsweise soll das Daimler-Stammwerk in Untertürkheim zu einem Elektrocampus umgebaut werden und das Werk in Berlin muss einem Digitalcampus für Software und E-Autos weichen. Im Feld der E-Mobilität stehen inzwischen ganz andere Namen an erster Stelle. Ein besorgniserregender Trend könnte nun für Daimler und Co. ganz besonders gefährlich werden, wie das Nachrichtenmagazin Spiegel berichtet.

Daimler AG und Co.: Trend in der Autowelt - immer mehr Ingenieure und Techniker wechseln

Bislang waren in der Autowelt immer die Modelle der Hersteller wie der Daimler AG oder der Porsche AG das Aushängeschild der Unternehmen. Die Mercedes-Benz S-Klasse ist beispielsweise das Flaggschiff des Stuttgarter Konzerns mit dem weltbekannten Stern und der Porsche 911 gilt als typisches Modell der Marke Porsche aus Zuffenhausen. Während die Vorstandsvorsitzenden wie Daimler-Chef Ola Källenius oder Porsche-Chef Oliver Blume den meisten Autofans noch bekannt sind, fristeten die tatsächlichen Ingenieure und Designer der Fahrzeuge bislang ein Schattendasein. Das ändert sich mit einem aktuellen Trend immer mehr, berichtet der Spiegel. Viele Spezialisten wechseln von den großen bekannten Autoherstellern zu Techkonzernen oder Startups, die mit mehr als nur einer guten Vergütung locken.

Das US-Unternehmen Tesla von Visionär Elon Musk ist inzwischen der wertvollste Autobauer der Welt und damit auch der größte Konkurrent der Daimler AG. Daimler, BMW und Co. zittern jedoch auch bereits vor dem E-Auto von Apple. Aktuell wechseln immer mehr Ingenieure und Designer zu den US-amerikanischen Techkonzernen. Die Porsche AG verlor beispielsweise einen seiner wichtigsten Manager an Apple und der Berliner Werksleiter der Daimler AG wanderte zu Tesla ab. Zwar sei eine Karriere bei Porsche oder Daimler noch immer äußerst attraktiv, immer mehr Spezialisten wandern jedoch von Stuttgart, München und Wolfsburg ins Silicon Valley ab - oder auch nach China, berichtet der Spiegel.

Vom Traditionskonzern zum Tech-Newcomer - „Investition in die eigene Zukunft“

Der häufige Grund dafür: Bei den großen alteingesessenen Autoherstellern geschehen Entscheidungen nicht über Nacht. Grund dafür sind klare hierarchische Strukturen. Hinter der Daimler AG stehen beispielsweise eine ganze Reihe an Aktionären und hinter der Porsche AG die Familien Porsche und Piëch. Dadurch stehen zwischen einer Idee und der praktischen Umsetzung mehrere Gremien und Entscheidungsebenen. „Durch diese Prozesse dauert es viel länger, bis man als Entwickler in die praktische Umsetzung gehen kann“, sagte Jan Burgard von der Strategieberatung Berylls laut dem Spiegel. „EV-Start-ups erscheinen anders; man entdeckt ein Problem, entwickelt eine Lösung und setzt sie direkt um. Das wirkt befreiend.“

Daneben macht jedoch auch der Elektro-Boom an der Börse die Tech-Unternehmen und Startups noch attraktiver. Nicht nur die Tesla-Aktien sind mehr wert als die großen deutschen Autobauer zusammen, auch das E-Auto-Startup Nio ist jetzt mehr wert als Daimler und BMW. Neben der hohen Attraktivität der Tech-Unternehmen sei auch das wirtschaftliche Risiko bei einem Wechsel eher gering. Die Verdienste bei den E-Auto-Startups könnten mit den Gehältern bei der Daimler AG und anderer Autobauer mithalten, sagte Jan Burgard. Zusätzlich könnten wertvolle Aktienoptionen den Angestellten im Falle eines exponentiellen Anstiegs des Aktienkurses ein Vermögen bescheren.

Die Arbeit bei Daimler AG war für viele Jahre eine sichere Bank. Nicht umsonst waren viele Mitarbeiter in der Region stolz darauf, „beim Daimler“ oder „beim Benz“ zu arbeiten. Die Transformation zur E-Mobilität vernichtet bei den Stuttgartern jedoch Tausende Jobs, weswegen ein möglicher Wechsel für viele spezialisierte Angestellte immer lukrativer wird. Die Massenkündigungen sind gefährlich, denn der Konzern verliert dadurch seine größte Waffe. Die vergraulten Techniker bringen das Wissen der Daimler AG demnach zu der Konkurrenz wie Tesla und könnten daneben auch dort noch einiges lernen, sagte Jan Burgard. „Ein Wechsel dorthin ist eine Investition in die eigene Zukunft, angereichert mit einem Anstrich von Abenteuerlust.“

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