Verschlafene E-Mobilität

„Kampf beginnt erst“: Daimler mit blamablem Ergebnis im Vergleich zu anderen Autobauern

  • Valentin Betz
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Die Daimler AG sieht sich gern in der Spitzenposition. Im Vergleich zu anderen Fahrzeugherstellern steht der Konzern aus Stuttgart jedoch schlecht da.

Stuttgart/Brüssel - Um die Auswirkung des Klimawandels zu stoppen oder zumindest zu verringern, müssen auch Fahrzeughersteller wie die Daimler AG weniger CO2 ausstoßen. Teilweise gelingt das nur, indem der Autobauer aus Stuttgart strenge Regeln einhält. Die EU plant beispielsweise, die Gesamtmenge aller Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken.

Doch damit ist nach Ansicht der EU der Klimawandel noch lange nicht gestoppt. Die EU prüft sogar, Verbrenner ganz abzuschaffen - ein Albtraum für Fahrzeughersteller wie die Daimler AG. Denn der Konzern aus Stuttgart hat die E-Mobilität ohnehin verschlafen - und hinkt laut einer Analyse des europäischen Umweltdachverbands Transport & Environment (T&E) dem Zielwert gewaltig hinterher.

Für Daimlers Rückstand macht Stef Cornelis, Direktor Deutschland von T&E, auch die guten Verkaufszahlen des Konzerns bei Autos mit hohem CO2-Ausstoß verantwortlich, wie er gegenüber BW24 erklärt - dadurch fehlte lange schlicht der Anreiz, auf E-Autos zu setzen.

Daimler und Volkswagen müssen zügig mehr E-Autos bauen, um CO2-Grenzwerte einhalten zu können

Der Umweltdachverband Transport & Environment stellte in seiner Analyse fest, dass der Marktanteil von E-Autos in Europa alleine im Jahr 2020 von 3 auf 10 Prozent steigen wird. Im nächsten Jahr prognostiziert T&E sogar einen Anteil von 15 Prozent. Für den E-Auto-Hersteller Tesla aus Kalifornien sind das natürlich großartige Neuigkeiten.

Ein hochrangiger Manager vermutete deshalb zuletzt: „Tesla frisst Daimler“ und spricht damit eine Befürchtung aus, die viele hegen. Für den jüngsten Boom der E-Autos macht der Umweltdachverband den im Januar 2020 eingeführten EU-Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer verantwortlich. Aber auch Kaufprämien während der Corona-Krise trugen dazu bei, den Absatz von E-Autos anzukurbeln.

Unterm Strich gilt: Je mehr E-Autos ein Fahrzeughersteller wie Daimler in seiner Flotte hat, desto eher wird der CO2-Grenzwert eingehalten. „Autohersteller sind auf Kurs, um ihre Ziele für 2020 zu erreichen und Geldstrafen zu vermeiden“, so Stef Cornelis in der Analyse. Doch während T&E der Automobilbranche in Europa weitestgehend ein gutes Zeugnis ausstellt, müssen Daimler und VW nachsitzen.

Zu wenig E-Autos: Daimler und Volskwagen drohen Strafzahlungen, sollten sie CO2-Grenzwert nicht einhalten

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Denn vom Ziel, den Grenzwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer einzuhalten, sind sowohl Volkswagen, als auch Daimler noch ein ganzes Stück entfernt. Während bei VW der Rückstand nur noch 5 Gramm beträgt, ist die Daimler AG mit ihrer Mercedes-Benz-Flotte noch 9 Gramm vom Grenzwert entfernt. Nur der Zusammenschluss von Jaguar und Land Rover ist mit 13 Gramm noch weiter vom Zielwert entfernt.

Anders als Daimler und VW hielten mehrere Fahrzeughersteller bereits im ersten Halbjahr 2020 den Grenzwert ein. Laut der T&E-Analyse sind das die PSA-Gruppe mit Peugeot, Citroën und Opel, Volvo, Fiat-Chrysler und die BMW-Gruppe. Für die Autobauer, die es nicht rechtzeitig schaffen, die CO2-Werte zu reduzieren, wird es teuer. Wie die Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet, drohen VW Strafzahlungen von einer Milliarde Euro, die Daimler AG müsste etwa eine halbe Milliarde zahlen.

Angesichts der Tatsache, dass Daimler zuletzt erst zwei Milliarden Euro wegen Verstößen gegen US-Abrasregeln zahlen musste, wird der Konzern erneute Strafzahlungen vermeiden wollen. Wegen der Diesel-Affäre sendete die US-Regierung eine klare Botschaft an „solche wie Daimler.“

CO2-Grenzwerte der EU: Daimler und Volkswagen können sich zu besserer Bilanz schummeln

Die CO2-Grenzwerte der EU werden allerdings kritisiert. Denn sie beziehen sich auf den Durchschnitt aller verkauften Fahrzeuge eines Herstellers wie der Daimler AG. E-Autos ohne Emissionen drücken den Durchschnitt und können beispielsweise höhere CO2-Werte von SUVs ausgleichen. Kritiker werfen der EU deshalb vor, der Ausstoß von schweren Spritschluckern ließe sich so „schönrechnen“.

Hinzu kommt laut T&E, dass sich viele Konzerne bei der Einhaltung der CO2-Grenzwerte durch sogenanntes „Pooling“ helfen. Dabei legen zwei oder mehr Fahrzeughersteller ihre Emissionen zusammen. Die PSA-Gruppe hat das ebenso gemacht, wie Fiat-Chrysler zusammen mit dem E-Auto-Hersteller Tesla. Die Daimler AG könnte sich deshalb mit Renault zusammentun, erklärte Stef Cornelis im Gespräch mit BW24.

Aus Sicht von T&E ist es ebenfalls kritisch zu sehen, dass Plug-in-Hybride zur CO2-Bilanz hinzuzählen. Denn viele davon seien „Fake“-Plug-in-Hybride, die nur selten aufgeladen werden und unter realen Fahrbedingungen zwei- bis viermal mehr CO2 ausstoßen als bei Labortests.

Umweltverband fordert noch strengere CO2-Grenzwerte als Ansporn für Konzerne wie Daimler und VW

Zu streng sind die CO2-Grenzwerte allerdings laut T&E nicht, auch wenn Daimler und VW momentan einen Rückstand aufholen müssen. „Wenn wir ehrgeizige aber klare Ziele setzen, schaffen die Autohersteller es, diese zu erreichen. Die Anhebung der Abgasnormen im nächsten Jahr ist das Momentum für die Bundesregierung, die Anzahl von Elektroautos auf den Straßen signifikant zu erhöhen und somit die Klimaziele 2030 auch im Verkehrssektor zu erreichen“, erklärt Stef Cornelis.

Stef Cornelis glaubt ohnehin, dass die E-Mobilität erst mit einer Verschärfung der EU-Grenzwerte einen entscheidenden Schub bekommt. Erst dann gehe der „Kampf zwischen Gesetzgebern und Konzernen“ richtig los, so der Direktor Deutschland von T&E zu BW24..

Rubriklistenbild: © dpa/Marijan Murat

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