Zehntausende Jobs bedroht

„Größte Verarsche, die ich erlebt habe“: Mitarbeiter rechnen mit Daimler ab

Ein Mitarbeiter der Daimler AG hat in der Produktion der S-Klasse einen Mundschutz an.
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Die Daimler AG hat einen massiven Stellenabbau angekündigt
  • Sina Alonso Garcia
    vonSina Alonso Garcia
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Die Daimler AG galt als hochattraktiver Arbeitgeber. Zahlreiche Mitarbeiter blieben dem Konzern Jahrzehnte lang treu. Doch jetzt bleibt bei vielen nur noch Verbitterung.

Stuttgart/Berlin - Die Daimler AG mit Sitz in der Landeshauptstadt Stuttgart fährt aktuell einen strengen Sparkurs. Daimler-Chef Ola Källenius will Kapital freimachen, um in die Zukunft zu investieren. Berliner Mitarbeiter des Automobilkonzerns glauben nicht, dass auch in ihre Zukunft investiert werden soll.

Bis 2022 plant Daimler, die Personalkosten um insgesamt 1,4 Milliarden Euro zu reduzieren und weltweit Tausende Stellen abzubauen. In sechs deutschen Werken droht ebenfalls ein massiver Abbau von Arbeitsplätzen - 20.000 Jobs sind bedroht. Besonders betroffen sind die Werke in Stuttgart und Berlin. In Berlin-Marienfelde legten Mitarbeiter deshalb bereits im Rahmen einer Protestaktion ein ganzes Werk lahm.

Daimler AG: Mitarbeiter in Stuttgart und Berlin bangen um ihre Jobs

Während Daimler-Chef Källenius über einen Aufschwung jubelt, klingen seine Worte für die Beschäftigten wohl beinahe wie Hohn. „Die größte Verarsche, die ich in 40 Jahren erlebt habe“, kommentierte ein langjähriger Daimler-Mitarbeiter in Berlin gegenüber der taz. 1980 sei er als Dreher ins Werk in Marienfelde gekommen. Zwei Tage nach seinem Jubiläum habe er von dem Stellenabbau erfahren. Wegen des Umstiegs auf die E-Mobilität stellt Daimler in Berlin nach 118 Jahren die Produktion von Verbrennern ein.

Auch in Stuttgart kämpften Daimler-Mitarbeiter vor der Konzernzentrale um ihre Jobs. Vielen von ihnen steht womöglich ein ähnliches Schicksal bevor wie den Kollegen in Berlin. Zwar werde man „den Übergang von der Verbrennungstechnologie in die neue Technologie sehr überlegt durchführen“, wie Ola Källenius in einem Interview mit der Wirtschaftswoche betonte. Jedoch gebe es keine Alternative.

Daimler AG: Lässt Management Angestellte im Stich?

Jan Otto, der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Berlin, forderte das Management von Daimler auf, Einsparungen beim Personal zu unterlassen. „Transformation kostet Geld, aber die Belegschaft hat über Jahre Gewinne des Konzerns erwirtschaftet“, sagte er gegenüber der taz. Nun stelle sich die Frage, was das Management zurückgeben wolle. Die Arbeitgeberseite signalisiere jedoch bisher kaum Verhandlungsbereitschaft und setze die Belegschaft unter Zeitdruck.

Das Pariser Klimaabkommen sieht bereits seit 2015 einen verbindlichen Ausstieg aus fossilen Energieträgern vor. Jetzt will Daimler erhebliche Investitionen in Digitalisierung, autonomes Fahren und E-Mobilität vornehmen. Geplant sind 18,8 Milliarden Euro. Den Fokus legt der Konzern bei der Produktion ins Ausland. Der für 2022 angekündigte E-Smart soll gemeinsam mit dem chinesischen Unternehmen Geely in China gebaut werden. Besonders bitter für Daimler-Angestellte: Sogar ein neuer Verbrenner soll in China entwickelt werden.

Daimler AG: „Bitte nicht auf den Greta-Zug aufspringen“

Für viele Mitarbeiter der Daimler AG ist wegen der Umstrukturierung hin zur E-Mobilität die Zukunft ihres Arbeitsplatzes ungewiss. Deshalb hegen manche Vorbehalte gegen die Klimabewegung. „Bitte nicht auf den Greta-Zug aufspringen“, kommentierte eine Daimler-Mitarbeiterin auf Facebook hinsichtlich der Debatte über die sozial-ökologische Transformation. Die Bewegung „Fridays For Future“ bemüht sich derweil um den Dialog. „Fridays for Future“-Aktivist Max Schwenn, der als Gastredner bei der Kundgebung der IG Metall im Dezember auftrat, betonte, dass der Kampf gegen den Klimawandel nur gemeinsam mit den Beschäftigten möglich sei.

Beim Stellenabbau will die Daimler AG nach eigenen Angaben auf Abfindungsregelungen und Altersteilzeit zurückgreifen. Daimler verhandle mit den Arbeitnehmervertretern „individuelle Pakete für die Werke“, wobei es „auch viele Emotionen und teilweise Reibung“ gebe, sagte CEO Ola Källenius der Wirtschaftswoche. Berichte, wonach bei Daimler Tausende Stellen abgebaut werden könnten, bezeichnete Källenius als „reine Spekulation“: „Wir haben keine genauen Zahlen genannt. Aber um den Herausforderungen der Transformation zu begegnen, sind Einsparungen bei Investitionen, Materialkosten und bei den Personalkosten notwendig. Wir müssen schlanker und schneller werden.“

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