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Daimler, ihr habt nichts kapiert! Neue Mercedes-Strategie wird zur Lachnummer

  • Valentin Betz
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Die Daimler AG hat heute ein Update der Strategie für Mercedes-Benz vorgestellt. Die Präsentation des Daimler-Vorstands zeigt: Der Konzern hat die Zukunft der Mobilität immer noch nicht verstanden.

Stuttgart - Zuletzt gab es sehr viel zu tun für die Daimler AG. Die Umsatzeinbußen durch das Coronavirus in Baden-Württemberg zwangen die Verantwortlichen des Fahrzeugherstellers zum Handeln. Dabei stand der Konzern aus Stuttgart bereits vor der globalen Corona-Pandemie vor einer gewaltigen Herausforderung. Beschleunigt durch den davon galoppierenden Konkurrenten Tesla hatte endlich auch die Daimler AG begriffen: Am E-Auto führt kein Weg mehr vorbei.

Nach Vorhersagen hochrangiger Manager wie „Tesla frisst Daimler“ schien es, als hätte der Konzern seine Lektion gelernt. Doch der Schein trügt. Statt wirklicher Innovationen bei der E-Mobilität setzt Daimler lieber auf die besten Verkaufsaussichten. Das bewies Daimler-CEO Ola Källenius heute bei der Vorstellung der neuen Mercedes-Benz Strategie. Gepaart mit dem Bericht des Handelsblatts, Daimler werde bald eine neue Autoklasse produzieren, zeigt die Präsentation: Daimler hat überhaupt nichts kapiert!

Die Daimler AG besinnt sich künftig wieder auf die Luxusseele von Mercedes-Benz zurück

In der Präsentation der neuen Mercedes-Benz-Strategie heißt es, das Programm habe das Ziel „das Unternehmen technologisch und finanziell zu neuer Stärke zu führen.“ Dazu will sich die Daimler AG gemeinsam mit ihrer Tochterfirma Mercedes-Benz auf sechs Säulen konzentrieren. Die oberste Säule lautet „Denken und handeln wie eine Luxusmarke“. Der von Ex-Vorstand Dieter Zetsche eingeschlagene Weg, auch mit Kleinwagen wie der A-Klasse zu punkten: Schnee von gestern. Die Zukunft der Marke heißt Luxus. Mercedes-Benz will ein „überzeugendes Luxuserlebnis“, das elektrisch, softwaregetrieben und nachhaltig sein soll.

Richtig gelesen. Hier wird „Luxuserlebnis“ und „nachhaltig“ in einem Satz genannt. So ganz klar wird dabei nicht, ob die Daimler AG tatsächlich die Nachhaltigkeit im Sinne eines ressourcenschonenden Wirtschaftens meint. Wahrscheinlicher ist, dass Mercedes-Benz nachhaltig für ein regelmäßiges Einkommen sorgen will.

Neue Autoklasse der Daimler AG soll Luxus- und Elektrostrategie miteinander vereinen

Eine weitere Säule der Daimler AG heißt daher „Führend bei Elektroantrieben und Fahrzeug-Software“. „Wir streben bei Mercedes-Benz nichts weniger als die Führung im Bereich der Elektromobilität und Digitalisierung durch eine intelligente Plattformstrategie und einen softwarebasierten Ansatz an“, erklärte Vorstandsmitglied Markus Schäfer bei der Strategie-Präsentation. Passend zu diesen Maximen plant die Daimler AG laut Handelsblatt, eine neue Autoklasse zu entwickeln: Die Sport Utility Limousine, kurz SUL.

Die Daimler AG hat die Strategie ihrer Tochter Mercedes-Benz vorgestellt. Wirkliche Innovation sucht man darin vergebens. (Symbolbild)

Dieser neue Fahrzeugtyp von Mercedes-Benz klingt nicht nur bescheuert. Er ist es auch. Die SUL ist eine Kreuzung aus dem beliebten SUV und der klassischen Limousine. Warum es nach Ansicht von Daimler diese neue Klasse braucht? Laut eines Daimler-Managers, den das Handelsblatt zitiert, kämen sich die Fahrer von Limousinen im Heer der SUVS wie Underdogs vor: „Alle gucken auf einen runter.“ Mit einem SUL gewinne man dagegen wieder etwas an Augenhöhe, ohne sich gleich vorwerfen lassen zu müssen, einen Stadtpanzer zu fahren. Ich wünschte, das wäre ein Aprilscherz. Aber leider haben wir Anfang Oktober.

Der Daimler AG geht es nicht um Innovation, sondern um Verkäufe und das nackte Überleben

Natürlich wird es die künftigen SUL-Modelle auch als Elektroauto geben. Schließlich will Daimler in diesem Bereich führen. Aber genau dieser neue Fahrzeugtyp entlarvt den gesamten Plan, den die Daimler AG mit ihrer neuen Strategie bei Mercedes-Benz verfolgt. Bis 2039 will der Konzern klimaneutral werden. Aber das ist nur ein schöner Nebeneffekt.

Im Grunde geht es nur darum, Luxusautos salonfähig zu machen und das grüne Gewissen zu beruhigen. Frei nach dem Motto „Ich fahre keinen unnötigen Stadtpanzer-SUV, sondern eine SUL. Außerdem ist die Karre elektrisch, also klimaneutral. Ätsch!“ Entsprechend macht Daimler auch keinen Hehl daraus, dass der Kernmarkt für die neue SUL in China liegt - wo es genug zahlungskräftige Käufer für unnötige Autos gibt.

Daimler AG: Die neue Strategie von Mercedes-Benz geht komplett am Kern der E-Mobilität vorbei

Die Daimler AG beweist damit einmal mehr, dass sie nicht begriffen hat, worum es bei der Elektromobilität geht. Das E-Auto ist nicht das Allheilmittel gegen den Klimawandel. Wir sind noch weit entfernt von komplett klimaneutralen Stromquellen, mit denen wir E-Autos aufladen können. Die Batterien sind voller Stoffe, die schon bei der Herstellung die Umwelt belasten und die nach ihrem Ableben richtig entsorgt werden wollen.

Deshalb ist die E-Mobilität für Daimler und Co. momentan lediglich die sinnvollste Variante - bis vielleicht neue Technologien erschlossen werden. Bis dahin gilt: Eigentlich sollten weniger Autos auf den Straßen fahren und diese möglichst klein und sparsam sein.

Daimler und Mercedes-Benz streben nach maximalem Gewinn - für sich, nicht für die Umwelt

Stattdessen schließt sich auch die Daimler AG dem Hype an, Batterien mit immer größerer Reichweite bauen zu wollen und diese dann nicht nur in der SUL, sondern auch im SUV zu verbauen. Zum Mitschreiben, Daimler: Ein Stadt-SUV, der nie durchs Gelände fahren wird und eine gigantische Batterie braucht, nur um diese Masse überhaupt zu bewegen, ist nicht nachhaltig.

Ebenso wenig wie Luxuskarossen, die zusätzlich noch mit allem möglichen elektronischen Schnickschnack ausgerüstet sind. Daimler hätte mit einer neuen Strategie für Mercedes-Benz die Chance, wirkliche Innovationen anzustoßen und neue Wege zu gehen. Aber diese Denke ist wohl zu naiv. Stattdessen geht der Konzern den Weg, an dessen Ende der größte Geldtopf vergraben liegt.

Rubriklistenbild: © Daimler AG

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