Tausenden droht Jobverlust

2.000 Entlassungen: Daimler-Mitarbeiter entsetzt über Quasi-Schließung des Werks in Berlin

Vier Auszubildende des Mercedes-Benz Produktionsstandortes Berlin enthüllen am Freitag (05.10.2007) ein neues Werbeschild am Werkstor mit der Aufschrift „Mercedes-Benz Berlin - Ein Werk der Daimler AG“.
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Daimler AG: Vor dem Werk in Berlin gehen Mitarbeiter auf die Barrikaden (Symbolbild).
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
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Die Daimler AG baut an vielen Werken massiv Stellen ab. Auch das älteste Werk in Berlin ist betroffen - die Mitarbeiter wollen sich das nicht gefallen lassen.

Stuttgart - Die Daimler AG befindet sich nicht erst durch das Coronavirus in Baden-Württemberg in der Krise. Der Konzern mit Sitz in der Landeshauptstadt Stuttgart baut schon seit einiger Zeit massiv Stellen in verschiedenen Werken ab. An sechs deutschen Werken droht ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen und auch eines der wichtigsten deutschen Werke soll stark eingedampft werden.

Der Autohersteller kündigte im Rahmen der Umstrukturierung auf die E-Mobilität an, die Produktion von Verbrennern am ältesten deutschen Werk nach 118 Jahren einzustellen. Die Mitarbeiter der Fabrik in Berlin-Marienfelde wollen sich das nicht gefallen lassen und demonstrierten am Donnerstagvormittag vor den Toren des Werkes von Daimler-Tochter Mercedes-Benz.

Das bereits im Jahr 1902 eröffnete Werk der Daimler AG in Berlin ist von der Umstrukturierung deutlich betroffen. Die Produktion in der Fabrik soll bis zum Jahr 2025 auf E-Mobilität umgestellt werden. Laut bisherigen Berichten sollen von den derzeit 2.500 Mitarbeitern nur rund 500 ihren Job behalten können. Am Donnerstagnachmittag versammelten sich deshalb etwa 1.200 Angestellte vor den Toren des Werkes in Marienfelde, wie die Berliner Morgenpost berichtete. Sie protestierten gegen die drastische Umstrukturierung und kritisierten auch den kürzlich Weggang des Werkleiters zu Tesla.

Daimler AG: Pläne in Berlin stoßen auf massive Kritik - „Ohne uns fährt kein Mercedes mehr“

Durch die Pläne der Daimler AG, das traditionsreiche Werk in der Hauptstadt auf die E-Mobilität umzurüsten, stehen viele Mitarbeiter vor dem Jobverlust. Am Donnerstag versammelten sich 1.200 Angestellte vor dem Motorenwerk, um gegen die Umstrukturierung zu demonstrieren. „Wir sind stinksauer“, sagte Patric Succo, ein Mitarbeiter der Daimler AG in Berlin, in seiner Rede, wie die Berliner Morgenpost berichtete. Man stehe hier, um zu zeigen, dass man nicht klein beigeben werde.

In seiner Rede ging der Mitarbeiter der Daimler AG sogar soweit, „Ohne uns fährt kein Mercedes mehr“ in sein Mikrofon zu rufen. Laut der Ansicht der Gewerkschaft IG Metall käme der drastische Abbau von 2.000 Arbeitsplätzen einer Schließung des Werks gleich.

Das Daimler-Tochterunternehmen Mercedes-Benz sieht das jedoch anders. Man sei fest entschlossen, die Antriebssparte konsequent zu transformieren und auf E-Mobilität und Digitalisierung auszurichten, heißt es von Mercedes. „Mercedes-Benz gestaltet aktiv die Zukunft seiner Powertrain-Standorte und schafft damit auch weiterhin interessante Perspektiven für seine Beschäftigten“, sagte eine Daimler-Sprecherin auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Dazu befindet sich das Unternehmen in konstruktiven Gesprächen mit der Arbeitnehmervertretung.“

Daimler AG: Mitarbeiter in Berlin-Marienfelde wollen „um jeden Arbeitsplatz“ kämpfen

Die Ansichten der Mitarbeiter unterscheiden sich deutlich von denen der Daimler AG. Laut dem Mitarbeiter Succo wolle der Vorstand die Transformation auf den Schultern der Belegschaft abladen, wie die Berliner Morgenpost berichtet. Dabei hätten schließlich die Angestellten dafür gesorgt, dass der Autobauer jahrelang Milliardengewinne erwirtschaftet habe. „Das lassen wir uns nicht bieten. Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz“, kündigte Succo an. Succo selbst arbeitet seit 2006 im Mercedes-Werk in Marienfelde und ist auch Teil des Betriebsrats am Standort.

Eine Meldung traf bei den Angestellten des ältesten deutschen Werkes der Daimler AG auf besonderes Unverständnis. Die IG Metall verkündete, dass der Chef des bedrohten Berliner Werkes zu Tesla wechsele. Der E-Autopionier baut aktuell nur rund 50 Kilometer entfernt von dem Mercedes-Werk eine Mega-Fabrik, die 10.000 Arbeitsplätze schaffen soll. Bislang sei nicht bekannt, in welcher Funktion der bisherige Werksleiter von Mercedes, René Reif, bei Tesla einsteigen werde, berichtete die Berliner Morgenpost. Die Ankündigung sorgte bei der Demonstration am Donnerstag jedoch für noch mehr Unmut in der Belegschaft.

Von der Daimler AG zu Tesla: Abgang des Berliner Chefs wird scharf kritisiert

Reif hatte erst im September noch angekündigt, für das Berliner Werk der Daimler AG kämpfen zu wollen. Nun sei er der Erste, der von Bord ginge, kritisierte Succo nach Angaben der Berliner Morgenpost. „Lasst uns ihm zeigen, dass er mit seiner Einschätzung, dass dieses Schiff sinkt, nicht richtig liegt. Wir werden hier nicht untergehen“, forderte er in seiner Rede vor den Toren der Fabrik. Für die meisten Mitarbeiter sei es keine Option ihrem ehemaligen Chef zu folgen und ebenfalls zu Tesla zu wechseln. Der Konzern von Elon Musk hatte angekündigt, den Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie nicht anwenden zu wollen.

Die Gewerkschaft IG Metall plant nun, dem Vorstand der Daimler AG ein Gesprächsangebot zu unterbreiten, wie die Berliner Morgenpost berichtete. „Das Werk muss hin zur E-Mobilität transformiert werden. Ich kann mir vorstellen, dass hier auch E-Autos gebaut werden oder zumindest Teile dafür“, sagte der Geschäftsführer Jan Otto gegenüber der Zeitung. Auch der Verbrenner werde nicht sofort verschwinden, sondern in den nächsten Jahren als Übergangstechnologie weiter gebraucht werden.

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