Chancen bleiben ungenutzt

Studie liefert erstaunliches Ergebnis: E-Mobilität könnte Daimler & Co. weniger schaden als angenommen

  • Valentin Betz
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Die Daimler AG baut künftig nur noch E-Autos. Viele bangen deshalb um ihre Jobs. Doch die Sorgen sind laut einer aktuellen Studie unbegründet - eigentlich.

Stuttgart - Die Fahrzeughersteller in Deutschland stecken momentan aufgrund des Coronavirus in einer Krise. Auch die Daimler AG wurde von der Corona-Pandemie schwer getroffen. Der Konzern aus Stuttgart hatte aber schon zuvor mit Problemen zu kämpfen. Das Aus des Verbrenners ist inzwischen kaum noch abzuwenden. Daimler muss in den kommenden Jahren ein Vermögen in den Strukturwandel hin zur Elektromobilität stecken.

Durch EU-Pläne, den Verbrenner zu verbieten, gerät Daimler sogar noch unter Zeitdruck. Besonders betroffen von der Misere der Fahrzeughersteller sind die vielen Zulieferer. In der gesamten Branche sind 100.000 Jobs bedroht, ein Fonds soll der sterbenden Branche deshalb helfen. Für so manchen Betrieb wird diese Hilfe zu spät kommen. Daimler-Zulieferer Mahle plant wegen der Krise, 7.600 Mitarbeiter zu entlassen. Doch der Wegfall von Arbeitsplätzen aufgrund des Strukturwandels hin zur E-Mobilität müsste womöglich gar nicht so drastisch ausfallen. Eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) kam jetzt zu einem überraschenden Ergebnis.

Strukturwandel bei Daimler: Arbeitsaufwand bei Elektroantrieb und Verbrennungsmotor fast identisch

Der massive Abbau von Stellen bei Fahrzeugherstellern wie Daimler wurde bislang damit begründet, dass Elektromotoren weniger komplex seien, als Verbrenner. Doch wie das Handelsblatt berichtet, hat eine Studie der Boston Consulting Group diese Annahme widerlegt. Experten der Unternehmensberatung untersuchten im Rahmen der Studie jeden einzelnen Arbeitsschritt der Produktion.

Ein Elektroantrieb soll demnach tatsächlich weniger komplex sein, als ein Verbrenner - das gilt jedoch nur für einen Bereich. „Der Arbeitsvolumenvergleich, dass für einen Dieselantrieb drei Beschäftigte und für einen Elektroantrieb nur ein Beschäftigter benötigt wird, gilt nur für den Motor“, sagt Studienautor und BCG-Partner Daniel Küpper laut Handelsblatt. Betrachtet man allerdings den Gesamtaufwand, sieht die Rechnung anders aus. „Für den Bau eines kompletten Elektroautos ist der Arbeitsaufwand nahezu genauso hoch wie für ein Auto mit Verbrennungsmotor“, so Daniel Küpper.

Arbeitsaufwand beim Bau von E-Autos: Weniger Komplexität, dafür neue Arbeitsschritte im Vergleich zum Verbrenner

Die Tatsache, dass unterm Strich beim Bau eines E-Autos derselbe Aufwand anfällt wie bei Verbrennern, liegt laut der BCG-Studie an Arbeitsschritten, die bei der E-Mobilität neu dazukommen. Hauptsächlich geht es dabei um die Batterie, die beim Verbrennungsmotor so nicht vorhanden ist. Das Handelsblatt nennt beispielsweise die Batteriemodulfertigung, das Packaging oder das Verlegen der Kabelbäume. Karosserie- oder Lackierarbeiten seien darüber hinaus bei Verbrenner und E-Auto identisch. Hinzu kommt: Die Teile von E-Autos haben insgesamt eine höhere Wertigkeit.

Daimler & Co können aufatmen: Eine Studie zeigt, der Arbeitsaufwand für E-Autos und Verbrenner unterscheidet sich kaum.

Die Herstellung von Batteriezellen ist aber für Fahrzeughersteller wie die Daimler AG beim Stellenabbau genau der Knackpunkt. Zwar sagte Daimler beim Kampf ums E-Auto Tesla mit ehrgeizigen Plänen den Kampf an. Doch damit ist die verstärkte Forschung an der Batteriezelle gemeint - die Produktion überlässt Daimler weiterhin Zulieferern im Ausland. Jobs, die in Deutschland fehlen. „Da die deutschen Autozulieferer bislang keine Batteriezellen fertigen, geht dieses Arbeitsvolumen der deutschen Autoindustrie verloren, wenn nicht umgesteuert wird“, erklärte Daniel Küpper deshalb dem Handelsblatt.

Herstellung von Batteriezellen: Elektroantrieb als Chance für die deutschen Zulieferer

Ob und in welchem Ausmaß deutsche Fahrzeughersteller bald selbst Batterien herstellen, wie es US-Konkurrent Tesla bereits von Beginn an getan hat, ist unklar. Die Daimler AG hat diesbezüglich noch keine Ankündigung gemacht. Darin könnte laut der BCG-Studie eine Chance für die Zulieferer der Autoindustrie liegen, indem sie sich zu Motorenbauern umwandeln.

Der Daimler-Zulieferer Continental will mit 30.000 Mitarbeitern zwar massiv Stellen abbauen. Seit 2010 hat Continental aber über zwei Milliarden Euro in die Elektrifizierung investiert, das Tochterunternehmen Vitesco bietet künftig alle Komponenten von E-Autos an - bis auf die Batteriezellen. Das Unternehmen Bosch aus Baden-Württemberg hat seine jährlichen Investitionen in die E-Mobilität sogar auf eine halbe Milliarde Euro aufgestockt.

Zwei wesentliche Hindernisse werden in der Studie der Boston Consulting Group allerdings genannt. Um Komponenten für E-Autos herstellen zu können, braucht es neben neuen Werken auch das entsprechende Know-how. Fabriken zu bauen und Arbeiter umzuschulen kostet jedoch viel Geld. Laut Handelsblatt sieht Daniel Küpper die Produktion daher zwar näher an Deutschland heranrücken, er geht jedoch nicht davon aus, dass hierzulande produziert werden wird: „Neue Werke für Komponenten der Elektroautos werden aus Kostengründen eher in Osteuropa als in Deutschland entstehen“, so Daniel Küpper.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Silas Stein/dpa

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