Joint Venture mit BMW

„Chaotisch“ und „Unrealistisch“: Mitarbeiter verzweifeln an der Strategie von Daimler

  • Valentin Betz
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Daimler und BMW arbeiten gemeinsam an neuen Mobilitätsstrategien. Die Kooperation der Konzerne läuft aber wenig ertragreich. Das könnte zu Entscheidungen führen, die beide Unternehmen noch bereuen.

Stuttgart - Die Daimler AG steht unter gewaltigem Zugzwang. Der Konzern aus Stuttgart muss gleichzeitig die Folgen des Coronavirus in Baden-Württemberg und den Strukturwandel hin zur Elektromobilität stemmen. Dabei ist nach wie vor unklar, wie die Mobilität der Zukunft aussehen wird. Die Porsche AG erforscht beispielsweise einen neuen Antrieb - weder E-Auto noch Wasserstoff. Der Sportwagenhersteller setzt künftig auch auf synthetische Kraftstoffe, so genannte E-Fuels.

Bei neuen Mobilitätsstrategien geht es aber nicht nur um den Individualverkehr. Daimler und BMW kooperieren seit 2019 beim Carsharing und gründeten gemeinsam ShareNow. Zu dem Joint Venture der beiden Fahrzeughersteller gehören noch weitere Strategien im Bereich „Sharing Mobility“, so zum Beispiel die Taxivermittlung Free Now. Das Joint Venture steht allerdings nach nur einem Jahr bereits wieder vor dem Aus. BMW und Daimler trennen sich von dem Geschäft, das bald 2.350 Milliarden Euro wert sein könnte. Verantwortlich dafür ist wohl weniger die schlechte wirtschaftliche Situation des Joint Ventures als die Uneinigkeit der daran Beteiligten.

Daimler kooperiert mit BMW - doch die Zusammenarbeit läuft weniger harmonisch, als angekündigt

Ursprünglich sollte die Kooperation von Daimler und BMW sogar noch viel weiter gehen. Auch im Bereich Autonomes Fahren wollten die deutschen Fahrzeughersteller gemeinsame Sache machen. Doch die Daimler AG schloss sich stattdessen mit der US-Firma Nvidia zusammen und kündigte die Kooperation mit BMW. Ab 2024 werden alle Mercedes-Benz-Modelle mit Computern von Nvidia augerüstet. BMW war von diesem Schritt alles andere als angetan, wie Gründerszene berichtet.

Daimler und BMW sind sich uneins über die Zukunft ihrer Taxivermittlung Free Now.

Laut Gründerszene klagen ehemalige Top-Manager des Joint Ventures zwischen Daimler und BMW über absurde Zielvorgaben, die nichts mit der Realität zu tun hätten. Zudem herrscht laut Gründerszene wohl angesichts ausbleibender Gewinne Uneinigkeit über das weitere Vorgehen. Denn sowohl die Daimler AG, als auch BMW sind aufgrund der Corona-Pandemie und des Strukturwandels zu hohen Investitionen gezwungen - bei gleichzeitig einbrechenden Gewinnen. Beide Fahrzeughersteller sind sich einig, dass irgendwo gespart werden muss und haben offenbar das Joint Venture als Ziel ausgemacht. Doch was genau mit den Angeboten der „You Now“-Gruppe passieren soll, ist ungewiss.

Kooperation von Daimler und BMW ist ein Verlustgeschäft - doch das könnte sich noch ändern

Klar ist, dass sowohl das gemeinsame Carsharing unter Share Now, als auch die Taxivermittlung Free Now ein Verlustgeschäft sind. Allein durch Free Now haben Daimler und BMW eine Milliarde Euro im vergangenen Jahr verloren, wie Gründerszene berichtet. Doch was genau mit dem Angebot passieren soll, wissen beide Konzerne offenbar nicht. Das Handelsblatt berichtete, dass ein kompletter Verkauf von Free Now vom Tisch sei. Laut Gründerszene interessiert sich hingegen das Unternehmen Uber für eine Übernahme von Free Now.

Eine weitere Option war offenbar, Free Now aus dem Joint Venture auszugliedern und an die Börse zu bringen, schreibt Gründerszene. Share Now soll sogar Volkswagen angeboten worden sein. Diese Uneinigkeit hat offenbar einige ehemalige Top-Manager des Joint Ventures verärgert. Gegenüber Gründerszene beschreiben sie das Vorgehen von Daimler und BMW als „chaotisch“ und „unrealistisch“. Doch sollten die beiden Konzerne ihre Mobilitätsstrategie doch ändern und sich wieder ausschließlich auf die Herstellung von Fahrzeugen konzentrieren, könnte das fatale Folgen haben.

Schon einmal glaubte die Daimler AG nicht an eine Innovation. Damals verkaufte Daimler seine 10 Prozent Anteile an Tesla, die heute mehr wert wären als der halbe Konzern. Als ebenso unklug könnte sich nun die Entscheidung gegen Carsharing herausstellen, besonders in der Heimat von Daimler. Seit Juli gelten in Stuttgart Fahrverbote für Diesel. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, wahrscheinlich ist, dass solche Verbote auch in anderen Städten der Welt folgen. Eigentlich eine ideale Grundlage für Carsharing- oder Taxi-Angebote.

Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow

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