Vorteil für die Konkurrenz

Daimlers Massenkündigungen sind gefährlich, denn der Konzern verliert seine größte Waffe

Ein Auto mit dem Mercedes-Stern, das Logo der Marke Mercedes-Benz, steht vor einem Showroom.
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Durch den massiven Stellenabbau und die hohe Abfindung wandern auch Spezialisten der Daimler AG zur Konkurrenz.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
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Aufgrund der Umstellung auf E-Autos fallen bei der Daimler AG Tausende Stellen weg. Der Stuttgarter Konzern entlässt aber auch qualifizierte Spezialisten und treibt sie zur Konkurrenz. Eine durchaus gefährliche Strategie.

Stuttgart - Das vergangene Jahr war für die Daimler AG alles andere als leicht. Durch die Corona-Pandemie, der anhaltenden Diesel-Krise und Altlasten musste der Konzern aus der Landeshauptstadt Stuttgart einen strengeren Sparplan fahren, als ursprünglich von Daimler-Chef Ola Källenius angekündigt. Durch den ersten Corona-bedingten Lockdown im Frühjahr 2020 standen auch bei dem Stuttgarter Autobauer die Produktionen für mehrere Wochen still. Dazu kam allerdings auch der verstärkte Fokus auf die E-Mobilität durch den an Standorten weltweit massiv Stellen abgebaut wurden und noch weiter abgebaut werden sollen.

Durch die genannten Faktoren droht bei der Daimler AG beispielsweise an sechs deutschen Werken ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen, dadurch sind 20.000 Jobs in Gefahr. Für besondere Spannungen zwischen Vorstand und dem Betriebsrat sorgte im vergangenen Jahr allerdings der Stellenabbau an zwei sehr wichtigen Werken des Stuttgarter Autobauers. Die Sparmaßnahmen könnten nicht nur für weiteren Unmut bei den Mitarbeitern und wiederholte Reibereien mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft sorgen, sondern für Daimler noch ernste Folgen haben, wie die Augsburger Allgemeine berichtet. Der Konzern entlässt nämlich nicht nur Arbeiter oder Bürokräfte, sondern auch hochqualifizierte Spezialisten. Die könnten im schlimmsten Fall das Know-How der schwäbischen Traditionsschmiede zu der Konkurrenz tragen. Aber gerade das ist Daimlers wichtigste Waffe im Kampf gegen Konkurrenten wie Tesla und Co.

Daimler AG: Stellenabbau in Stuttgart und Berlin - Experten bereits zu Tesla abgewandert

Am heutigen Donnerstag, dem 18. Februar, legte die Daimler AG offiziell die Zahlen für das vergangene Jahr 2020 vor. Bereits im Vorfeld wurde bekannt, dass der Konzern trotz der wirtschaftlich schweren Monate einen Milliardengewinn einstreichen konnte. Damit kann sich Daimler zwar durchaus auf die eigene Schulter klopfen, dieser Erfolg erforderte im Laufe des Jahres jedoch auch zahlreiche Opfer. Erst kurz vor dem Jahreswechsel kämpften Daimler-Mitarbeiter vor der Konzernzentrale in Stuttgart mit einer bewegenden Aktion um ihre Jobs. Das Stammwerk im Stadtteil Untertürkheim ist besonders stark vom Stellenabbau betroffen und soll massiv eingedampft werden.

Im Bereich der E-Mobilität muss sich die Daimler AG mit dem Pionier Tesla messen. Während Daimler die Produktion von Verbrennern am ältesten deutschen Werk in Berlin nach 118 Jahren einstellt, baut das Unternehmen von Elon Musk nur wenige Kilometer entfernt eine riesige Fabrik, die mehrere Tausend Arbeitsplätze schaffen soll. Einige qualifizierte Experten von Mercedes-Benz sind sogar schon zu der großen Konkurrenz übergelaufen. So wechselte ein Ingenieur nach 13 Jahren bei der Daimler AG zu Tesla und auch der Werksleiter in Berlin-Marienfelde wanderte zu dem US-Unternehmen ab. Das geschah bislang zwar auf freiwilliger Basis, der massive Stellenabbau und die Umstrukturierung haben aber sicherlich einen Teil zur Entscheidung beigetragen.

Daimler AG: Andauernder Stellenabbau könnte dem Konzern zum Verhängnis werden

Die Sparmaßnahmen bei der Daimler AG führten im vergangenen Jahr sogar so weit, dass das Unternehmen den Mitarbeitern sechsstellige Summen zahlte, damit sie den Konzern verlassen. Demnach verlassen nach wie vor auch Ingenieure den Konzern mit einer Abfindung von bis zu 250.000 Euro und sollen bereits bei Tesla angeklopft haben, wie Auto-Experte Stefan Bratzel der Augsburger Allgemeine bestätigte. Der Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach bezeichnet die Abfindungen als „Breitbandantibiotikum“. Durch diesen Anreiz könnten durch den anhaltenden Stellenabbau immer mehr Spezialisten ihren Hut nehmen und neue Aufgaben bei der Konkurrenz suchen.

Die Geschichte der Daimler AG geht zwar bis ins Jahr 1883 und dem Unternehmen Benz & Cie zurück, als wirkliches Gründungsdatum des heutigen Konzerns gilt jedoch die Gründung der Daimler-Chrysler AG im Jahr 1998. Damit kann der Stuttgarter Hersteller auf über 20 Jahre Erfahrung im Automobilbau und eine Entwicklung von zahlreichen weltbekannten Modellen zurückblicken. Die heutigen Ingenieure und Spezialisten bei Mercedes waren nicht alle von Anfang an dabei, könnten der Konkurrenz wie Tesla jedoch sicherlich einiges an Wissen bringen. Laut Stefan Bratzel müsse der Stuttgarter Konzern eher im Bereich der Verwaltung und der Produktion „Speck loswerden“, wie die Augsburger Allgemeine berichtet.

Daimler AG spaltet sich auf - Sorge um die Arbeitsplätze bei den Mitarbeitern bleibt

Die ersten Monate des Jahres 2021 versprechen bei der Daimler AG keine Beruhigung der angespannten Lage. Durch die Ankündigung der bevorstehenden Spaltung des Stuttgarter Konzerns waren die Mitarbeiter „wie vom Blitz getroffen“. Viele befürchten dadurch erst recht weitere Entlassungen. Michael Brecht, der Vorsitzende des Daimler-Gesamtbetriebsrates, musste beruhigen. „Niemand soll sich in seiner Existenz bedroht fühlen“, sagte er.

Mit dem Umgang des Vorstands mit den Mitarbeitern ist Brecht jedoch alles andere als einverstanden. „Alle bei Daimler wissen, dass wir in einer schwierigen Situation sind, aber muss man die Leute beinahe zu Tode erschrecken?“, fragte er an das Management des Autobauers gerichtet, wie die Augsburger Allgemeine berichtet.

Die Sorge bei den Mitarbeitern der Daimler AG bleibt jedoch und die angespannte Lage in Stuttgart und Berlin könnte demnach weitere Spezialisten in die Arme der Konkurrenz treiben. Nach der Ankündigung der Spaltung befürchteten auch viele eine drohende feindliche Übernahme der zukünftig deutlich kleineren Mercedes-Benz AG. Laut einem Experten könnte sogar BMW mit Mercedes fusionieren. Die am heutigen Donnerstag vorgelegten Zahlen für das vergangene Jahr räumen der Daimler AG aber immerhin einen weiteren Handlungsspielraum in Bezug auf die Sparmaßnahmen ein. Michael Brecht sagte bereits, Daimler soll eine heftig kritisierte Maßnahme zurücknehmen. Damit meint der Betriebsratschef die Kürzung von Arbeitszeit und Lohn.

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