Bedrohung durch China

„Tesla sollte uns eine Warnung sein“: Wichtiger Daimler-Funktionär legt Finger in die Wunde

Ein Arbeiter der Daimler AG befestigt einen Stern auf der neuen S-Klasse
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Daimler AG: Betriebsratschef Michael Brecht warnt den Vorstand vor Teslas Vorsprung
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    vonJulian Baumann
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Die Daimler AG setzt auf das E-Auto und lässt Verbrenner in China produzieren. Betriebsratschef Michael Brecht rechnet deshalb nun mit Konzernboss Ola Källenius ab.

Stuttgart - Bei der Daimler AG stehen die Zeichen klar auf Veränderung. Im Zuge der Umstrukturierung der Produktion auf E-Autos baut der Konzern aus Stuttgart in vielen Werken Tausende Stellen ab. Auch das Bündnis mit China wird wohl Tausende Mitarbeiter den Job kosten.

Dort will der Autobauer nämlich neue Verbrenner bauen. Das Geschäft mit Luxusautos in China boomt, während in Deutschland unzählige Daimler-Mitarbeiter um ihren Job fürchten.

Der Betriebsratschef der Daimler AG, Michael Brecht, sieht in dem Erstarken der chinesischen Investoren eine Bedrohung für die komplette Autobranche in Deutschland. Er fordert politischen Schutz für die Industrie und rechnet mit der Konzernleitung ab. In einem Interview mit dem Manager Magazin sprach Brecht über die Aufstände der Arbeiter, die Sorgen vor der Zukunft an den deutschen Daimler-Standorten - und darüber, was Daimler von Tesla lernen kann.

Daimler AG: Kampf um Werke in Untertürkheim und Berlin - „Wir wollen die Transformation mitgestalten“

Bei der Daimler AG spitzt sich die Lage aktuell an zwei Standorten besonders zu. Der Konzern kündigte vor wenigen Wochen an, die Produktion von Verbrennern im ältesten noch aktiven Daimler-Werk nach 118 Jahren einzustellen und auch das so wichtige Werk in Untertürkheim soll massiv eingedampft werden. Die beiden Fabriken stellten bislang neben den Verbrennermotoren auch Komponenten für die Fahrzeuge des Autobauers her. Vor dem Standort in Berlin-Marienfelde gingen die Mitarbeiter bereits zu Protestzwecken auf die Straße und legten das Werk lahm und auch am Hauptsitz in Untertürkheim regt sich massiver Widerstand. Dort kämpften die Mitarbeiter mit einer bewegenden Aktion vor der Daimler-Konzernzentrale um ihre Jobs.

Der Betriebsratschef der Daimler AG sieht darin jedoch keinen Aufstand der Arbeitnehmer - noch nicht. „Aber Arbeitnehmer werden inzwischen fast wie eine Erblast behandelt; das lassen wir uns nicht mehr gefallen“, sagte Michael Brecht im Gespräch mit dem Manager Magazin. „Wir wollen die anstehende Transformation mitgestalten, davon profitiert die Branche.“ Brecht kämpft schon seit Langem um den Erhalt der Arbeitsplätze im Berliner Werk und hatte in der Vergangenheit bereits Daimler-Chef Ola Källenius offen kritisiert. „Dieses Bewusstsein fehlt den Vorständen aktuell – auch bei Daimler“, sagte der Betriebsratschef.

Daimler AG: Kooperation mit China kommt für die Mitarbeiter zu einem schwierigen Zeitpunkt

Nicht nur die Umstrukturierung auf die E-Mobilität sorgt bei der Belegschaft der Daimler AG für Unmut. Zuletzt kündigte der Konzern an, einen völlig neuen Verbrenner entwickeln zu wollen - zusammen mit einem einst erbitterten Gegner: Dem chinesischen E-Auto-Pionier Geely. Daimler gibt die Produktion des Verbrenners demnach nicht auf, verlegt sie jedoch nach China.

Für die Mitarbeiter an den deutschen Standorten wirkt das bedrohlich. Der chinesische Autohersteller Geely sollte kleine Verbrenner-Motoren für die Daimler AG bauen. Das sei wirtschaftlich gesehen auch sinnvoll, sagte Michael Brecht gegenüber dem Manager Magazin. „Aber Geely liefert nicht nur Motoren, sondern auch die Komponenten. Da hätten unsere eigenen Werke einiges beitragen können; aber die wurden nicht einmal gefragt.“

Die Kooperation mit den immer stärker werdenden Investoren aus China kommt für die Mitarbeiter der Daimler AG zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Daimler will nun zwar doch Tausende Jobs in Deutschland retten, für den Transformationsfond über eine Milliarde Euro habe der Betriebsrat jedoch lange gekämpft. „Wir brauchen das Geld dringend für Projekte, für die sonst die Mittel gefehlt hätten“, sagte Michael Brecht dem Manager Magazin.

Bislang sei jedoch noch nicht final entschieden worden, wohin das Geld fließe. „Aber warum sollten wir zum Beispiel Elektromotoren bei Daimler nicht selbst herstellen?“, fragt Brecht. Und genau dort liegt der Knackpunkt.

Daimler AG: Betriebsratschef fordert mehr selbst zu entwickeln - „Schauen Sie nur auf Tesla...“

Der massive Stellenabbau bei den Werken der Daimler AG in Berlin und Untertürkheim ist zum einen darin begründet, dass für die Produktion von E-Autos deutlich weniger Personal benötigt wird. Dazu kommt, dass der Konzern die Entwicklung neuer Technologie in fremde Hände gibt. Der Betriebsrat fordert schon seit längerer Zeit, die Mitarbeiter auf die Produktion dieser Komponenten umzuschulen. „Wir wollen Zukunftstechnologie in diese Werke bringen“, sagte Michael Brecht dem Manager Magazin und fügte hinzu: „Schauen Sie nur auf Tesla“. Der US-Konkurrent zeigt Daimler nicht nur seit Jahren, wie man E-Autos baut, sondern zeigte kürzlich auch Interesse an einer Fusion mit der Daimler AG.

Michael Brecht kritisiert die Entscheidungen zur E-Auto-Produktion massiv. US-Konkurrent Tesla geht laut Brecht einen völlig anderen Weg. „Das sollte dem Vorstand Vorbild und Warnung zugleich sein. Tesla baut und entwickelt viel mehr selbst als wir“, sagte der Betriebsratschef der Daimler AG dem Manager Magazin. „Wenn wir unsere Technik nur am Markt einkaufen, müssen wir uns am Ende nicht wundern, wenn Mercedes Tesla nicht schlagen kann.“

Um den drastischen Stellenabbau von schätzungsweise bis zu 30.000 Arbeitsplätzen aufzuhalten, fordert der Betriebsrat eine Umschulung der Mitarbeiter. „Genau deshalb müssen wir möglichst viele Mitarbeiter in die neuen Zukunftsfelder bringen und, das wird oft vergessen, zum Beispiel Tausende Softwarespezialisten einstellen“, sagte Brecht dem Manager Magazin.

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