Standort Sindelfingen strauchelt

„Größte Krise der Nachkriegszeit“: Daimler trifft Schockwelle - hochrangige Führungskraft warnt

  • Anna-Lena Schüchtle
    vonAnna-Lena Schüchtle
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Nicht nur die Daimler AG und Tochter Mercedes-Benz haben mit ihren hohen Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Die Stadt Sindelfingen geht davon aus, dass sie durch die Lage des Autobauers Steuereinbußen von mehr als 130 Millionen Euro zu erwarten hat.

  • Aufgrund der Auswirkungen des Coronavirus und sinkenden Verkaufszahlen erleben die Daimler AG und CEO Ola Källenius derzeit schwierige Zeiten.
  • Auch das Wer von Daimler-Tochter Mercedes-Benz in Sindelfingen hat zu kämpfen. Die Stadt geht von hohen Einbußen bezüglich der Gewerbesteuer aus.
  • Ergun Lümali, Betriebsratschef des Daimler-Standortes Sindelfingen spricht von der „größten Krise der Nachkriegszeit“.

Sindelfingen - Für das erste Quartal vermeldete die Daimler AG einen massiven Gewinneinbruch. Gerade mal 168 Millionen Euro erwirtschaftete der Fahrzeughersteller mit Sitz in Stuttgart - das sind 92 Prozent weniger als noch im Vorjahr. 644.000 Fahrzeuge und damit 17 Prozent weniger als 2019 wurden auf der ganzen Welt verkauft. Die gravierenden Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie treffen die Daimler AG und ihren Vorstandsvorsitzenden Ola Källenius hart.

Der Fahrzeughersteller aus Stuttgart kündigte bereits einen massiven Stellenabbau an. Weit mehr als 15.000 Daimler-Mitarbeiter stehen offiziell vor ihrer Entlassung, wie Personalvorstand Wilfried Porth unlängst bekannt gab. Der Betriebsratschef des Autobauers Michael Brecht wendete sich aus diesem Grund mit einer emotionalen Botschaft an die Daimler-Mitarbeiter.

Um die fatalen Folgen der Coronavirus-Pandemie auf die Wirtschaft abzumildern, verabschiedete die Regierung ein Konjunkturpaket, das eine Prämie für den Kauf von E-Auto und Hybrid vorsieht. Verbrenner gehen dagegen allerdings leer aus. Das Problem der Daimler AG: E-Auto und Hybrid verkaufen sich bisher nicht sonderlich gut. Laut Betriebsratschef Michael Brecht arbeiten derzeit noch 95 Prozent der Angestellten von Daimler und anderen Fahrzeugherstellern in Deutschland an konventionellen Antrieben.

Daimler AG: Mehr als 15.000 Entlassungen drohen - die schlechte Lage des Fahrzeugherstellers hat nicht nur Auswirkungen auf seine eigene finanzielle Situation

Die aktuelle schwierige Situation der Daimler AG hat auch Auswirkungen auf die Standorte ihrer Werke.

Die aktuelle Lage hat jedoch nicht nur gravierende Auswirkungen auf die Finanzen des Fahrzeugherstellers selbst, sondern auch auf die Standorte der Daimler AG. Im Normalfall verdienen diese bei großem Umsatz beim Autobauer ebenfalls gut und sind von dessen Erfolg fast sogar abhängig. Das bestätigen gewissermaßen die Aussagen von Oberbürgermeister Dr. Bernd Vöhringer während einer Podiumsdiskussion bei den Stadtwerken in Sindelfingen. Bei der Veranstaltung ging es um die Situation in der Automobil- und Elektroindustrie sowie die Auswirkungen auf die Beschäftigten und die Kommune.

Wie BBheute.de berichtet, sprach Vöhringer von einer „Gewerbesteuer im freien Fall“. Infolgedessen rechne die Stadt Sindelfingen derzeit mit einem Zehnjahrestief bezüglich die steuerlichen Einnahmen. Gerade mal 15 Millionen Euro prognostiziert die Stadt - im Vergleich zu den Vorjahren, in denen bis zu 150 Millionen erwirtschaftet wurden, ein gravierender Einschnitt. Grund dafür sind die fehlenden Steuereinnahmen durch das Werk der Daimler AG vor Ort.

Sindelfingen: Oberbürgermeister spricht von Einbußen bei den Steuereinnahmen in Millionenhöhe - das Werk von Mercedes-Benz in Sindelfingen stand wochenlang still

Wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg standen die Werke der Daimler AG vier Wochen lang still - das betraf auch die Produktion im Werk von Daimler-Tochter Mercedes-Benz in Sindelfingen. Zwar lief dieses nach der Zwangspause wie alle anderen Werke unter strengen Hygienevorkehrungen und Schutzmaßnahmen wieder an, doch insbesondere die Produktion der E-Klasse bereitet Probleme. Ergun Lümali, Betriebsratschef des Daimler-Standortes Sindelfingen, kritisierte laut BBheute.de bei der Podiumsdiskussion, dass moderne Verbrennermodelle nicht vom Konjunkturpaket profitierten. Damit teilt er die Meinung von Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht. Wichtiger seien nach Ansicht von Lümali kurzfristige Maßnahmen in der derzeitigen Situation.

Allgemeinhin findet Lümali während der Diskussion drastische Worte: „Wir befinden uns in der größten Krise der Nachkriegszeit“, beschrieb der Betriebsratschef vom Standort Sindelfingen die aktuelle Lage der gesamten Daimler AG. Daimler-Tochter Mercedes-Benz musste mit einem Absatzverlust von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls starke Einbußen hinnehmen - nur 447.400 Automobile wurden in diesem Zeitraum verkauft. Die Einbussen des Gesamtkonzerns erklärte Lümali mit einer Kombination aus „zunächst coronabedingtem Angebots-, dann Nachfrageschock“.

Dass sich der Fahrzeughersteller aus Stuttgart trotz aller Widrigkeiten zukunftsorientiert agieren will, zeigt die jüngste Kooperation der Daimler AG mit dem chinesischen Batteriehersteller Farasis. Damit möchte sich der Autobauer langfristig Nachschub von Batteriezellen für ihre E-Auto-Modelle sichern Bis 2039 sollen alle neuen Fahrzeuge der Daimler AG klimaneutral sein, so die Vorgabe des Daimler-CEO Ola Källenius.

Viele Menschen sehen im E-Auto die Zukunft des Fahrens, scheuen aber den Umstieg vom Verbrenner auf ein Elektroauto. Sie haben Angst, dass sie eines Tages mit der Reichweite der Batterie nicht auskommen und keine Möglichkeit zum Laden finden. Daimler könnte mit einer klugen Idee dieses große Problem von E-Autos lösen.

Daimler-CEO Ola Källenius musste unlängst wieder schlechte Nachrichten verkünden. Im zweiten Quartal 2020 schrieb der Fahrzeughersteller auch wegen des Coronavirus rote Zahlen. Daimler lobt sich trotz des Milliarden-Verlusts für die "effektive Kostenkontrolle", plant aber weiterhin Massen-Entlassungen.

Rubriklistenbild: © dpa/Marijan Murat

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