Nach Strategiewechsel durch Ola Källenius

Die Daimler AG könnte bald drei Werke abstoßen - Hunderttausende Jobs in Gefahr

  • Marleen van de Camp
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Zur Rettung der Daimler AG hat CEO Ola Källenius einen Strategiewechsel für den Konzern aus Stuttgart angekündigt. Ein Wirtschaftsprofessor sieht hunderttausende Jobs in Gefahr.

  • Um die Daimler AG zu retten, hat Daimler-CEO Ola Källenius einen Strategiewechsel in Stuttgart angekündigt.
  • Darum wird der Verkauf mehrerer Werke diskutiert. Beim Werk Hambach in Frankreich soll der Verkauf schon beschlossen sein.
  • Mindestens drei weitere Standorte der Daimler AG werden voraussichtlich von Verkauf, Schließung oder Verschlankungsmaßnahmen betroffen sein.

Stuttgart - Um die Daimler AG für die Zukunft gut aufzustellen, hat ihr der Vorstandsvorsitzende Ola Källenius bei seinem Amtsantritt einen Sparkurs verordnet. Dann breitete sich das Coronavirus in Baden-Württemberg und dem Rest der Welt aus. Der Schaden, den die Coronakrise bei dem Fahrzeughersteller anrichtete, ist immens. Das ursprüngliche Sparprogramm von Ola Källenius reicht deshalb jetzt nicht mehr aus, um die Daimler AG in die Zukunft zu retten. Neben vielen anderen Maßnahmen sollen auch Daimler-Werke verkauft werden. Was das Smart-Werk in Hambach, Frankreich, anbelangt, soll der Verkauf beschlossen sein, wie das Manager Magazin berichtet.

Modellrechnung zeigt: Hunderttausende Jobs sind allein in Deutschland in Gefahr

Doch das ist voraussichtlich erst der Anfang. Durch die Transformation der Autoindustrie hin zur Elektromobilität könnten allein in Deutschland 360.000 Stellen in wegfallen - das befürchtet der Volkswirtschaftsprofessor Rudi Kurz dem Spiegel zufolge. Der Wirtschaftsexperte der Hochschule Pforzheim stellte im Auftrag des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland eine Modellrechnung für die Fahrzeugindustrie an. 150.000 Arbeitsplätze in Werken sollen allein durch Fortschritte bei Produktivität und Produktionstechnik entfallen. 160.000 Stellen könnten laut der Modellrechnung überflüssig werden, weil ein E-Auto weniger Teile hat als ein Verbrenner.

Daimler AG: Ola Kaellenius hat einen Strategiewechsel bei dem Fahrzeughersteller angekündigt. Nun werden Werke verkauft oder verkleinert.

Daimler AG verlegt die Smart-Produktion von Frankreich nach China

Die Daimler AG sieht sich deswegen offenbar gezwungen, Werke abzustoßen. Der Daimler-Standort in Frankreich werde voraussichtlich an den britischen Konzern Ineos gehen, so das Manager Magazin. Den 1.600 Mitarbeitern im Smart-Werk in Hambach würde das immerhin eine Zukunftsperspektive bieten, da Ineos dort SUVs bauen wolle. Der Daimler-Vorstand um Ola Källenius will im Rahmen eines Joint Ventures mit dem Konzern Geely des chinesischen Investors Li Shufu den Smart zukünftig in China produzieren lassen. Der mächtige Milliardär ist der größte Einzelaktionär der Daimler AG. Doch das Werk in Hambach dürfte nicht der einzige betroffene Daimler-Standort sein. Der Daimler-Chef hat angekündigt, sich von beliebten Mercedes-Modellen abzuwenden. Das wird wohl auch den Verkauf, die Verschlankung oder Schließung einiger anderer Werke mit sich bringen. Als Reaktion darauf schrieb der Journalist Gabor Steingart in einer Abrechnung, dass Daimler die Bedeutungslosigkeit drohe.

Daimler AG: Neben dem Werk Hambach sind drei weitere Werke Kandidaten für Verkauf, Verschlankung oder Schließung

Der Verkauf des Daimler-Werks in Iracemápolis, Brasilien, könnte zur Debatte stehen, wie das Handelsblatt unter Berufung auf einen Daimler-Insider prophezeit. Die Daimler AG habe vor vier Jahren 145 Millionen Euro in den Standort investiert. Er sei aber schon bevor sich das Coronavirus in Baden-Württemberg und den meisten anderen Ländern ausbreitete unwirtschaftlich gewesen sein. Ein weiterer Grund, aus dem die Daimler AG keinen großen Wert mehr auf den Standort in Brasilien lege, sei die politische und finanzielle Instabilität des Landes. Werke in Mexiko und den USA sollen laut Auto Motor Sport mindestens verschlankt werden. Ola Källenius hatte angekündigt, den Fokus der Produktion auf Luxus-Fahrzeuge zu legen. Darum wird nun in Mexiko wird die Produktion der A-Klasse eingestellt. Sie soll zukünftig ausschließlich in Rastatt gebaut werden. 

Im Daimler-Werk in Tuscaloosa, USA, wird dem Fachmagazin zufolge der Bau der Mercedes C-Klasse eingestellt. An dem Standort im US-Bundesstaat Alabama sollen nur noch die SUVs Mercedes GLE und Mercedes GLS gefertigt werden, da in den Vereinigten Staaten große Fahrzeuge wie Geländewagen und Vans deutlich beliebter sind. In Deutschland stoßen die Geländewagen dagegen auf Kritik. Die Deutsche Umwelthilfe verlieh Daimler für den Mercedes GLS daher einen zweifelhaften Preis.

Seit das Coronavirus Daimler mit voller Wucht getroffen hat, zittert die zuvor schon angeschlagene Daimler AG um ihre Zukunft. Der Daimler-Vorstand um Ola Källenius plant darum die Entlassung Tausender. Daimler-CEO Ola Källenius musste unlängst wieder schlechte Nachrichten verkünden. Im zweiten Quartal 2020 schrieb der Fahrzeughersteller auch wegen des Coronavirus rote Zahlen. Daimler lobt sich trotz des Milliarden-Verlusts für die "effektive Kostenkontrolle", plant aber weiterhin Massen-Entlassungen. Ausgerechnet in dieser Zeit twittert die Daimler AG ein Video, in dem eine Zukunftsforscherin prophezeit: „Menschen werden nicht wegen Geld arbeiten“ - Der Daimler-Tweet muss auf viele Mitarbeiter wie Hohn wirken.

Auch der Softwarekonzern SAP aus Walldorf in Baden-Württemberg startete wegen des Coronavirus im März ein Sparprogramm. Doch von April bis Juni zog der Gewinn bei SAP wieder deutlich an. Nun überrascht der SAP-Vorstand um Christian Klein mit der Ankündigung zu einem Börsengang.

Inzwischen ist der Verkauf der Smart-Fabrik in Hambach beschlossene Sache. Daimler stößt das Werk ab und hinterlässt bei den 1.600 Mitarbeitern Verzweiflung. Als möglicher Käufer gilt nach wie vor die britische Firma Ineos. Der Petrochemiekonzern könnte dort einen Allrad-Geländewagen mit Sechs-Zylinder-Verbrennungsmotor produzieren.

Rubriklistenbild: © picture alliance/Uli Deck/dpa

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