Zukunftssicherung 2030

Daimler AG bricht Versprechen an die Mitarbeiter von 2017 - und nutzt ein Schlupfloch für Massenkündigungen

  • Marleen van de Camp
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Die Daimler AG plant, mindestens 20.000 Stellen abzubauen. Doch das widerspricht einer Vereinbarung, die 2017 mit Dieter Zetsche getroffen wurde. Warum es trotzdem möglich ist, wird hier erklärt.

  • Die Daimler AG plant einen massiven Stellenabbau. Mindestens 20.000 der derzeit 300.000 Arbeitsplätze sollen dem zum Opfer fallen.
  • Der Plan des Daimler-Vorstands um den CEO Ola Källenius widerspricht einer Vereinbarung aus der Zeit von Dieter Zetsche.
  • Warum die trotzdem Tausende Entlassungen möglich sind, wird in der Wirtschaftswoche erklärt.

Stuttgart – Die Daimler AG steckt in der Krise. Die Daimler-Werke haben zwar nach wochenlangem Stillstand wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg ihren Betrieb endlich wieder aufgenommen und der Markt erholt sich. Doch die Lungenkrankheit Covid-19 ist nicht das einzige Problem, vor dem der Fahrzeughersteller aus Stuttgart steht.

Daimler hat darum angekündigt, 20.000 der weltweit insgesamt 300.000 Stellen abzubauen. Das widerspricht allerdings einer Vereinbarung namens „Zukunftssicherung 2030“, die die Daimler AG unter dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche mit Arbeitnehmervertretern geschlossen hatte. Damals wurden betriebsbedingte Kündigungen vor Jahresanfang 2030 vertraglich ausgeschlossen. Warum unter dem neuen Daimler-CEO Ola Källenius nun trotzdem massiver Stellenabbau möglich ist, wird in der Wirtschaftswoche erklärt

Die Daimler AG stürzte wegen des Coronavirus in die „größte Krise der Nachkriegszeit“, wie der Betriebsratchef von Sindelfingen warnt

Daimler AG unter Ola Källenius könnte massiven Stellenabbau aufgrund der „Wind- und Wetter-Klausel“ durchsetzen

Dieter Zetsche und der Daimler-Vorstand beschlossen im Jahr 2017, die Unternehmensstruktur der Daimler AG in eine Holding mit den Tochtergesellschaften Mercedes-Benz Cars, Daimler Truck und Daimler Mobility umzuwandeln. Um Stellenabbau infolge der Umstrukturierung zu verhindern, verabschiedeten die Daimler AG und die Gewerkschaft IG Metall eine Gesamtbetriebsvereinbarung. Unter dem Titel „Zukunftssicherung 2030“ wurde darin festgehalten, dass es bis zum Jahresende 2029 keine betriebsbedingten Kündigungen geben werde.

Die Daimler AG könnte nun trotzdem Zehntausende Entlassungen anordnen und sogar mehrere Daimler-Werke abstoßen, da die Vereinbarung aus dem Jahr 2017 eine sogenannte „Wind- und Wetter-Klausel“ umfasst, so die Wirtschaftswoche. Darin heißt es, dass über eine Änderung der Vereinbarung beraten wird, wenn sich die wirtschaftliche Lage der Daimler AG schwerwiegend ändert. In diesem Fall können sowohl der Daimler-Vorstand um Ola Källenius, als auch der Betriebsrat um Michael Brecht einseitig die Beratung verlangen.

Das Coronavirus hat die wirtschaftliche Lage der Daimler AG drastisch geändert - das könnte Zehntausende Entlassungen möglich machen

Bei dem Fahrzeughersteller mit Sitz in der Landeshauptstadt Stuttgart ist man sich laut Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth einig, dass sich durch die Wirtschaftskrise infolge des Coronavirus die wirtschaftliche Lage der Daimler AG drastisch geändert habe. Der Daimler-Personalchef machte darum die unheilvolle Vorhersage, dass weder die von Ola Källenius angestrebte Einsparung von 1,4 Millionen Euro, noch die bis dato diskutierten 15.000 Entlassungen ausreichen würden, um die Daimler AG in die Zukunft zu retten. Ein massiver Stellenabbau bei der Daimler AG erscheint deshalb trotz der Zukunftssicherung unausweichlich und betriebsbedingte Kündigungen nicht länger ausgeschlossen. Am 28. Juli meldete die Daimler AG eine Einigung: Kein Stellenabbau, dafür wird die Arbeitszeit gekürzt und die Prämie gestrichen.  

Das Coronavirus ist bei Weitem nicht das einzige Problem der Daimler AG

Die Probleme der Daimler AG liegen nur zum Teil im Ausbruch des Coronavirus in Baden-Württemberg und der Umstrukturierung des Konzerns in eine Holding begründet. Weitere wichtige Faktoren sind der Diesel-Skandal und der Umstand, dass ehemalige Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche die Elektrifizierung der Automobilbranche zu lange unterschätzt hatte. Darum wurde die Produktion an den Daimler-Standorten in Stuttgart und der ganzen Welt nicht rechtzeitig vom Verbrenner auf das E-Auto umgestellt.

Der neue Daimler-CEO Ola Källenius hat ein schweres Erbe. Auch aus diesem Grund hatte Ola Källenius neben Stellenabbau kürzlich einen Strategiewechsel in Stuttgart angekündigt. Die Daimler AG wird sich von den beliebten Mercedes-Modellen wie der A-Klasse abwenden. Daran kann wohl auch die „Zukunftssicherung 2030“ nichts ändern. 

Rubriklistenbild: © dpa/Marijan Murat

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