Wachstumsmarkt Sharing Mobility

Daimler trennt sich von Geschäft, das bald 2.350 Milliarden Euro wert sein wird

  • Valentin Betz
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Mobilität ist mehr als Fahrzeugherstellung. Das wissen auch Daimler, BMW & Co. Doch bei neuen Strategien wie etwa Carsharing sind die Konzerne skeptisch. Das könnte Daimler eines Tages sehr schmerzen.

Stuttgart - Die Daimler AG ist momentan gänzlich damit beschäftigt, den Konzern gut für die Zukunft zu rüsten. Einerseits gehört dazu, die negativen Auswirkungen des Coronavirus in Baden-Württemberg für den Fahrzeughersteller möglichst klein zu halten. Auf der anderen Seite ist Daimler mit dem Strukturwandel hin zur Elektromobilität beschäftigt.

Zuletzt zeigte eine Studie, dass die E-Mobilität Daimler & Co. weniger schaden könnte als gedacht. Denn die Befürchtung, die Herstellung von E-Autos würde weniger Arbeitsplätze benötigen, stellte sich als unwahr heraus. Entsprechend offensiv geht der Konzern aus Stuttgart jetzt beim Thema Batterie-Herstellung vor. Daimler erklärte beim Kampf ums E-Auto Tesla mit ehrgeizigen Plänen den Krieg. Doch auch wenn es sicher vernünftig von Daimler ist, die E-Mobilität zu verfolgen: Wie das Handelsblatt berichtet, könnten dem Konzern Milliarden entgehen, weil gleichzeitig andere Mobilitätsstrategien auf der Strecke bleiben.

Chance für Daimler: Mobilitätsdienstleistungen wachsen stärker als Herstellung von Fahrzeugen

Bereits beim Thema Elektromobilität bewies die Daimler AG keine große Weitsicht. Einst gehörten Daimler 10 Prozent an Tesla, die heute mehr wert wären als der halbe Konzern. Doch der Fahrzeughersteller aus Stuttgart verkaufte seine Anteile, Tesla ist seitdem enteilt und Daimler rennt dem Vorsprung bei der E-Mobilität hinterher.

Einen ähnlichen Fehler droht Daimler jetzt bei einer anderen Mobilitätsstrategie zu begehen. Wie das Handelsblatt berichtet, ist der Bereich der so genannten „Sharing Mobility“ ein Wachstumsmarkt. Demnach zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Horvarth & Partners, dass Mobilitätsdienstleistungen Wachstumsfelder der Zukunft sind und weniger die Herstellung von Fahrzeugen. „Der Kauf von Assets wird eine deutlich geringere Bedeutung haben als heute“, erklärte Studienautorin Sylvie Römer gegenüber dem Handelsblatt. „Langfristig wird der Umsatz mit Mobilitätsservices größer sein als der mit Fahrzeugen.“ Doch Daimler, BMW & Co. konzentrieren sich momentan trotzdem auf den Bau von Autos.

Daimler droht fatalen Fehler zu wiederholen - Carsharing steht bei dem Konzern nicht oben auf der Agenda

Die Daimler AG war 2009 mit der Tochter car2go in den Bereich Carsharing eingestiegen. Inzwischen kooperieren Daimler und BMW mit dem Unternehmen ShareNow beim Carsharing sogar. Anfang 2019 schlossen sich car2go von Daimler und Drive Now von BMW zu ShareNow zusammen. Kunden müssen dabei ein Fahrzeug nicht zum Parkplatz zurückbringen, an dem sie eingestiegen sind, sondern dürfen es innerhalb der Stadt abstellen. Doch mit der Fusion der beiden Tochterunternehmen reduzierten Daimler und BMW auch das Angebot - von Wachstum kann da nicht die Rede sein.

Das könnte sich laut der vom Handelsblatt zitierten Studie als ein fataler Fehler herausstellen. Sie fasst an die 100 Untersuchungen und Expertenmeinungen aus der ganzen Welt zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass die Wachstumsraten beispielsweise bei Mobility on Demand, also Diensten auf Abruf, mit 34 Prozent um ein Vielfaches höher liegen als etwa in der Produktion von Fahrzeugen. Wie viel Potenzial Daimler, BMW & Co. verschenken, wenn sie neue Mobilitätsstrategien aus den Augen verlieren, zeigt sich beim gesamten Mobility-Markt. Laut der Studie soll der Markt zwischen 2018 und 2030 von ohnehin bereits 540 Milliarden auf unfassbare 2.350 Milliarden Euro wachsen.

Mehr als nur Carsharing: Daimler sollte den Mobility-Markt angesichts enormer Wachstumsraten nicht ignorieren

Dabei umfasst der Mobility-Markt nicht nur Carsharing-Dienste, wie sie Daimler bereits anbietet. Bei den neuen Mobilitätsstrategien geht es um alle Formen speziell der urbanen Fortbewegung. Dazu gehören also auch Stadtbusse, ebenso wie Fahrdienstleistungen jeder Art. Zwar soll laut der Studie, die das Handelsblatt zitiert, auch die Herstellung von Fahrzeugen wachsen. Im Zeitraum zwischen 2018 und 2030 prognostiziert Horvarth & Partners aber „nur“ ein Wachstum von 1.000 Milliarden auf 1.900 Milliarden Euro.

Dem enormen Wachstum des Mobility-Marktes kann laut der Studie noch nicht einmal die Corona-Pandemie wirklich schaden. Horvarth & Partners rechnet laut Handelsblatt lediglich damit, dass die Entwicklung durch das Coronavirus etwas ausgebremst wird. Doch auch wenn Daimler und BMW bislang ihren Carsharing-Dienst ShareNow lediglich reduziert haben: Wirkliches Vertrauen scheinen beide Konzerne nicht in den Mobility-Markt zu haben. Gemeinsam betreiben die Fahrzeughersteller nämlich auch den Taxi-Vermittlungsdienst Free Now. Nachdem sich Daimler und BMW zuerst komplett davon trennen wollten, steht laut Handelsblatt momentan nur noch eine Beteiligung im Raum. Möglich, dass dieser Schritt beide Konzerne in Zukunft noch sehr froh machen könnte.

Rubriklistenbild: © Federico GambariniFederico Gambarini/dpa

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