Zehntausende könnten Job verlieren

Das große Job-Sterben: Daimler-Personalchef macht unheilvolle Vorhersage

  • Marleen van de Camp
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Der Daimler AG steht die Entlassung von mehr als 15.000 Mitarbeitern bevor. Der Daimler-Betriebsratschef macht dem Management Vorwürfe.

  • Der Daimler AG steht offiziell die Entlassung von mehr als 15.000 Mitarbeitern bevor.
  • Der Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth kündigte den Stellenabbau in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur an.
  • Verbleibende Mitarbeiter müssen sich bei dem Fahrzeughersteller aus Stuttgart auf drastische Änderungen einstellen.  

Stuttgart - Die Daimler AG steht vor massiven Problemen. Das Coronavirus in Baden-Württemberg hat den Konzern mit voller Wucht getroffen. Das Konjunkturpaket der Bundesregierung, das die Wirtschaft ankurbeln sollte, verurteilte einen Konzernbereich zum Sterben, an dem 95 Prozent aller Jobs bei Daimler hängen, wie Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht warnte. Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth sagte nun im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) , Covid-19 sei lange nicht das einzige Problem, vor dem der Fahrzeughersteller aus der Landeshauptstadt Stuttgart stehe. Die Coronakrise komme zu zwei noch größeren Problemen hinzu. Der Stellenabbau bei der Daimler AG werde deshalb heftiger ausfallen als die bisher diskutierte Entlassung von 15.000 Personen. Und auch den verbleibenden Daimler-Mitarbeitern würden Rechte gestrichen. 

Wilfried Porth, Personalvorstand der Daimler AG.

Daimler-CEO Ola Källenius hatte bereits auf der Hauptversammlung am 8. Juli klargestellt, dass das Sparprogramm, das er dem Fahrzeughersteller aus Stuttgart bei seinem Amtsantritt auferlegt hatte, verschärft werden müsse. Wilfried Porth, Mitglied im Daimler-Vorstand um Ola Källenius, erklärte nun im Interview mit der dpa, das Coronavirus sei nur das neueste Problem für die Daimler AG. Es sei zu zwei anderen hinzugekommen, mit denen der Konzern schon länger kämpfe: Die Transformation der Branche durch das E-Auto und der Preiswettbewerb, die Einsparungen auch beim Personal nötig machten.

Daimler AG: 15.000 Entlassungen reichen nicht aus, um den Fahrzeughersteller aus Stuttgart zu retten

Bisher hatte die Daimler AG zur Lösung dieser Probleme auf Abfindung und Altersteilzeit gesetzt, doch diese Maßnahmen reichten nicht aus, sagte Wilfried Porth. 700 Mitarbeiter hätten bisher eines der Angebote angenommen. Man müsse nun die vorhandenen Hebel stärker nutzen. Damit meint der Daimler-Personalvorstand: Der Stellenabbau muss verstärkt werden. 700 abgefundene Mitarbeiter sind nicht annähernd genug, um den Stuttgarter Fahrzeughersteller zu retten. Selbst die Entlassung von 15.000 Mitarbeitern reiche nicht aus. Das warf er auch dem Betriebsrat vor, der nicht verhandlungsbereit sei. „Die neue Zahl ist auf jeden Fall größer als die beiden“, sagte Porth zur dpa. „Und die bräuchten wir, um betriebsbedingte Beendigungskündigungen zu verhindern“.

Der Daimler-Betriebsrat läuft Sturm, denn der Daimler-Vorstand hatte den Mitarbeitern im unter dem Motto „Zukunftssicherung 2030“ sichere Arbeitsplätze bis zum Jahr 2030 versprochen, als 2017 die Umstrukturierung des Konzerns zur Holding begann. Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht sagte im Interview mit den Stuttgarter Nachrichten, es sei nicht die Schuld der Mitarbeiter, dass durch die Umstrukturierung Doppelstrukturen und Überkapazitäten bei dem Fahrzeughersteller aus Stuttgart entstanden seien. Die Entscheidung für die neue Unternehmensstruktur der Daimler AG mit den Tochtergesellschaften Mercedes-Benz, Daimler Trucks und Daimler Mobility fiel unter dem Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche. Die Regel, dass eine Entlassung aufgrund der Umstrukturierung ausgeschlossen ist, gilt auch unter dem neuen Vorstand um Ola Källenius weiter. Doch Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth erklärte, dass Stellenabbau trotzdem möglich sei, da die „Zukunftssicherung 2030“ eine Klausel enthalte, dass neu verhandelt werde, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich für die Daimler AG wesentlich ändern.

Bei dem Fahrzeughersteller aus Stuttgart ist man sich laut Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth einig, dass sich durch die Wirtschaftskrise infolge des Coronavirus die Rahmenbedingungen drastisch geändert haben. Auch am Ende der Umstrukturierung würden weniger Mitarbeiter gebraucht. Wenn das Abfindungsmodell also nicht wie erhofft funktioniert und Betriebsübergänge nicht ausreichen, muss Stellenabbau erfolgen. Die Entlassung Zehntausender bei der Daimler AG erscheint somit unausweichlich. Auch für die Mitarbeiter, die den Stellenabbau bei Daimler überstehen, bleibt nicht alles beim Alten.

Tarifvereinbarungen wie Pausenregeln und Spätschichtzulagen, die die Daimler AG bereits ab 14 Uhr zahle, seien heute nicht mehr zeitgemäß, so Wilfried Porth. „Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich“ sind laut dpa im Gespräch. Man könnte zudem laut Wilfried Porth über Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld reden. Ausgerechnet in dieser Zeit twittert die Daimler AG ein Video, in dem eine Zukunftsforscherin prophezeit: „Menschen werden nicht wegen Geld arbeiten“ - Der Daimler-Tweet muss auf viele Mitarbeiter wie Hohn wirken.

Am 28. Juli meldete die Daimler AG eine Einigung: Kein Stellenabbau, dafür wird die Arbeitszeit gekürzt und die Prämie gestrichen. Und als die Daimler AG nach Börsenschluss ihre vorläufigen Zahlen für das zweite Quartal bekannt gab, war die Mitteilung so überraschend, dass die Daimler-Aktie vorübergehend an die DAX-Spitze schoss.

Schätzungen zufolge machen Produktpiraten weltweit einen Umsatz von mehr als 500 Milliarden US-Dollar im Jahr. Der Handel mit Fälschungen von Fahrzeug-Ersatzteilen hat daran einen immensen Anteil. Die Daimler AG kämpft gegen Fälschungen bei Mercedes-Benz, die für Autofahrer lebensgefährlich sein können.

Rubriklistenbild: © HOMAS KIENZLE / AFP

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