Verhandlungen um Stammwerk

„Absolut fatal“: Kluft bei Daimler reißt weiter auf - Lage „schwierig wie noch nie“

Ein Mitarbeiter im Volkswagenwerk in Zwickau komplettiert einen VW ID.4. Volkswagen produziert im Werk in Zwickau das erste reine Elektro-SUV. Hier läuft bereits der ID.3 vom Band.
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Produktion des voll-elektrischen ID.4 bei VW in Zwickau: Im Rennen mit Tesla erhöhen die deutschen Autobauer jetzt den Druck.
  • Julian Baumann
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Bei der Daimler AG kriselt es an mehreren Fronten. Nun spitzt sich die Lage am Stammwerk des Konzerns in Stuttgart immer weiter zu - die Lage sei „schwierig wie noch nie“ heißt es.

Stuttgart - Die Daimler AG hat es aktuell nicht einfach. Neben den Auswirkungen des Coronavirus in Baden-Württemberg auf die Wirtschaft, die auch dem Autobauer noch immer Probleme bereiten, führte der erste Lockdown im Frühjahr 2020 auch zu einem aktuellen Engpass beim Produktionsnachschub. Die Daimler AG musste bereits das Werk in Rastatt schließen und auch die Produktion in der Daimler-Fabrik in Bremen wurde deutlich gedrosselt. Bereits im vergangenen Jahr kündigte der Konzern an, eines der wichtigsten deutschen Werke massiv eindampfen zu wollen. Seitdem spitzt sich die Lage am Stammwerk im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim immer weiter zu.

Die Daimler AG befindet sich aktuell in der Umstrukturierung hin zur E-Mobilität. Dadurch baut der Konzern allein 4.000 Stellen in Stuttgart ab. Die Mitarbeiter, der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall kämpfen seit Monaten verzweifelt um den Bestand des Stammwerks und fordern statt dem Stellenabbau eine Umschulung der Angestellten. Die Situation in Untertürkheim eskalierte bereits im Oktober 2020, als sich Tausende Mitarbeiter zu Protestzwecken vor dem Stammwerk versammelten. Die Verhandlungen sind jedoch noch lange nicht beendet. Aktuell seien die Verhandlungen um die Zukunft der Fabrik sogar schwieriger als jemals zuvor, wie die Stuttgarter Nachrichten (StN) berichten.

Daimler AG: Situation am Stammwerk spitzt sich weiter zu - E-Campus statt Verbrenner-Produktion

Bereits Anfang Dezember vergangenen Jahres kämpften Mitarbeiter der Daimler AG mit einer bewegenden Aktion vor der Konzernzentrale um ihre Jobs. Wenig später sah es tatsächlich so aus, als habe es in Untertürkheim eine Einigung gegeben. Daimler wollte demnach doch Tausende Jobs in Deutschland retten. Das hat die Verhandlungen am Standort jedoch nicht beendet. Konkret geht es um die Frage, ob in Untertürkheim ein sogenannter E-Campus entstehen wird. Dadurch sollen die Verbrennerproduktionen weichen und nach Osteuropa - beispielsweise nach Polen verlegt werden. Obwohl die Kurbelwellenfertigung in Untertürkheim bereits als beschlossen galt, soll auch diese Produktion ins Ausland verlegt werden. Aus Platzmangel hieß es aus dem Unternehmen.

Die Verhandlungen um das Stammwerk der Daimler AG sind bereits bis zur Politik in Stuttgart vorgedrungen. Die Daimler AG machte mit den Plänen für Stuttgart fassungslos. Als Argument für die Verlegung der Produktion von konventionellen Antrieben ins Ausland zugunsten des E-Campus nannte der Konzern den Platzmangel am Stammwerk. Statt auf freien Flächen neue Produktionshallen zu bauen, nutzt der Autobauer diese jedoch lieber als Parkplätze. Bei vielen stieß diese Entscheidung auf Unverständnis, der ehemalige Oberbürgermeister von Stuttgart, Fritz Kuhn (Grüne), gab dem Hersteller im vergangenen Jahr jedoch recht.

Daimler AG: Verhandlungen um Stammwerk - Betriebsrat fordert schnelle Einigung

Die Verhandlungen um das Stammwerk der Daimler AG in Stuttgart ziehen sich nun bereits seit mehreren Monaten hin. Laut den StN wollte der Konzern und der Betriebsrat bereits im Jahr 2020 zu einer finalen Einigung kommen. „Das wäre ein wichtiges und positives Signal gewesen“, hieß es in einem Brief des Betriebsrats an die Mitarbeiter. Beide Parteien seien der Ansiedlung des E-Campus in Untertürkheim gegenüber zwar positiv eingestellt, die Bedingungen seien jedoch stark umstritten. „Noch nie haben sich unsere Standortverhandlungen so schwierig gestaltet“, heißt es in dem Schreiben, das den StN vorliegt weiter.

In der kommenden Woche sollen dem Bericht zufolge die Verhandlungen um die Zukunft des Stammwerks der Daimler AG weitergehen. Dies geschehe auf Drängen des Betriebsrates. „Wir wollen und wir müssen in den nächsten Wochen zu einem Ergebnis kommen“, heißt es in dem Schreiben. Die komplette Aufgabe der Produktion von konventionellen Antrieben im Stuttgarter Hauptwerk halten die Vorsitzenden des Daimler-Betriebsrates für einen Fehler. „Für eine erfolgreiche und faire Transformation unseres Standorts benötigen wir unbedingt Produktionsarbeitsplätze im konventionellen und im alternativen Antrieb“, sagten der Vorsitzende Michael Häberle und sein Stellvertreter Roland Schäfer.

Um den massiven Stellenabbau am Stammwerk der Daimler AG zu verhindern, fordert der Betriebsrat eine schnelle Einigung. „Es wäre absolut fatal, diese Produktionsarbeitsplätze ohne Kompensation ins Ausland zu verlegen“, heißt es laut den Stuttgarter Nachrichten. Markus Schäfer, der Produktionsvorstand der Daimler AG, kündigte an, den E-Campus an einem anderen Daimler-Standort einrichten zu wollen, sollte in der kommenden Woche keine Einigung erzielt werden.

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