Neuer Tarifvertrag

Daimler: Für 1.000 neue IT-Spezialisten sollen völlig neue Arbeitsbedingungen geschaffen werden

Die elektrische Limousine EQS von Mercedes-Benz in der Fertigungshalle der „Factory 56“ am Standort Sindelfingen.
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Daimler sucht neue IT-Spezialisten für Sindelfingen. Dort wird auch das E-Auto-Flaggschiff EQS gefertigt.
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Die Daimler AG stellt im Rahmen der Transformation neue IT-Spezialisten ein. Für die Fachkräfte wurde auch ein komplett neuer Tarifvertrag mit speziellen Arbeitsbedingungen erstellt.

Stuttgart/Sindelfingen - Der Wandel in der Automobilindustrie bedeutet auch ein Wandel im Bedarf an hoch qualifizierten Arbeitskräften. Die Daimler AG setzt stark auf die E-Mobilität und stellte vor wenigen Wochen ihre E-Auto-Hoffnung EQS vor. Inzwischen haben die Stuttgarter mehrere Fahrzeuge der vollelektrischen Baureihe EQ auf dem Markt. Die kommende Generation soll nun sogar ein Jahr früher auf den Markt kommen als zuvor geplant. Denn Daimler-Chef Ola Källenius bereitet den Autokonzern auf ein extremes Szenario in Deutschland vor. Gemäß der Forderung der EU und auch der Grünen in Deutschland könnte das Verbrenner-Aus bereits im Jahr 2030 eintreten.

Die Daimler AG eröffnete im vergangenen Jahr das moderne Werk „Factory 56“ in Sindelfingen nahe der Landeshauptstadt Stuttgart. Die digitalisierte und vernetzte Fabrik ist der Mittelpunkt der E-Auto-Strategie des Autokonzerns. Dort wird unter anderem die elektrische Luxuslimousine EQS aber auch das Verbrenner-Pendant S-Klasse gefertigt. Für die elektrische Ansteuerung aber auch für Entertainment und Fahrkomfort ist in den E-Auto-Modellen moderne Software verbaut, die immer wieder überarbeitet und angepasst werden muss. Deshalb stellt die Daimler AG allein am Standort Sindelfingen 1.000 neue IT-Spezialisten ein, wie die Stuttgarter Zeitung berichtet.

Daimler AG: Neuer Tarifvertrag für Software-Spezialisten

Die Daimler AG befindet sich seit einiger Zeit in einer groß angelegten Transformation. Im Rahmen des Wandels wird beispielsweise das älteste Produktionswerk in Berlin zu einem Digitalcampus für Software und E-Autos umgebaut. Am Stammsitz in Stuttgart-Untertürkheim entsteht ein Elektrocampus. Als weiterer Schritt soll am Standort in Sindelfingen ein Technologiecampus entstehen. Dafür braucht der Autobauer jedoch qualifiziertes Fachpersonal. Für die 1.000 neu eingestellten Software-Spezialisten soll der Tarifvertrag vollständig angepasst werden. „Dafür haben wir jetzt gemeinsam mit dem Betriebsrat eine gute Vereinbarung getroffen“, sagte Daimler-Personalchefin Sabine Kohleisen im Interview mit dem Handelsblatt.

Die Daimler AG will für den Software-Campus in Sindelfingen 1.000 neue Stellen besetzen. Zudem sollen auch an anderen Standorten neue Arbeitsplätze im Bereich der E-Mobilität geschaffen werden. Insgesamt sucht Daimler 3.000 Mitarbeiter mit bestimmten Qualifikationen. Besonderes Augenmerk liegt jedoch auf dem Zukunftsstandort Sindelfingen den bald „ein Hauch von Silicon Valley“ umwehen soll, hieß es kürzlich laut der Stuttgarter Zeitung aus dem Konzern. Im „Silicon Valley“ hat neben den Tech-Firmen Microsoft und Apple auch der große Konkurrent Tesla seinen Hauptsitz. Unter Einstimmung des Arbeitgeberverbandes und des Betriebsrates bestätigte die Daimler AG am Freitag einen neu ausgehandelten Tarifvertrag für die IT-Spezialisten.

Daimler AG: IT-Fachkräfte wollen „Autonomie und Gestaltungsfreiheit“

Dem schwäbischen Traditionskonzern Daimler AG wird von kritischen Stimmen oftmals festgefahrene oder sogar veraltete Strukturen und lange Entscheidungswege vorgeworfen. Nun wollen sich die Schwaben unter dem Motto „Digital First“ offenbar an aufstrebenden Unternehmen wie Tesla orientieren. Im Gespräch mit IT- und Software-Spezialisten habe man festgestellt, dass diese eine ganz andere Vorstellung vom Arbeitsalltag haben als Fachkräfte aus anderen Bereichen. „Diese Fachkräfte wünschen sich sehr viel mehr Autonomie und Gestaltungsfreiheit und eine leistungsbezogenere Vergütung“, sagte Sabine Kohleisen dem Handelsblatt.

Die zu besetzenden Stellen im Bereich IT und Software seien auf der Karriereseite der Daimler AG bereits ausgeschrieben. Bereits in wenigen Tagen, am 1. Juli, sollen die Stellen besetzt werden. Die Fachkräfte werden angestellt, um das neue Daimler-Betriebssystem MBOS zu entwickeln. Doch auch bereits bei Daimler angestellte IT-Spezialisten können auf eigenen Wunsch von den neuen Tarifvereinbarungen profitieren. Sie erhalten Anfang 2022 die Option zu wechseln. Sollten sie ablehnen bleibt der vorherige Tarif gültig. Doch wie sieht der neue Tarifvertrag für die IT- und Software Bereich bei der Daimler AG überhaupt aus?

Daimler AG: Die neuen Regelungen der Tarifvereinbarung

Im Gegensatz zu den bisherigen Tarifvereinbarungen soll die neue Tarifvereinbarung speziell auf die Anforderungen der IT-Spezialisten zugeschnitten sein. Zuvor sei eine geregelte Arbeitszeit von Montag bis Freitag der Normalfall gewesen, so Kohleisen im Interview mit dem Handelsblatt. Zusätzliche Schichten am Samstag benötigten umständliche Anträge. „Künftig gewähren wir stattdessen einen Vertrauensvorschuss“, so die Daimler-Personalchefin. „Jeder Softwareentwickler kann nach Arbeitsanfall und Aufgabe die Arbeitszeit zwischen Montag und Samstag frei einteilen.“ Zudem könnten auch längere Freizeitblöcke in Anspruch genommen werden, wenn genug Arbeitszeiten aufgebaut wurden.

Die Gehälter bei der Daimler AG werden in den meisten Bereichen von den Tarifvereinbarungen der Gewerkschaft IG Metall bestimmt. Demnach spiegeln sich die Tarifvereinbarungen für die Software-Fachkräfte auch in der Vergütung wider. „Bei der variablen Vergütung wechseln wir im Kern von monatlichen Leistungsbausteinen auf eine Jahreszahlung, die sich am Erfolg der jeweiligen Projekte bemisst“, sagte Sabine Kohleisen.

Die neu eingestellten Fachkräfte in Sindelfingen sollen bereits zu Arbeitsbeginn von dem neuen Tarif profitieren, die bereits im Unternehmen tätigen können sich ab 2022 dafür entscheiden. Ein Zwei-Klassensystem will die Daimler AG damit jedoch nicht etablieren. „Wir unterteilen unsere Mitarbeiter nicht wie im Flugzeug in erste, zweite oder dritte Klasse“, sagte Mercedes-CTO Sajjad Khan im Interview mit dem Handelsblatt. „Es geht vielmehr darum, dass wir je nach Tätigkeit auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Beschäftigten eingehen und dafür die passenden Lösungen finden.“

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