Sparmaßnahmen beim Autokonzern

„Albtraum, aus dem man nicht erwacht“: Daimler lässt Mitarbeiter verzweifeln

 Im Werk Rastatt der Daimler AG wird an einer Mercedes-Benz A-Klasse der Mercedesstern angebracht.
+
Mitarbeiter der Daimler AG fühlen sich durch das Jobforum aufs „Abstellgleis“ gestellt.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
    schließen

„Abstellgleis“ und „Resterampe“: Umstrukturierungen der Daimler AG treffen bei der Belegschaft auf massive Kritik. Mitarbeiter kämpfen bereits mit psychischen Folgen ihrer Ängste.

Stuttgart - Die Daimler AG befindet sich Mitten in der groß angelegten Transformation zur E-Mobilität. Der Autokonzern aus der Landeshauptstadt Stuttgart stellte kürzlich die E-Auto-Hoffnung EQS vor und stellt die Produktion in vielen Werken vom Verbrenner auf den Elektro-Motor um. Der Wandel geht allerdings auch mit einem deutlichen strukturellen Umbruch einher.

Der Autobauer fährt deshalb einen härteren Sparplan, als von Konzern-Chef Ola Källenius ursprünglich angekündigt. Im Rahmen der Sparmaßnahmen soll ein internes Jobforum Mitarbeiter auffangen, deren Tätigkeiten wegfallen und ihnen basierend auf ihren Qualifikationen neue Aufgaben zuteilen. Daimler provoziert mit dieser fragwürdigen Strategie, einige Mitarbeiter bezeichneten das Jobforum intern gar als „Resterampe“.

Im Rahmen des Sparplans will die Daimler AG die Belegschaft in den kommenden Jahren deutlich reduzieren. Daimler zahlt den Mitarbeitern sogar sechsstellige Summen, damit sie den Konzern verlassen. Innerhalb der Belegschaft sehen einige Angestellten in dem Jobforum auch eine Maßnahme, unliebsame Mitarbeiter loszuwerden.

Der Daimler-Personalchef verteidigte das umstrittene Mitarbeiterportal jedoch und sagte, bei Daimler werde „niemand aussortiert“. Die Kritik an dem internen Portal reißt jedoch nicht ab, mehrere Daimler-Mitarbeiter berichten dem Südwestrundfunk (SWR) nun, dass sie sich durch das Forum abgeschoben fühlen und sogar unter Schlafstörungen und Angst leiden.

Daimler AG: Jobforum ist keine Chance auf Neuanfang, sondern „Abstellgleis“, sagen Mitarbeiter

Die Daimler AG ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in Baden-Württemberg und auch darüber hinaus. Gerade im „Ländle“ sind die Angestellten stolz darauf, „beim Daimler“ oder „beim Benz“ zu arbeiten. Der heutige Konzern geht schließlich bis auf die Erfinder des Automobils, Gottlieb Daimler und Carl Benz zurück und hat eine lange und erfolgreiche Geschichte hinter sich.

Die Sparmaßnahmen aufgrund der Transformation zur E-Mobilität führen bei der Belegschaft jedoch seit einiger Zeit zu Unmut und Zukunftsängsten. Die interne Mitarbeiterplattform soll eigentlich Sicherheit bieten, bei einigen Angestellten hat sie jedoch den gegenteiligen Effekt.

Auch mehrere Führungskräfte der Daimler AG sind inzwischen im Jobforum gelandet und warten auf neue Tätigkeiten. Der Stuttgarter Autobauer wolle ihn loswerden und habe ihm eine Abfindung angeboten, berichtet ein Daimler-Angestellter dem SWR. „Das Unternehmen hat entschieden: Du bist nicht gewollt, Du hast bei uns keine Zukunft“, schildert er seine Situation.

Da das Abfindungsangebot im Vergleich zum Bruttoeinkommen deutlich zu niedrig war, habe er abgelehnt. Nun sind er und weitere Angestellte in Führungspositionen in dem internen Jobportal der Daimler AG. Mehrere Angestellte im Jobforum erzählen, sie fühlten sich abgeschoben. Das Portal sei keine Chance auf einen beruflichen Neuanfang, sondern eine Verschiebung aufs „Abstellgleis“, berichten sie.

Jobforum der Daimler AG laut Mitarbeitern ein Albtraum, „aus dem man nicht mehr erwacht“

Die Stimmung bei den Mitarbeitern der Daimler AG, die aktuell im Jobforum auf eine neue Aufgabe warten, ist schlecht, berichtet der SWR. Vielen Führungskräften seien beispielsweise Tätigkeiten zugeordnet worden, die deutlich unter ihren Qualifikationen liegen.

Andere Angestellte berichten sogar, dass ihre derzeitige vermittelte Aufgabe auch von Praktikanten übernommen werden könnte. Ein „Albtraum aus dem man nicht mehr erwacht“, sagt ein Mitarbeiter. Manche kämpfen durch die Situation auch mit physischen, sozialen und körperlichen Problemen wie Angst und Schlaflosigkeit, berichtet der SWR.

Laut der Daimler AG sind derzeit 364 Beschäftigte im Jobforum, darunter 16 leitende Führungskräfte. „Das ist im Vergleich zu den 150.000 Beschäftigten, die für Daimler in Deutschland arbeiten, eine wirklich vergleichsweise überschaubare Dimension“, sagte Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht der Stuttgarter Zeitung.

Zudem betont der Auto-Hersteller, dass die Mitarbeiter des Jobforums bei Stellenbesetzungen bevorzugt behandelt werden, berichtet der SWR. „Das Feedback aus der Belegschaft zum Jobforum ist grundsätzlich gut“, so eine Sprecherin des Konzerns. Einige Daimler-Mitarbeiter, die aktuell im Jobforum sind, fühlen sich jedoch vom Betriebsrat im Stich gelassen.

Daimler-Betriebsratschef: „Problem der Führungskultur und nicht Problem des Jobforums“

Die Schilderungen der Mitarbeiter der Daimler AG, die aktuell im Jobforum sind, klingen jedoch alles andere als gut. Ein Angestellter in einer Führungsposition berichtet dem SWR, er sei bei einer Veranstaltung für Führungskräfte über die Plattform informiert worden. „Ein Personalleiter direkt unter dem Vorstand erklärte dort, das Job-Forum sei dazu da, den emotionalen und individuellen Druck auf Betroffene zu erhöhen, damit sie dann eher bereit seien, das Abfindungsangebot anzunehmen“, erzählt er.

Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht sieht das Problem allerdings nicht direkt bei der Plattform, sondern in der Führungsebene. „Das Wichtigste ist bei solch einem Prozess, dass der Arbeitgeber mit den betroffenen Mitarbeitern transparent und einfühlsam kommuniziert und man gemeinsam Perspektiven erörtert“, sagte er im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung, gab jedoch auch zu, dass das „sicherlich nicht in jedem Fall passiert“ sei. „Aber das ist dann ein Problem der Führungskultur und nicht ein Problem des Jobforums.“

Daimler-Betriebsratschef: „Müssen über solche Sachverhalte in Kenntnis gesetzt werden“

Dennoch fühlen sich nur wenige Mitarbeiter der Daimler AG in Bezug auf das Jobportal vom Betriebsrat unterstützt. Manche werfen ihm vor, sich für Führungskräfte des Autobauers nicht in der Verantwortung zu sehen, berichtet der SWR. Michael Brecht sagte jedoch, eine interne Versetzung könne auch im Jobforum nicht ohne den Betriebsrat durchgesetzt werden.

„Wenn eine Versetzung stattfindet, ganz egal, ob vom Jobforum oder an anderer Stelle, muss ein Versetzungsantrag vom Personalbereich an den zuständigen Betriebsrat erfolgen“, sagte er der Stuttgarter Zeitung. „Wir müssen über solche Sachverhalte in Kenntnis gesetzt werden. Dann werden wir aktiv. Und dann lehnen wir Anträge ab, wenn es zum Nachteil des Mitarbeiters ist.“

Die Mitarbeiter bei der Daimler AG seien sich bewusst, dass ihr Arbeitgeber im Zuge der Transformation eben Stellen abbauen müsse. Aber die „Art, wie sie das bei Daimler mit langjährigen verdienten Mitarbeitern machen - das ist menschenunwürdig“, sagte ein Angestellter gegenüber dem SWR.

Manche Mitarbeiter, auch Führungskräfte der Daimler AG, wandten sich bereits an Anwälte, um gegen den Konzern vorzugehen. „Veränderung bedeutet immer, dass nicht jeder zu jeder Zeit zufrieden sein kann“, sagte Michael Brecht. Er rate auf jeden Fall zu einem Gespräch mit dem Betriebsrat. „Der Gang zum Rechtsanwalt ist in meinen Augen der letzte Schritt – aber gutes Recht.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare