Daimler-Hauptversammlung

„Altlasten der Ära Zetsche drohen Daimler zu erdrücken“: Daimler-CEO Ola Källenius muss sich erstmals wütenden Anlegern stellen

Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, nimmt an der Bilanz-Pressekonferenz der Daimler AG teil.
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Daimler AG in der Krise: Ola Källenius muss sich auf der Hauptversammlung wütenden Anlegern stellen.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
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Am heutigen Mittwoch findet die erste virtuelle Hauptversammlung der Daimler AG in Stuttgart statt. Auf der Versammlung wird Daimler-Chef Ola Källenius den Aktionären erstmals Antworten liefern müssen. Viele hoffen auf einen Fahrplan zur Bewältigung der aktuellen Krise.

  • Am Mittwoch findet ab 10 Uhr die Hauptversammlung der Daimler AG statt. Wegen des Coronavirus ist für die Aktionäre nur eine virtuelle Teilnahme möglich.
  • Ola Källenius, der CEO der Daimler AG, wird zum ersten Mal vor den Aktionären sprechen. Viele erhoffen sich einen Fahrplan zur Bewältigung der Krise.
  • Der Automobilkonzern mit Sitz in Stuttgart hat wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg schwere finanzielle Verluste erlitten. Auch vor dem Ausbruch des Virus lief es für die Daimler AG nicht gut.

Stuttgart - Am heutigen Mittwoch findet die erste Hauptversammlung der Daimler AG in der Konzernzentrale in der Mercedesstraße in der Landeshauptstadt Stuttgart statt. Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg können die Aktionäre nur virtuell per Video teilnehmen. Eine physische Präsenz ist wegen der anhaltenden Infektionsgefahr nicht möglich. Die Aktionäre erhoffen sich einen Fahrplan zur Bewältigung der Krise von Daimler-CEO Ola Källenius. Der gebürtige Schwede wird am Mittwoch das erste Mal als Chef der Daimler AG die Fragen der Aktionäre beantworten. Viele Anleger sind wütend - sie werfen dem Fahrzeughersteller mangelnde Strategie und mangelndes Kostenbewusstsein vor.

Das Coronavirus in Baden-Württemberg hatte weitreichende Folgen für die Wirtschaft. Auch die Daimler AG, die die Marke Mercedes-Benz auf der ganzen Welt bekannt machte, leidet darunter. Bei dem Weltkonzern kam es zu Stellenabbau und Kurzarbeit. Die Regierung verabschiedete ein Konjunkturpaket, um die Auswirkungen von Covid-19 abzumildern. Vorgesehen ist eine Prämie für den Kauf von E-Auto und Hybrid. Eine entsprechende Prämie für Verbrenner soll es nicht geben. Die Daimler AG ist massiv bedroht, weil 95 Prozent der Jobs in diesem Bereich liegen. Der Betriebsratsvorsitzende der Daimler AG, Michael Brecht, forderte bereits in der Vergangenheit einen genaueren Fahrplan vom Betriebsrat. Ein solcher Plan wird an diesem Mittwoch möglicherweise endlich vorgelegt.

Daimler AG: Virtuelle Hauptversammlung mit erwartetem Fahrplan zur Krisenbewältigung

Um 10 Uhr begann die erste virtuelle Hauptversammlung der Daimler AG. Auf der umfangreichen Tagesordnung steht zunächst die Vorstellung des Jahresabschlusses und des Konzernabschlusses für das Geschäftsjahr 2019. Die laut Angaben des SWR 40.000 angemeldeten Anlegerinnen und Anleger, werden angesichts der Lage jedoch nicht nur an der Vergangenheit, sondern verstärkt auch an der Zukunft des Automobilherstellers interessiert sein.

Die Daimler AG stand bereits vor der Ausbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg nicht gut da. Die komplette Autokonjunktur schwächelt in den vergangenen Jahren. Der Autohersteller aus Stuttgart muss große Summen in Zukunftsprojekte wie die neue Wasserstoff-Technik setzten, und sitzt auf einem „Berg aus Diesel-Altlasten“, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet. Das Coronavirus traf den Weltkonzern mit voller Wucht. Vier Wochen stand die Produktion in allen Werken der Daimler AG still. Die finanziellen Verluste zwingen Källenius, noch mehr zu sparen als ursprünglich geplant.

Daimler AG-Hauptversammlung: Källenius will Konzern straffen und effizienter machen

Der Plan für die Zukunft der Daimler AG könnte den Aktionären missfallen. Källenius will den Konzern straffen und effizienter machen. Dieses Vorhaben ist mit der Streichung von Tausenden Stellen, der Senkung der Kosten und dem Neuverteilen der Prioritäten verbunden. Durch die Corona-Krise drohen dem Automobilhersteller teure Überkapazitäten, meldet die dpa. Letzte Woche kündete der Konzern an, deshalb ein Werk im französischen Hambach mit 1.600 Mitarbeitern zu verkaufen und die beliebten Smarts zukünftig in China produzieren lassen. Die Daimler AG will in Zukunft verstärkt auf Digitalisierung und Elektromobilität setzen. In Kooperation mit der US-Firma Nvidia plant das Unternehmen, ab 2024 einen Computer in Autos der Marke Mercedes-Benz einzubauen. Das revolutionäre Auto-Abo-Modell war dagegen, zumindest auf dem US-Markt, ein Flop. Das Modell „Mercedes-Benz Collection" wird Ende des Monats eingestellt.

Laut einem Bericht der dpa halten viele Aktionäre die aktuelle Krise für hausgemacht. Zumindest soweit die Probleme nicht unmittelbar mit den Folgen des Coronavirus zusammenhängen. Sie werfen der Daimler AG vor, sich auf den Rekorderfolgen der letzten Jahre ausgeruht und damit wichtige Weichenstellungen verpasst zu haben. Auch die Rückkehr des ehemaligen Daimler-Chefs Dieter Zetsche stößt bei vielen weiterhin auf Kritik.

Die Daimler AG habe mit strategischen Problemen zu kämpfen, deren Ursachen in den Jahren zuvor gesetzt worden seien -beispielsweise, dass man das Thema der reinen E-Mobilität systematisch unterschätzt habe. Das sagte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management, im Gespräch mit boerse.ARD.de. „Die Altlasten der Ära Zetsche drohen Daimler zu erdrücken“, sagte Janne Werning vom Fondshaus Union Investment. Das sei ein Armutszeugnis, denn die Verschärfung der Flottenemissionsziele der EU seien nicht über Nacht gekommen, sondern mit Ansage.

Die Kritik und Fragen der Aktionäre werden Daimler-CEO Ola Källenius und den Aufsichtsratschef Manfred Bischoff nur in schriftlicher Form erreichen. Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg gibt es bei der virtuellen Hauptversammlung der Daimler AG keine Redebeiträge von Aktionären.

Daimler AG-Hauptversammlung: Konzern erwartet Besserung im zweiten Halbjahr

Laut der dpa sieht die Daimler AG dem zweiten Halbjahr 2020 zuversichtlicher entgegen. „Knapp 870.000 Autos der Marke Mercedes-Benz haben wir seit Jahresbeginn abgesetzt“, sagte Ola Källenius am Mittwoch auf der virtuellen Hauptversammlung. Das seien zwar 19 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, im zweiten Quartal habe man jedoch wieder Boden gut gemacht. Doch auch das zweite Halbjahr 2020 wird für den Automobilhersteller aus Stuttgart alles andere als leicht. „Ich denke, wir sind uns einig: Die jüngsten Ergebnisse - auch schon vor Corona - werden diesem stolzen Unternehmen nicht gerecht“, sagte Källenius laut dem Redetext. „Daimler kann mehr. Und wir sind entschlossen, zu liefern“. Doch als die Daimler AG am 16. Juli nach Börsenschluss ihre vorläufigen Zahlen für das zweite Quartal bekanntgab, war die Mitteilung so überraschend, dass die Daimler-Aktie vorübergehend an die DAX-Spitze schoss.

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