Auto der Zukunft

Daimler AG begeht „Selbstmord“: Hybrid-Erfinder mit Kritik am Konzern

  • Marleen van de Camp
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Die Daimler AG war einst führend auf einem Gebiet, das der Autobauer praktisch aufgegeben hat. Ein fataler Fehler - wie der Erfinder des Hybrid-Antriebs befürchtet.

  • Die Daimler AG forscht seit den 90er-Jahren an der Brennstoffzelle und hat deshalb auf diesem Gebiet einen großen Vorsprung vor der Konkurrenz.
  • Trotzdem hat sich Daimler unter CEO Ola Källenius von der Brennstoffzellentechnik für Pkw verabschiedet und produziert nur E-Autos mit Batterie.
  • Ein Atomphysiker und hochrangiger Berater von Toyota sagt, diese Strategie sei Selbstmord.

Stuttgart - Die Daimler AG baut das E-Auto der Zukunft mit Lithium-Ionen-Batterie - wie alle anderen europäischen Fahrzeughersteller auch. Der Unterschied: Die Daimler AG hat gerade mehr als 100 Millionen Euro in eine Alternative zum E-Auto mit Batterie investiert – das E-Auto mit Brennstoffzelle. Trotzdem will der Daimler-Vorstand um Ola Källenius die Brennstoffzelle nicht in Pkw einsetzen, sondern nur in Lkw und auch das erst im Laufe des Jahrzehnts. „Was die deutschen Unternehmen machen, ist Selbstmord“, sagt der Toyota-Berater Katsuhiko Hirose im Interview mit dem Magazin Spiegel.

Daimler AG: Vorsprung bei Brennstoffzelle geschmolzen, Anschluss bei Batterie verloren

Katsuhiko Hirose ist Professor für Atomphysik, einer der fünf Erfinder des Hybrid-Antriebs und berät mit Toyota den zweitgrößten Autobauer der Welt. Der japanische Fahrzeughersteller hat schon im Jahr 2014 ein E-Auto mit Brennstoffzelle auf den Markt gebracht, dessen Produktion derzeit ausgeweitet wird. Die Ironie: Die Daimler AG war 1994 der erste Autobauer weltweit, der einen solches Fahrzeug präsentierte. Nun hat man sich in Stuttgart von der Brennstoffzellentechnik für Pkw komplett verabschiedet.

Der Automobil-Visionär Katsuhiko Hirose dagegen hat Toyota aus guten Gründen dazu geraten, auf die Brennstoffzelle zu setzen, wie er im Spiegel erklärt. Seiner Überzeugung nach ist der Fokus der Daimler AG auf das E-Auto mit Batterie für den Fahrzeughersteller selbst, aber auch die gesamte Volkswirtschaft fatal. 

Ist Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, zu zögerlich?

Toyota-Experte: Batteriebetriebene E-Autos werden ganze Automobilkonzerne und Volkswirtschaften vernichten

Denn für das E-Auto mit Batterie würden keine klassischen Getriebe- und Motorenteile mehr gebraucht - alle Automobilzulieferer würden dadurch überflüssig, sagt Toyota-Berater Katsuhiko Hirose. Dass er recht haben könnte, hat man in Baden-Württemberg bereits zu spüren bekommen. Zum Beispiel, als der Daimler-Zulieferer Mann+Hummel ankündigte, sein Stammwerk in Ludwigsburg zu schließen. In Ludwigsburg gehen dadurch 400 Arbeitsplätze verloren. Die Geschäfte der klassischen Zulieferer machten in Zukunft Hersteller von Batterien, so Hirose. Führend seien in diesem Bereich China mit CATL und BYD, sowie Südkorea mit LG und Samsung. Daimler, Deutschland und Europa hätten längst den Anschluss verloren. Bei der Brennstoffzelle sei das anders. 

Daimler AG: Konzern sollte Schwerpunkt auf Brennstoffzellen-Forschung für Pkw setzen

Die Daimler AG forscht bereits seit den 90er-Jahren an der Brennstoffzelle. Yoshikazu Tanaka, Chefingenieur von Toyota, erklärt dem Spiegel, warum der Fahrzeughersteller aus Japan im Gegensatz zur Daimler-Tochter Mercedes-Benz auf Pkw mit Brennstoffzelle setzt: Kleine Cityflitzer wie der Smart ließen sich günstiger mit Batterie herstellen.

Mit zunehmender Reichweite jedoch werde eine Batterie zu schwer und zu teuer für jedes E-Auto. Selbst wenn die Batterietechnik stark verbessert werde, könne sie die Brennstoffzelle niemals überflüssig machen. Auch das Laden des E-Autos sei ein Grund, aus man in Stuttgart nicht ausschließlich auf die Batterie setzen solle. 

E-Auto mit Batterie wird für Daimler AG problematisch, sobald es sich großflächig durchsetzt

Aus heutiger Sicht sei eine Ladezeit von 30 Minuten für ein E-Auto mit Batterie das Höchstmögliche. Man stelle sich vor, während der Hauptreisezeiten müsste jedes Fahrzeug unterwegs mehrmals 30 Minuten laden. Das würde Yoshikazu Tanaka zufolge für noch größere Staus sorgen, als sie heute bekannt sind. Die Überlastung des Stromnetzes wäre die Folge.

Ein E-Auto mit Brennstoffzelle dagegen tanke in drei Minuten genug Energie für 500 Kilometer. Darum wird Toyota zwar einen Cityflitzer mit Batterie als Konkurrenz für den Smart der Daimler AG auf den Markt bringen, aber keine Limousinen oder SUVs.

Rat an Ola Källenius: Daimler sollte zur Zukunftssicherung auch auf die Pkw-Brennstoffzelle setzen

Ola Källenius, der Daimler-Chef, hat unlängst angekündigt, sich von beliebten Mercedes-Modellen abzuwenden. Damit will er den Fahrzeughersteller aus Stuttgart auf die Zukunft vorbereiten – auf die Massenproduktion des E-Autos mit Batterie. Glaubt man Katsuhiko Hirose und Yoshikazu Tanaka von Toyota, sollte er die Forschung der Daimler AG zur Brennstoffzelle nicht auf die Unternehmenssparte Daimler Truck beschränken, sondern auch Pkw von Mercedes-Benz damit ausstatten. Mit dieser Strategie wäre die Zukunft der Daimler AG weit sicherer.  

Rubriklistenbild: © picture alliance/Uli Deck/dpa

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