„Stimmung ist beschissen“

Daimler-Zeitarbeiter wegen Corona gekündigt? „Kollegen lassen sich aus Angst nicht testen“

Im Werk Rastatt der Daimler AG werden an einem Mercedes-Benz GLA die Reifen angebracht.
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Ein Daimler-Leihmitarbeiter ist am Werk in Rastatt nach eigener Aussage aufgrund einer Corona-Erkrankung entlassen worden (Symbolbild).
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    vonJulian Baumann
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Die Kritik an der Daimler AG in Bezug auf den Infektionsschutz in den Werken ebbt nicht ab. Leiharbeiter haben offenbar Angst, aufgrund einer Corona-Erkrankung gekündigt zu werden.

Stuttgart/Rastatt - Die Daimler AG steckt Mitten in der groß angelegten Transformation zur E-Mobilität und will in wenigen Tagen das elektrische Flaggschiff EQS bei einer digitalen Weltpremiere vorstellen. Daneben wächst bei dem Autobauer aus der Landeshauptstadt Stuttgart auch die Sorge vor erneuten Corona-bedingten Produktionsstopps. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Konzern massiv unter den Folgen der Pandemie zu leiden. Mehrere Werke standen wochenlang still und Tausende Mitarbeiter wurden gekündigt oder zur Kurzarbeit verdammt.

In Bezug auf die wieder starke Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg erhoben Mitarbeiter der Daimler AG bereits große Vorwürfe gegenüber dem schwäbischen Autokonzern. Kritisiert wurde, dass die Angestellten nach wie vor eng an eng in den Produktionsstätten arbeiten müssten. Im Mercedes-Benz-Werk in Rastatt wurden kürzlich mehrere Corona-Fälle bekannt, der Autobauer verweigerte den Kollegen der Erkrankten jedoch Tests, wie mehrere Angestellte berichteten. Aus Sorge vor einem erneuten Produktionstopp in den Werken geht der Autobauer inzwischen hart gegen die Mitarbeiter vor und fährt eine „Null-Toleranz-Strategie“. Die Kritik ebbt jedoch nicht ab. Laut den Badischen Neuesten Nachrichten wurde ein Zeitarbeiter aufgrund einer Corona-Erkrankung gekündigt und mehrere Kollegen haben offenbar Angst, sich testen zu lassen.

Daimler AG: Mitarbeiter erneuern Kritik am Autobauer - Leiharbeiter aufgrund von Corona gekündigt?

Die Daimler AG ist einer der bekanntesten Autohersteller der Welt und hat allein in Deutschland rund 300.000 Mitarbeiter. In den Werken des Stuttgarter Konzerns arbeiten die Mitarbeiter bei verschiedenen Produktionsschritten oftmals gleichzeitig an einem Auto. Durch die hohe Infektionsgefahr des Coronavirus ist gerade deshalb ein umfangreiches Hygienekonzept notwendig. Daimler setzt ein solches Konzept nach eigenen Angaben bereits seit Langem um und in mehreren Fabriken wurden auch Testzentren für die Angestellten errichtet. Dennoch haben vor allem Leiharbeiter Angst vor einem Corona-Test, wie die Badischen Neuesten Nachrichten berichten.

Ein Ex-Mitarbeiter der Daimler AG erzählt gegenüber der Zeitung von einer Corona-bedingten Kündigung, wie er selbst sagt. Als im März im Werk Rastatt mehrere Corona-Infektionen bei Angestellten festgestellt wurden, meldete sich auch der besagte Ex-Mitarbeiter. „Mir ging es nicht gut“, schilderte er seinen damaligen Zustand den Badischen Neuesten Nachrichten. „Ich habe gemerkt, ich komme einfach nicht mehr hinterher.“ Nach einem positiven Corona-Test ordnete das Gesundheitsamt eine zweiwöchige Quarantäne an. Nach diesem Zeitraum könne der Mitarbeiter, der als Leiharbeiter angestellt war, wenn er keine Symptome mehr zeige, zurück an die Arbeit. Dieser Vorfall ereignete sich nach Angaben der Zeitung bereits im Herbst 2020.

Der ehemalige Leiharbeiter der Daimler AG zeigte nach zwei Wochen Quarantäne tatsächlich keine Symptome mehr und kehrte zurück an das Band. Wenig später sei er jedoch in das Büro seines Vorgesetzten gerufen worden, berichtet er. „Mein Meister hat mich ins Büro gerufen und gesagt: Wenn du nicht krank gemacht hättest, wärst du noch da.“ Der ehemalige Leiharbeiter habe drei Jahre und zwei Wochen bei der Daimler AG in der Produktion in Rastatt gearbeitet, berichten die Badischen Neuesten Nachrichten. „Ich habe nie Probleme gehabt, bin nie ausgefallen oder habe Minusstunden gehabt“, erklärte er der Zeitung. Die zwei Wochen Corona-bedingte Quarantäne waren ihm zufolge demnach der einzige Kündigungsgrund.

Daimler AG: Leiharbeiter haben Angst sich Testen zu lassen - „dann bin ich ja weg“

Der ehemalige Leiharbeiter der Daimler AG legte nach seiner Kündigung Beschwerde beim Betriebsrat des Autobauers ein. Dort sei ihm jedoch gesagt worden, er habe „krank gemacht“, berichten die Badischen Neuesten Nachrichten. „Ja, wäre es denn besser gewesen, ich komme und stecke die Leute an?“, fragt der Ex-Mitarbeiter. Er kenne ein gutes Dutzend Leiharbeiter, die nun Angst vor einem Corona-Test haben, erzählt er. „Die sagen: Dann bin ich ja weg.“ Der Stuttgarter Autobauer selbst erklärt dazu: „Das Werk Rastatt hat aufgrund von Corona-Erkrankungen oder behördlich angeordneter Quarantäne keine Zeitarbeitsverträge aufgelöst“, wie die Zeitung weiter berichtet.

Ein weiterer Mitarbeiter der Daimler AG bestätigt die Geschichte des ehemaligen Leiharbeiters jedoch. „Die Stimmung im Werk ist generell beschissen“, macht er deutlich. Intern herrsche ein enormer Druck, vor allem auf die Leiharbeiter. Auch er bestätigt die Angst vieler Zeitarbeiter vor einem positiven Corona-Test und könne sich eine Kündigung aufgrund einer Corona-Erkrankung durchaus vorstellen. „Die Meister schaffen sich da kleine rechtsfreie Räume“, sagte er. „Das sind schon kleine Sonnenkönige.“ Das sei zwar von Meisterei zu Meisterei unterschiedlich, insgesamt sei jedoch die Angst vor Repressalien groß.

Die Daimler AG wehrt sich gegen die Vorwürfe in Bezug auf mangelnde Hygienevorschriften in den Werken. Die Schutzmaßnahmen, also Maskenpflicht, Abstandsregel sowie Hygiene- und Reinigungsstandards würden gut greifen, sagte eine Konzernsprecherin.. Inzwischen erhalte zudem jeder Mitarbeiter, der nicht von zu Hause aus arbeiten könne, pro Woche zwei Selbsttests. „Wir richten uns nach den Vorgaben der Bundesregierung, der jeweiligen Landesregierungen und Behörden und stehen mit den lokalen Gesundheitsämtern in engem Austausch“, so die Daimler-Sprecherin.

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