Schlechte Verkaufszahlen

„Es schmeckt so bitter“: Daimler stößt Werk ab und stürzt Mitarbeiter in die Verzweiflung

  • Valentin Betz
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Daimler trennt sich von seinem Werk im französischen Hambach. 1.600 Mitarbeiter fürchten jetzt um ihre Existenz - die Pläne für den Standort sind unklar.

  • Die Daimler AG verkauft ihr Smart-Werk im französischen Hambach.
  • 1.600 Arbeitsplätze sind dadurch in Gefahr, bislang gibt es nur einen Kaufinteressenten für das Werk.
  • Auch Automobilzulieferer aus Baden-Württemberg sind eventuell vom Verkauf des Smart-Werks betroffen.

Stuttgart/Hambach - Die Daimler AG versucht weiterhin mit allen Mitteln, sich möglichst gut für die Zukunft aufzustellen. Zuletzt lief der Fahrzeughersteller aus Stuttgart im Bereich Elektromobilität der Konkurrenz hinterher. Zudem machte Daimler das Coronavirus in Baden-Württemberg schwer zu schaffen. Da wirkte es irritierend, als die Daimler AG ankündigte, ein Werk mit 1.600 Mitarbeitern verkaufen zu wollen. Denn seit 2007 wird im französischen Hambach auch der vollelektrische Smart gebaut.

Der Smart verkauft sich allerdings schlecht. Im Juli ging der Absatz des Smart um 61 Prozent zurück. Die Daimler AG verkaufte nur 3.539 Fahrzeuge. Wegen der mickrigen Verkäufe verzweifelt Daimler an seinem einst beliebten Modell. Die Zukunft des Smart liegt in China, wo Daimlers Großaktionär Geely die Produktion übernimmt.

Der Verkauf des Smart-Werks in Hambach steht inzwischen fest. Einen möglichen Käufer gibt es auch schon. Der britische Konzern Ineos hat ein verbindliches Angebot abgegeben. Die Gespräche seien weit fortgeschritten, heißt es von Seite der Daimler AG. Zunächst gibt es jedoch noch Gespräche mit Arbeitnehmervertretern. Erst wenn sie abgeschlossen sind, kommt der Deal zum Abschluss. Damit ist Hambach eines von drei Werken, dass die Daimler AG abstoßen könnte.

Daimler AG verkauft Smart-Werk in Hambach: eine „Idee für die Gesellschaft“ fehlgeschlagen

Die Ansprüche, die Daimler 1997 mit dem Bau des Smart-Werks in Hambach formulierte, waren hochtrabend. Es sollte der Beweis sein, dass Europa über das Politische hinausging, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Darüber hinaus sollte der Smart eine neue umweltfreundliche, urbane Mobilität begründen. Außerdem soll Smart laut Daimler die erste Automobilmarke der Welt werden, die komplett von Verbrennungsmotoren auf elektrische Antriebe umsteigt.

Die Daimler AG verkauft sein Smart-Werk im französischen Hambach nun endgültig. 1.600 Arbeitsplätze sind dadurch gefährdet (Archivbild).

Ursprünglich waren die 1.600 Mitarbeiter im Daimler-Werk in Hambach stolz, den Smart zu bauen, erklärt der Gewerkschaftsvertreter Emmanuel Obiegala gegenüber der SZ. „Es war doch mehr als ein Auto, an dem wir hier gebaut haben. Es war eine Idee für die Gesellschaft,“ so Emmanuel Obiegala zur SZ. Den Verkauf des Smart-Werks begründet Daimler-CEO Ola Källenius übrigens ironischerweise mit Investitionen in die Elektrifizierung. „Es schmeckt so bitter“, erklärt Emmanuel Obiegala entsprechend. Für den neuen Vorstand von Daimler, Ola Källenius, hat der Gewerkschaftsvertreter wenig übrig. „Den interessieren nur die Finanzen“, so Emmanuel Obiegala.

Daimler AG hat für Smart-Werk in Hambach bisher nur einen einzigen Interessenten

Als Daimler Anfang Juli bekanntgab, das Smart-Werk in Hambach möglicherweise verkaufen zu wollen, zeigte sich Vorstandsmitglied Markus Schäfer noch besorgt um die Zukunft des Daimler-Standorts und seiner Mitarbeiter: „Ein wichtiges Ziel ist für uns, die Zukunft des Standortes zu sichern. Weitere Prämisse: Die aktuellen Smart Modelle sollen weiter in Hambach produziert werden“, so Markus Schäfer. Wie lange der Smart noch in Hambach produziert wird, ist allerdings unklar. Denn der neue, in China produzierte Smart kommt bereits 2022 auf den Markt.

Bislang gibt es nur einen Kaufinteressenten für das Smart-Werk von Daimler: den britischen Petrochemiekonzern Ineos. Daimler und Ineos kennen sich bereits aus der Formel 1: In den kommenden fünf Jahren erhalten die Silberpfeile von Mercedes 23,61 Millionen Euro Sponsorengelder von Ineos. Auch im Rennradsport tritt Ineos als Sponsor eines eigenen Teams auf.

Jetzt überlegt Ineos offenbar, im französischen Hambach nach dem Abkauf von der Daimler AG den „Grenadier“ zu bauen - einen Allrad-Geländewagen mit Sechs-Zylinder-Verbrennungsmotor. Das Design des Geländewagens hatte Ineos bereits Anfang Juli präsentiert. Für die Mitarbeiter der Daimler AG ist das kein Trost. Der Konzern braucht für die Montage des „Grenadier“ wohl nur 500 Mitarbeiter, so die SZ. Zwei Drittel der aktuellen Belegschaft des Smart-Werks würden also dennoch arbeitslos.

Ineos hat sich bislang nicht gerade einen Namen als besonders vertrauenswürdiger Konzern gemacht. Eigentlich sollte der „Grenadier“ in Portugal und Wales produziert werden, als der Verkauf von Daimlers Smart-Werk bekannt wurde, legte der Konzern diesen Plan laut dpa aber offenbar auf Eis.

Für die Mitarbeiter des Smart-Werks spielen inzwischen weder die Moralvorstellungen eines neuen, möglichen Arbeitgebers eine Rolle, noch die Tatsache, dass ein Allrad-Geländewagen nichts mehr mit einer umweltfreundlichen Vision urbaner Mobilität zu tun hat. „Außer Ineos will uns keiner“, sagt Emannuel Obiegala gegenüber der SZ. „Wir sind bereit, alles zu machen. Fahrräder, Rasenmäher, egal. Alles, was uns Arbeit gibt.“

Dass Daimler das Smart-Werk in Hambach verkauft, hat wohl auch Folgen für weitere Unternehmen aus Baden-Württemberg. Der Automobilzuliefer Mahle aus Stuttgart hatte eine eigene Halle, durch welche Teile direkt an die Förderbänder des Werks gebracht werden konnten.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Yoan Valat/EPA/dpa

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