Abrechnung mit Daimler AG

„Lasst Daimler sterben“: Gnadenlose Abrechnung mit dem Konzern prangert Versagen an

  • Marleen van de Camp
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Bei der Daimler AG drohen Massen-Entlassungen. Die Produktion in mehreren Werken steht auf der Kippe. Ein SPD-Politiker fordert nun „Lasst Daimler sterben!“

  • Im Konjunkturpaket wegen des Coronavirus gibt es eine Prämie für E-Auto und Hybrid, nicht aber für Verbrenner.
  • Die SPD hatte das durchgesetzt und wird seitdem schwer durch Fahrzeughersteller wie die Daimler AG angegriffen.
  • Ein SPD-Politiker hat genug und fordert: „Lasst Daimler sterben!“

Stuttgart - Der Betriebsratschef der Daimler AG, Michael Brecht, und der IG-Metall Chef Jörg Hofmann haben die SPD scharf für das Konjunkturpaket kritisiert. Die Bundesregierung hatte ein Hilfspaket im Wert von 130 Milliarden Euro verabschiedet, um die durch das Coronavirus stark geschädigte Wirtschaft wieder anzukurbeln.

Auch die Daimler AG aus Stuttgart trifft die Coronakrise hart. Michael Brecht, Jörg Hofmann ebenso wie viele weitere Chefs von Fahrzeugherstellern und Gewerkschaften sind in Panik, weil das Konjunkturpaket eine Prämie für E-Auto und Hybrid, nicht aber für Verbrenner vorsieht. Daimler sei „massiv bedroht“, da 95 Prozent der Jobs in der Autoindustrie am Verbrenner hingen, sagte Michael Brecht sinngemäß.

„Lasst Daimler sterben“: SPD-Politiker stellt kritische Forderung an den Autohersteller

Gegen die Vorwürfe der Daimler AG, anderer Fahrzeughersteller und Gewerkschaften wehrt sich nicht nur die Spitze der SPD. Auf dem Blog des SPD-Politikers, ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wirtschaftsministers von Baden-Württemberg, Walter Spöri, fordert ein anderer SPD-Politiker: „Lasst Daimler sterben!“

SPD-Politiker: Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche hat keinen Grips – Elon Musk blamiert deutsche Autohersteller 

Diese drastische Forderung in Bezug auf die Daimler AG kommt von Christoph Mause, Mitglied im Ortsvorstand der SPD in Ratingen, NRW, der die deutschen Autobosse in seinem Artikel auch als Vollversager und Verlierer bezeichnet. Was den ehemaligen Daimler-Vorstand Dieter Zetsche angeht, so fragt er, „wie jemand mit so wenig Grips CEO einer deutschen Automobil-Ikone werden konnte“. Christoph Mause ist nicht nur Kommunalpolitiker, sondern Sprecher des Managerkreises NRW und Gründer einer Digitalagentur, die er 2016 nach 11 Jahren als Managing Partner an das Software-Unternehmen IBM verkauft hat.

Für den SPD-Mann, der laut der Biografie auf seiner Website ein Arbeiterkind ist, ist die Aufregung der Daimler AG über die fehlende Prämie für Verbrenner im Konjunkturpaket Jammern auf „technisch und wirtschaftlich höchstem Niveau“. Während die deutschen Fahrzeughersteller nach der Abwrackprämie schrien, schieße „Elon Musk – wie zum Hohn – seine Rakete zur ISS“. Den Markt für E-Auto und Hybrid teilten Tesla, Hyundai und andere unter sich auf. 

Daimler AG: Gewerkschaften und Betriebsrat befürchten einschneidenden Verlust von Arbeitsplätzen

Die SPD hat sich mit ihrer Entscheidung, keine Prämie für Verbrenner einzuführen, bei der Daimler AG nicht gerade beliebt gemacht. „Stinksauer“ sei Michael Brecht, der Daimler-Betriebsratschef deswegen. Die Doppelspitze der SPD hatte sich gegen die CDU und CSU durchgesetzt, die eine Prämie für Verbrenner befürwortet hatte. Warum ausgerechnet die SPD nicht verstanden habe, dass die Kaufprämie für schadstoffarme Verbrenner im Konjunkturpaket bei der Daimler AG und anderen Autobauern massiv Arbeitsplätze gerettet hätte, sei ihm nicht klar, sagte Michael Brecht gegenüber der dpa. E-Auto und Hybrid verkauften sich nicht besonders gut. Trotzdem hat Daimler schon kurz nach Bekanntwerden reagiert - mit drei neuen Modellen.

Der IG-Metall Chef Jörg Hofmann warnte gegenüber der Augsburger Allgemeinen, die Entscheidung werde zu einem massiven Vertrauensverlust der mehr als 2 Millionen direkt oder indirekt in der Autoindustrie Beschäftigten in die Sozialdemokratie führen. Mit anderen Worten: Der SPD werden viele Wähler davonlaufen.

„Vollversager“: E-Auto und Hybrid werden von anderen als der Daimler AG verkauft 

In dem Artikel, der auf dem Blog von Walter Spöri, dem ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten und Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, veröffentlicht wurde, fordert der SPD-Politiker Christoph Mause auch die Gewerkschaften heraus. Man müsse sie fragen, „ob sie noch ernsthaft die Interessen ihrer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vertreten, oder ob sie – eingepackt in gut bezahlte Aufsichtsrats- und Gewerkschaftsposten – inzwischen lieber zur Klasse der Vollversager der deutschen Industrie halten.“

Fahrzeughersteller wie die Daimler AG seien der Grund für den exzellenten Ruf, den die deutsche Ingenieurskunst weltweit genieße. Doch die Automobilbranche mache der SPD mittlerweile große Sorgen, weil ihre Vorstände und Manager es unterließen, ihre Unternehmen auf die Zukunft auszurichten. E-Auto und Hybrid würden hauptsächlich von Tesla, Hyundai und Co. verkauft.

Ein Tesla-Verkäufer habe sich ihm gegenüber einmal „kringelig gelacht“, weil Daimler auf ein neues Fünf-Zoll-Display in der S-Klasse stolz sei, während im Tesla Model S schon ein 17-Zoll-Display verbaut sei. Die Deutschen hätten zu lange ihren Fokus auf den Verbrenner gesetzt, schreibt Christoph Mause.  

Daimler - Mercedes-Stern im Regen

Daimler AG: Rückständigkeit der Fahrzeughersteller „Schande für Deutschland“

Der wohl prominenteste Verfechter des Verbrennungsmotors, der ehemalige Daimler-Chef Dieter Zetsche, habe noch 2015 gesagt, die Daimler AG habe lange Erfahrung als Fahrzeughersteller, habe das Auto erfunden und Erfahrung sei „in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mit entscheidend“. Für diese Aussage hätte er Dieter Zetsche sofort gefeuert, schreibt Christoph Mause. Überhaupt sei „die beste Idee“, die deutsche Automobilmanagern in den vergangenen zwanzig Jahren gehabt hätten, „ein geschicktes Softwaremanagement“ gewesen, um „die Abgaswerte ihrer überdimensioinierten Verbrennungsmotoren“ zu faken.

Die Abgas-Affäre, auch als Diesel-Skandal bekannt, hat der deutschen Automobilbranche und auch der Daimler AG massiven Schaden zugefügt. Bis heute sorgt sie für Schlagzeilen und wird internationale Gerichte noch für Jahre beschäftigen. Die Rückständigkeit der deutschen Fahrzeughersteller empfindet der SPD-Politiker als Blamage für Deutschland. Christoph Mause schreibt: „Welche Schande für unser Land, für die deutsche Ingenieurskunst und welche Demütigung für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die seit Jahren jeder Re-, Um- und Neustrukturierung geduldig mittragen, Lohnverzicht üben und jede noch so blöde Idee des Managements unterstützen.“

Währenddessen säßen die Manager in ihren „Fincas auf Mallorca“ und legten nochmal 50 PS auf ihr neuestes 450 PS Top Verbrenner, anstatt in Zukunftstechnologien wie E-Auto und Hybrid zu investieren. Darum solle man die Daimler AG endlich sterben lassen und Steuergelder wie die aus dem Konjunkturpaket wegen des Coronavirus lieber in innovative Unternehmen investieren, fordert der SPD-Politiker. Innovative Ideen gibt es in Deutschland tatsächlich genug. Drei Schüler aus Baden-Württemberg haben zum Beispiel gerade eines der größten Probleme von E-Autos gelöst. Und die Tatsache, dass das Sterben einiger Fahrzeughersteller unausweichlich ist, bestätigt die Analyse einer großen Wirtschaftsberatung. „Diese Krise werden nicht alle Autohersteller überleben“ - lautet die Prognose von EY ZU Daimler und Co. Der Batteriekonzern Varta bekam allerdings gerade eine Förderung von 300 Millionen Euro - damit könnte er die sterbende Autoindustrie retten. Derweil sorgt ein Foto der Daimler AG für Empörung, die eine ehemalige SPD-Sprecherin auf Twitter teilt.

Kanadier reist extra nach Stuttgart, um sich bei Daimler zu beschweren

Auch in Kanada hatte ein Mann so einiges an der Daimler AG auszusetzen. Aufgrund einer technischen Fehlfunktion seiner S-Klasse baute er beinahe einen Unfall. Weil eine Klage erfolglos blieb, flog der Kanadier persönlich nach Stuttgart, um sich bei Daimler zu beschweren.

Ende Juli konnte die Daimler AG allerdings wieder eine positive Nachricht vermelden. Daimler baut künftig in alle Mercedes-Benz-Modelle eine Technologie, die das Autofahren für immer verändert. Ab 2024 werden in die Autos Computer der US-Firma Nvidia verbaut, die dann auch autonomes Fahren ermöglichen sollen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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