Defizite in der „Factory 56“

Daimlers hochmoderne neue Fabrik hat zu wenig Klos und Pausenräume für Mitarbeiter

Erste Elektro-Limousine aus Mercedes-Benz Hightech-Produktion: Anlauf des EQS in der Factory 56.
+
Im Daimler-Werk in Sindelfingen wird unter anderem der elektrische EQS produziert - an manchen Stellen muss der Konzern jedoch „nachjustieren“.
  • Julian Baumann
    vonJulian Baumann
    schließen

Die „Factory 56“ in Sindelfingen ist die modernste Fabrik der Daimler AG. Dort entstehen unter anderem die S-Klasse und der EQS - der Stuttgarter Konzern muss nun jedoch im Werk ausbessern, manches fehlt noch.

Stuttgart - Im vergangenen Jahr stellte die Daimler AG das neue Modell des Flaggschiffs S-Klasse im Werk in Sindelfingen vor. Bei der Weltpremiere der Luxuslimousine wurde auch die hochmoderne „Factory 56“ in der Nähe der Landeshauptstadt Stuttgart offiziell eingeweiht. „In der „Factory 56“ in Sindelfingen steigern wir die Flexibilität und Effizienz im Vergleich zu unseren aktuellen Fahrzeugmontagen nochmals deutlich – ohne Abstriche bei der Qualität“, hieß es in einer Pressemitteilung der Schwaben. Vor wenigen Wochen wurde zudem die vollelektrische Limousine EQS vorgestellt, die ebenfalls in Sindelfingen gebaut wird. Da in der „Factory 56“ neben der S-Klasse und dem EQS auch die Maybach S-Klasse und die E-Klasse produziert werden, zählt das Werk zu den wichtigsten Standorten der Daimler AG.

Aktuell ist auch das Werk der Daimler AG in Sindelfingen von dem weltweiten Halbleiter-Engpass betroffen. Der Stuttgarter Konzern stellte deshalb vor wenigen Tagen die Produktion der meistverkauften Baureihe temporär ein. Stattdessen soll sich die Produktion im Moment stärker auf die S-Klasse und EQS konzentrieren. Die Nachfrage nach dem beliebten Verbrenner-Flaggschiff ist groß und auch die Herstellung des elektrischen Pendants lief Berichten zufolge gut an. Vonseiten der Belegschaft gibt es jedoch offenbar einige Kritikpunkte an den sanitären Anlagen und Aufenthaltsräumen in der hochmodernen Fabrik. Das gab der Werksleiter der „Factory 56“ im Gespräch mit der Sindelfinger Zeitung zu.

Daimler AG: Konzern muss in Sindelfingen „an der ein oder anderen Stelle nachjustieren“

Mitten in der Krise aufgrund des Coronavirus in Baden-Württemberg baute die Daimler AG die hochmoderne, bislang einzigartige „Factory 56“ in Sindelfingen bei Stuttgart. „In der Autofabrik der Zukunft setzen wir unter den Stichworten ‚digital, flexible, green‘ konsequent und flächendeckend auf innovative Technologien und Prozesse bei der Produktion unserer Fahrzeuge“, heißt es in der Pressemitteilung des Stuttgarter Autokonzerns. Das Werk ist der Mittelpunkt der Transformation von Daimler hin zum E-Auto-Hersteller. Scheinbar gibt es jedoch noch einige Defizite in der Fabrik.

„Wir haben hier eine ganz neue, besondere Fabrik gebaut“, sagte Werksleiter Jörg Burzer im Interview mit der Sindelfinger Zeitung. „Das bedeutet für die Kolleginnen und Kollegen eine ganz neue Situation, und an der einen oder anderen Stelle müssen wir aus der täglichen Erfahrung heraus nun nachjustieren.“ Im Sindelfinger Werk der Daimler AG wurde das klassische Fließband von einem fahrerlosen Transportsystem abgelöst und Maschinen und Anlagen sind durch eine flexible Infrastruktur miteinander vernetzt. Offenbar blieb beim Bau jedoch keine Zeit mehr für grundlegende Einrichtungen. „Es gibt in der Tat einige offene Punkte in der Fabrik“, sagte auch Daimler-Betriebsratsvorsitzender Ergun Lümali.

Daimler AG: In der hochmodernen „Factory 56“ fehlen offenbar Sanitäranlagen und Gruppenräume

Seit der Weltpremiere der neuen S-Klasse von Mercedes-Benz ist die Nachfrage nach dem Flaggschiff der Daimler AG stark gestiegen. „Die Nachfrage bei der S-Klasse ist hoch. Wir haben rund 50 000 Bestellungen“, sagte Jörg Burzer der Sindelfinger Zeitung. Auch die Resonanz auf das elektrische Pendant EQS sei sehr gut. „Deshalb führen wir Ende Juni, Anfang Juli eine Nachtschicht ein. So können wir hochflexibel auf die Nachfrage reagieren.“ Durch die weitere Schicht sollen in der Fabrik rund 800 neue Arbeitsplätze entstehen. Schon jetzt arbeiten in dem gesamten Sindelfinger-Werk rund 35.000 Mitarbeiter. Für so viele Angestellten muss die Fabrik jedoch auch mit ausreichend Toiletten und Aufenthaltsräumen ausgestattet sein.

In diesem Bereich herrscht beim modernsten Werk der Daimler AG offenbar noch Verbesserungsbedarf. „[Es] fehlen einige Aufenthalts- und Gruppenräume, und wir brauchen zusätzliche Sanitäranlagen“, sagte Ergun Lümali der Sindelfinger Zeitung. „Diese Optimierungspotenziale werden sukzessive umgesetzt, aber die Wegezeiten zum Parkhaus können wir leider nicht mehr verändern.“ Es werde auch versucht, die langen Wegezeiten der Mitarbeiter von der Montage zu den Sanitäranlagen auszugleichen, sagte Jörg Burzer. „Das geht nicht von heute auf morgen, aber manche Verbesserungen wie Sitzbänke im Außenbereich setzen wir gleich um.“

Daimler AG: Pandemie und Stellenabbau - „wichtig, dass die Arbeitsplätze in Sindelfingen sicher sind“

Aufgrund der Corona-Pandemie, Altlasten und der groß angelegten Transformation zur E-Mobilität baut die Daimler AG seit einiger Zeit an vielen Standorten massiv Arbeitsplätze ab. In Sindelfingen sollen durch die hohe Nachfrage nach der S-Klasse und der Produktion der E-Auto-Hoffnung EQS jedoch sogar neue Arbeitsplätze entstehen. „Sindelfingen ist im Sinne der Transformation ein beispielhafter Standort“, sagte Jörg Burzer der Sindelfinger Zeitung. „Während einer Transformation muss man sich auf Neues einlassen und das wird hier auch mit Unterstützung des Betriebsrats beispielhaft gelebt.“

Dennoch besteht auch bei den Mitarbeitern der Daimler AG in Sindelfingen eine gewisse Angst vor einem Stellenabbau. „Es ist wichtig, dass die Arbeitsplätze in Sindelfingen trotz einer schwierigen Phase sicher sind“, sagte Ergun Lümali. „Die Motivation bei den Mitarbeitern wäre aber noch größer, wenn die Sparmaßnahmen nicht so einseitig ausgefallen wären.“ Aktuell steht in der „Factory 56“ die Produktion der E-Klasse still, dadurch sind auch die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt worden. Geplant ist, am 14. Mai die Produktion der beliebten Baureihe wieder aufzunehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare