Zulieferer bedroht

Daimler, BMW & Co. sorgen für Massensterben und Jobvernichtung - „Wir wurden ausgepresst“

  • Valentin Betz
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Die Krise von Daimler, BMW und Co. wirkt sich nicht nur auf die Fahrzeughersteller aus. Auch Zulieferer bangen um Tausende Jobs. Nun erheben sie schwere Vorwürfe.

Stuttgart - Auf Daimler, BMW und Co. warten schwierige Zeiten. Obwohl sich der Fahrzeugmarkt zuletzt nach einem katastrophalen zweiten Quartal wieder zu erholen schien, ist der wirtschaftliche Einschnitt durch die Corona-Pandemie enorm. Für die Daimler AG umso problematischer: E-Auto-Produzent Tesla scheint die Auswirkungen des Coronavirus deutlich besser zu verkraften. Ein Ex-BMW-Manager beunruhigte die Angestellten von Daimler deshalb mit seiner Prognose. Er sieht das Unternehmen von Elon Musk derzeit eindeutig im Vorteil.

Geht es nach dem Beratungsunternehmen EY, stehen den deutschen Fahrzeugherstellern die schlimmsten Auswirkungen der Corona-Pandemie ohnehin noch bevor. Die EY-Experten warnen vor einem großen Erwachen für Daimler, BMW und Co. Das Unternehmen hält Werksschließungen und Kündigungen im nächsten Jahr für unausweichlich.

Daimler, BMW und Co.: Effizienzstreben nimmt Einfluss auf Preise und Verhandlungsposition

Zu einer ganz ähnlichen Vorhersage kommt jetzt das Handelsblatt. Allerdings werden laut Einschätzung des Wirtschaftsmediums nicht Autobauer wie Daimler die Hauptlast der Krise tragen, sondern allen voran deren Zulieferer. Zuletzt stand Daimler-Zulieferer Continental vor einem massiven Stellenabbau - 30.000 Mitarbeiter stehen vor dem Aus. Laut Handelsblatt trifft es aber nicht allein die großen Betriebe wie Continental oder Bosch. Besonders die kleinen Zuliefer-Betriebe stünden vor einem „Massensterben“ - und daran sei weniger das Coronavirus als die Konzerne Daimler, BMW und VW schuld.

Wie das Handelsblatt kommentiert, liege die schlechte wirtschaftliche Lage vieler kleiner Zulieferer vor allem am „Effizienzwahn“ der deutschen Fahrzeughersteller. Demnach werde aus jedem Bauteil, das die Daimler AG und andere Autobauer von Zulieferern beziehen, der maximale Gewinn herausgequetscht. Das Fazit vieler Betriebe laut Handelsblatt: „Wir wurden ausgepresst.“

Schwere Vorwürfe: Die Daimler AG und andere Fahrzeughersteller sollen kleine Zulieferer seit Jahren ausgenutzt haben

Es verwundert zunächst nicht, dass die Daimler AG, BMW und Co. bei der Preispolitik große Macht haben. Große Zulieferer wie beispielsweise die in Baden-Württemberg ansässige Firma Bosch lassen sich trotzdem nur schwer beeindrucken. Ein so großes Unternehmen hat die Möglichkeit, als Systemlieferanten zahlreiche Teile an einen Autokonzern zu liefern. Wird ein Teil von Daimler, BMW und Co. nicht mehr abgenommen, verkauft Bosch eben andere.

Gerät ein Unternehmen wie Bosch doch einmal in Schwierigkeiten, kann es mit dem Zugang zum Kapitalmarkt oder Arbeitsplatzverlagerung in Billiglohnländer immer noch die Katastrophe abwenden. Die kleinen Betriebe hingegen haben all diese Möglichkeiten nicht.

Große Konzerne wie Daimler, BMW und Co. sind gegenüber kleinen Zulieferern übermächtig

Im Gegensatz zu Großlieferanten wie Bosch sind kleine Betriebe meist hochspezialisiert. Wenn ein Konzern wie die Daimler AG entscheidet, ein Teil von einem anderen Zulieferer produzieren zu lassen, bedeutet das einen enormen Umsatzeinbruch. Kleine Zulieferer können sich also aus Angst, den Auftrag gleich ganz zu verlieren, kaum gegen die Preispolitik von Daimler, BMW und Co. zur Wehr setzen. Bei kleinen Unternehmen sind zudem kaum Reserven vorhanden, um sich - wie dringend nötig - auf den Strukturwandel vorzubereiten.

Laut Handelsblatt ist die Zahl der Firmenpleiten im ersten Halbjahr 2020 höher als im gesamten Vorjahr - besonders bei den kleinen Zuliefer-Betrieben. Das werde sich noch verschärfen, wenn die Betriebe den Strukturwandel nicht meistern und sich davon lösen, komplett vom Verbrennungsmotor abhängig zu sein. Auch daran haben Daimler, BMW und Co. übrigens einen Anteil: Zulieferer richten sich bei der Herstellung logischerweise nach dem, was die Fahrzeughersteller fordern. Wenn diese schon seit langem die Elektromobilität ignoriert haben, bestand auch für die Zulieferer kein Anreiz, auf E-Antriebe zu setzen.

Daimler-Zulieferer: Mann+Hummel aus Ludwigsburg musste Stammwerk bereits schließen

Anfang August hatte Daimler-Zulieferer Mann+Hummel bereits sein Stammwerk in Ludwigsburg schließen müssen. Laut dpa sei die Produktion am Standort Ludwigsburg nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen. Mann+Hummel hat auch seinen Firmensitz in Ludwigsburg und stellt für die Daimler AG unter anderem Luftfilter her. Das jetzt geschlossene Werk bestand insgesamt 70 Jahre, 400 Mitarbeiter sind von der Schließung betroffen.

Die Entscheidung zur Schließung des Werks in Ludwigsburg sei nicht leicht gefallen, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende von Thomas Fischer. Die Schließung sei aber nötig, um die Zukunft von Mann+Hummel zu sichern. Der Daimler-Zulieferer war in den vergangenen Jahren bereits zu einigen Umstrukturierungen gezwungen. Es gibt mehr als 80 Mann+Hummel-Standorte weltweit. Der Zulieferer beschäftigt 22.000 Mitarbeiter.

Die Menschen in der Region Ludwigsburg reagierten emotional auf die Werkschließung des Daimler-Zulieferers. Die Gewerkschaft IG Metall rief zu einer Schweigeminute vor dem Werk auf.

Rubriklistenbild: © THOMAS KIENZLE / AFP

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