Rückkehr zum Luxus

Veraltet, lahm, inzestuös: Laut einer Abrechnung droht der Daimler AG die Bedeutungslosigkeit

  • Marleen van de Camp
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Daimler-CEO Ola Källenius trage die Verantwortung, wenn die Daimler AG auf dem Automobilmarkt der Zukunft keine führende Rolle mehr spiele, schreibt der Journalist Gabor Steingart.

  • Der Daimler AG steht ein grundlegender Strategiewechsel bevor, wie der Vorstandsvorsitzende Ola Källenius angekündigt hat.
  • Die Daimler AG und besonders die Tochter Mercedes-Benz sollen sich auf den Markenkern zurückbesinnen: Luxus.
  • Der Journalist Gabor Steingart schreibt, mit dieser Entscheidung sorge Ola Källenius dafür, dass Daimler auf dem Automarkt der Zukunft keine Führungsrolle mehr spielen werde.

Stuttgart - Der Daimler AG steht ein grundlegender Strategiewechsel bevor. Daimler-CEO Ola Källenius hat angekündigt, dass die Marken der Daimler-Tochter Mercedes-Benz wieder zu ihrem Markenkern zurückkehren sollen – dem Luxus. Damit macht Ola Källenius die Expansion in andere Marktsegmente, die sein Vorgänger Dieter Zetsche angestoßen hatte, wieder rückgängig, um den von ihm angestrebten Wandel hin zum E-Auto zu finanzieren. Trotzdem wirft der bekannte Journalist Gabor Steingart Ola Källenius in einem Gastbeitrag für das Online-Magazin Focus vor, er habe „keine Visionen“ und werde dafür verantwortlich sein, dass die Daimler AG auf dem Automobilmarkt der Zukunft keine führende Rolle mehr spiele. 

Daimler-Chef Ola Källenius bei einer Präsentation von Mercedes auf der IAA. Im Hintergrund der Mercedes EQ - ein E-Auto der Daimler AG.

Ola Källenius unterstützt mit der Mercedes-Benz S-Klasse ein „Umweltferkel“

Ola Källenius hat angekündigt, er werde den Maybach wiedererwecken und die Produktion verstärkt auf andere Luxus-Marken der Daimler AG, im Wesentlichen die Mercedes AMG-Modelle und die S-Klasse, fokussieren. Gabor Steingart zufolge setzt der Daimler-CEO mit der S-Klasse auf einen „Dinosaurier unter den Automobilen“. Der Autoexperte Martin Murphy habe die Mercedes-Benz S-Klasse gerade zurecht als „Umweltferkel“ bezeichnet. Der Plan von Ola Källenius, die S-Klasse, die vielen als Inbegriff des Luxus gilt, wieder stärker in den Mittelpunkt der Daimler-Produktion zu rücken, werde sich mittelfristig negativ auswirken, warnt Gabor Steingart.

Glaubt man Ola Källenius, ist das nicht ganz richtig. Der Daimler-CEO will die S-Klasse mit Verbrennungsmotor weiter pushen, um dadurch den Wandel des Daimler-Konzerns hin zum E-Auto zu finanzieren. Viele Mitarbeiter der Daimler AG werden über diese Entscheidung von Ola Källenius sehr erleichtert sein, nachdem die Regierung den Bereich, an dem 95 Prozent aller Jobs bei Daimler hängen, zum Sterben verurteilt hat. Für andere Mitarbeiter ist die Nachricht nicht so gut, denn Daimler könnte mehrere Werke abstoßen.

CEO Ola Källenius führt die Daimler AG im Schneckentempo in die Zukunft

Bereits im nächsten Jahr bringt die Daimler AG den Mercedes EQS auf den Markt – ein E-Auto auf dem Niveau der S-Klasse. In fünf bis zehn Jahren sollen auch alle Mercedes AMG-Modelle vollelektrisch sein, bis 2039 soll die komplette Daimler AG klimaneutral werden, so der Plan des Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius. Bis dieses ehrenwerte Ziel erreicht sein soll, werden also noch fast 20 Jahre vergehen. Vielleicht schreibt Gabor Steingart deshalb, das Wappentier von Ola Källenius sei „die Stuttgarter Weinbergschnecke“. 

Ola Källenius als Vorstandsvorsitzender der Daimler AG ist das Resultat „inzestuösen Treibens“

Die Ernennung von Ola Källenius zum Nachfolger von Dieter Zetsche bezeichnet der Journalist Gabor Steingart als „inzestuöses Treiben auf der Daimler-Vorstandsetage“, das sich in der Coronakrise räche. Tatsächlich hat Ola Källenius sein gesamtes Arbeitsleben bei dem Fahrzeughersteller mit Hauptstandort in Stuttgart verbracht. Er wurde von Ex-Daimler-CEO Dieter Zetsche ausführlich darauf vorbereitet, in dessen Fußstapfen als Vorstandsvorsitzender zu treten.

Seine Masterarbeit in International Management schrieb der Schwede bereits bei Daimler. Damit begann die steile Karriere von Ola Källenius, der sich in 26 Jahren zum Daimler-CEO hocharbeitete. Nun plant der Daimler-Vorstand um Ola Källenius die Entlassung Tausender, nachdem die ohnehin schon angeschlagene Daimler AG aus Baden-Würtemberg schwer vom Coronavirus getroffen wurde und zum Sanierungsfall wurde, wie Gabor Steingart es nennt. 

Ola Källenius hat die schwere Aufgabe, die Daimler AG aus der Zetsche-Sackgasse zu fahren

Man kann darüber streiten, ob es - wie Gabor Steingart schreibt - negativ ist, dass ein Vorstandsvorsitzender im eigenen Konzern groß geworden ist, wie Ola Källenius bei der Daimler AG. Dass Ola Källenius völlig anders tickt als andere Top-Manager und die Daimler-Produkte bis ins kleinste Detail kennt, hat er vor Kurzem bewiesen.

Ist ein solches Maß an Identifikation des CEO mit seinem Konzern zu erreichen, wenn er Jahrzehnte bei der Konkurrenz verbracht hat? Vielleicht könnte man auch sagen, dass Ola Källenius rückwärts setzen muss, um die Daimler AG aus der Sackgasse heraus zu manövrieren, in die sein Vorgänger Dieter Zetsche sie gelenkt hat.  

Daimler-CEO Ola Källenius musste unlängst wieder schlechte Nachrichten verkünden. Im zweiten Quartal 2020 schrieb der Fahrzeughersteller auch wegen des Coronavirus rote Zahlen. Daimler lobt sich trotz des Milliarden-Verlusts für die "effektive Kostenkontrolle", plant aber weiterhin Massen-Entlassungen. Derweil erhielt die Daimler AG einen eher zweifelhaften Preis für ihren SUV, den Mercedes GLS.

Auch der Softwarekonzern SAP aus Walldorf in Baden-Württemberg startete wegen des Coronavirus im März ein Sparprogramm. Doch von April bis Juni zog der Gewinn bei SAP wieder deutlich an. Nun überrascht der SAP-Vorstand um Christian Klein mit der Ankündigung zu einem Börsengang.

Rubriklistenbild: © Lennart Stock/dpa/picture alliance

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