Chipkrise und Abgasnormen

Deutliche Worte vom Bosch-Chef: 2021 wird „Schicksalsjahr“ für Autobauer wie Daimler

Volkmar Denner, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH, spricht auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens.
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Bosch-Chef Volkmar Denner spricht eine Warnung an die Politik aus: „Man kann nicht nur in eine Richtung optimieren“.
  • Julian Baumann
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Die Daimler AG und andere Autobauer setzen mit der E-Mobilität auf die Technologie der Zukunft. Bosch-Chef Volkmar Denner nennt 2021 ein „Schicksalsjahr“ für die Autoindustrie.

Stuttgart - In der deutschen Automobilindustrie ist seit einiger Zeit ein großer Wandel bemerkbar. Konzerne wie die Daimler AG befinden sich in der Transformation hin zur E-Mobilität und bauen die Produktion in den Werken entsprechend um. Nach einem holprigen Start mit dem SUV EQC, der intern als „Rohrkrepierer“ bezeichnet wurde und dem kleineren EQA stellte der Stuttgarter Autobauer vor wenigen Wochen seine E-Auto-Hoffnung EQS vor. Die Transformation bei dem schwäbischen Konzern hat auch strukturelle Folgen, Daimler baut weltweit Tausende Jobs ab. Die Volkswagen-Tochter Porsche AG hat dagegen mit dem vollelektrischen Taycan einen guten Start ins E-Auto-Geschäft hingelegt. Der Taycan ist inzwischen das meistverkaufte Porsche-Fahrzeug in Europa.

Aktuell macht den großen Autobauern wie der Daimler AG, BMW oder VW allerdings der Engpass von Halbleiterlieferungen zu schaffen. Daimler stellte deshalb kürzlich die Produktion des meistverkauften Modells temporär ein und auch die Porsche AG kam nicht unbeschadet durch die Chip-Krise. Inzwischen scheint sich die Lage zumindest ein wenig zu entspannen. Daimler holte vor wenigen Tagen Tausende Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurück.

Die Krise scheint in der deutschen Autoindustrie jedoch noch nicht überstanden. Volkmar Denner, Chef des Automobilzulieferers Bosch aus der Landeshauptstadt Stuttgart, nannte im Interview mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) das Jahr 2021 ein „Schicksalsjahr“ für die europäische Autoindustrie.

Daimler AG und Co.: „Mobilität muss bezahlbar bleiben“, sagt der Bosch-Chef

Der Mischkonzern Bosch mit Hauptsitz in Stuttgart ist in mehreren Bereichen aktiv, jedoch auch der größte Automobilzulieferer der Welt. Bosch beliefert unter anderem auch die Stuttgarter Autobauer Daimler AG und Porsche AG, beispielsweise mit Batteriezellen für die Produktion von E-Autos. Die E-Mobilität wird nicht zuletzt durch die immer strenger werdenden EU-Abgasnormen wichtiger für die deutschen Autohersteller. Daimler und Porsche bauen mit den Topmodellen EQS und Taycan jedoch nicht gerade Fahrzeuge für den kleinen Geldbeutel.

Die großen Autokonzerne wie die Daimler AG und Volkswagen müssen aufgrund der strengen EU-Abgasnormen in den kommenden Jahren eine hohe Anzahl an E-Autos produzieren. Der E-Auto-Boom könnte Autos für Normalverbraucher unbezahlbar machen, sagte der Chef des Konzerns Stellantis kürzlich. Bosch-Chef Volkmar Denner hofft in Bezug auf die Abgasnormen und den Klimaschutz auf die Hilfe der Politik, sagte er im Interview mit der FAZ. „Auch wenn wir uns für niedrigere Grenzwerte aussprechen, muss das Ziel weiter die Luftverbesserung sein. Und die Vorgaben müssen technisch und wirtschaftlich umsetzbar sein“, so Denner. „Zugleich muss Mobilität bezahlbar bleiben und darf nicht zu einem Privileg für die werden, die sie sich leisten können.“

Chipkrise bei Daimler und Co.: „Taskforce“ von Bosch soll Abhilfe schaffen

Die Chipkrise bei den Autoherstellern wie der Daimler AG hält bereits seit vergangenem Jahr an. Immer wieder kam es zu Produktionsausfällen aufgrund fehlender Halbleiterkomponenten, die inzwischen nahezu in jedes Fahrzeug der großen Marken verbaut werden. Auch in der Mobilitätssparte von Bosch ist das Thema gravierend, sagte Volkmar Denner der FAZ. „Wir haben deshalb schon vor Längerem eine Task Force gegründet. Die deckt alle wichtigen operativen Kontakte ab und macht das ganz hervorragend.“ Aktuell sei es jedoch schwer zu sagen, welche Hersteller und welche Produktionsbereiche besonders von dem Engpass betroffen seien. „[Das] hängt stark von kurzfristigen Entwicklungen ab“, so der Bosch-Chef.

In Bezug auf die Halbleiterkrise sieht der Vorstandsvorsitzende von Bosch ein ernstes, aber temporäres Problem. „Der Halbleitermangel ist wirklich gravierend für uns und unsere Kunden, wenn etwa keine Fahrzeuge produziert werden können“, sagte Volkmar Denner. „Wir arbeiten mit aller Kraft an Lösungen. Aber das ist ein Thema, das vorbeigeht.“ Viel schlimmer sei, wenn die Produkte nicht den Anforderungen der Kunden entsprächen. Ein baldiges Ende des Lieferengpasses sieht der Bosch-Chef jedoch ebenfalls nicht. „Es stehen uns noch schwierige Monate bevor, und der Zustand könnte bis 2022 angespannt bleiben.“ Demnach könnten sich auch die Produktionsprobleme bei der Daimler AG und anderen Autobauern noch mehrere Monate fortsetzen.

Vorschlag der EU-Kommission könne laut Bosch-Chef sicheres Verbrenner-Aus bedeuten

Die Daimler AG will den Verbrenner früher abschaffen als erwartet und auch VW-Tochter Porsche verfolgt bereits ähnliche Absichten. Dieser strenge Zeitplan ist wohl auch den immer weiter regulierten Abgasnormen der EU geschuldet. „Ich halte nichts davon, dass man bei der CO2-Regulierung für den Verkehr die Emissionsgrenzen immer weiter senkt“, sagte Volkmar Denner im Interview mit der FAZ. „Zumindest wird die Diskussion zu einseitig geführt. Man kann nicht nur in eine Richtung optimieren.“ Der erste Vorschlag der EU-Kommission zur Abgasnorm Euro-7 hätte das sichere Verbrenner-Aus bedeutet, so der Bosch-Chef. „Und der aktuelle überarbeitete Vorschlag kann noch immer dazu führen.“

Die Forcierung auf die E-Mobilität bei der Daimler AG und anderen Autobauern trifft nicht überall auf Freude. Laut einer Umfrage glaubt fast jeder zweite Deutsche nicht an den Durchbruch des E-Autos in naher Zukunft. Auch Volkmar Denner sagte, die Vorgaben der EU müssten technisch und wirtschaftlich umsetzbar sein. „Wir brauchen dringend Grenzwertvorschläge, die nicht dazu führen, dass wir ein zu frühes Aus des Verbrenners durch die Hintertür herbeiführen“, so der Bosch-Chef. Noch im laufenden Jahr 2021 sollen zwei Gesetzgebungen verabschiedet werden, zum einen die Abgasnorm Euro-7 und zum anderen die weiter verschärften CO2-Grenzwerte im Rahmen des Green Deal. „[...] 2021 [wird] zum Schicksalsjahr der europäischen Automobilindustrie“, so Denner.

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