Änderung des Geschäftsmodells

Autohändler laufen Sturm gegen Daimler: „Zu Verträgen genötigt“ - Klage über 400 Millionen Euro

Ein Auto mit dem Mercedes-Stern, das Logo der Marke Mercedes-Benz, steht vor einem Showroom.
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Mercedes-Benz will in Australien die Geschäftsmodelle der Händler ändern. Diese laufen Sturm, der Autobauer weist Kritik zurück.
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Autohändler in Australien haben rechtliche Schritte gegen die Daimler-Tochter Mercedes-Benz eingeleitet. Der Stuttgarter Autobauer selbst weist die Kritik zurück.

Stuttgart/Melbourne - Die Daimler AG ist weltweit vor allem für die Marken von Tochter-Unternehmen Mercedes-Benz bekannt. Die aktuelle Pkw-Sparte des Konzerns aus der Landeshauptstadt Stuttgart wird schon bald als eigenständiges Unternehmen fungieren. Das Ende der Daimler AG wurde besiegelt, mit Auswirkungen auf die gesamte Autobranche. Der Autobauer verkauft seine bekannten Modelle wie die S-Klasse oder das elektrische Pendant EQS weltweit. In den USA musste Daimler vor wenigen Wochen über 340.000 Mercedes-Autos zurückrufen, aufgrund eines Defekts an der Rückfahrkamera. Nun gibt es offenbar Probleme mit den Mercedes-Benz-Händlern in Australien.

Diese haben laut einer Pressemitteilung der Australian Automotive Dealer Association (Verband der australischen Automobilhändler) vom 19. Oktober rechtliche Schritte gegen das Tochter-Unternehmen der Daimler AG eingeleitet. Der Vorwurf lautet, dass der Stuttgarter Autobauer Änderungen am Geschäftsmodell der Händler erzwingen und das bisherige Modell durch ein Festpreis-Agenturmodell ersetzen wolle. Mercedes-Benz steht demnach im Visier eines Gerichtsverfahrens in Höhe von über 400 Millionen Euro. Der Autobauer weist die Kritik zurück.

Daimler AG: Mercedes will Geschäftsmodell der Händler in Australien grundlegend ändern

Bereits im Jahr 1958 gründete Daimler-Benz, ein Vorgängerkonzern der heutigen Daimler AG, mit der Mercedes-Benz Australia Pty. Ltd. ein Unternehmen in der australischen Metropole Melbourne. An diesem Standort wurde die Montage von Mercedes-Pkw und Nutzfahrzeugen durchgeführt. Inzwischen hat der schwäbische Autokonzern mehrere Standorte in „Down Under“ und demnach auch eine große Anzahl an lizenzierten Vertragshändlern. Deren Geschäftsmodell soll nun jedoch in ein Festpreis-Agenturmodell umgewandelt werden. Mit diesem Modell sollen Kunden online oder im Autohaus ihr Wunschfahrzeug direkt vom Hersteller erwerben, nicht von einem Drittanbieter.

Im Umkehrschluss bedeutet eine solche Umstellung bei der Daimler AG jedoch auch, dass die Händler aus der Verkaufsschleife nahezu vollständig ausgeschnitten werden. Denn die online angebotenen Fahrzeuge sollen ab 2022 einen einheitlichen Verkaufspreis haben. „Nach der erfolgreichen Anwendung des EQ-Agenturmodells in Australien und nach vielen Jahren lokaler Überlegungen wird Australien dieses Modell im Jahr 2022 für alle Pkw-Verkäufe – nicht nur für EQ – implementieren”, sagte Jerry Stamoulis, Sprecher von Mercedes-Benz Australia im Juli 2020.

Das führt bei den Mercedes-Händlern in Australien nun jedoch zu Unmut. „Durch das von Mercedes-Benz vorgeschlagene Festpreis-Agenturmodell verändert sich die Rolle der Händler“, heißt es in der Mitteilung des Autoverbandes. „Sie verlieren ihren Status als eigenständige Betriebe und müssen sich darauf beschränken, als Vertreter von Mercedes-Benz zu agieren.“ Bei einer Umfrage des Autoverbandes hätten 90 Prozent der befragten Händler das Modell abgelehnt.

Daimler AG: Händler wollen mit Klage Änderungen verhindern - Autobauer weist Kritik zurück

Mit dem eingeleiteten Gerichtsverfahren gegen Daimler-Tochter Mercedes-Benz wollen die Händler in Australien laut der Mitteilung die Änderungen der Geschäftsmodelle verhindern oder zumindest verzögern. „Mehr als 80 Prozent der australischen Mercedes-Benz Händler haben sich zusammengetan, um gegen die Entscheidung von Mercedes-Benz vorzugehen“, heißt es dort. Die Umstellung werde drastische Auswirkungen auf die Zukunft der Betriebe haben.

„Die Änderungen, die dem australischen Mercedes-Benz Händlernetz aufgezwungen wurden, wirken sich nicht nur auf unsere Betriebe, sondern auch auf die Automobilindustrie im Allgemeinen und auf Australiens Franchise-Branche aus“, sagte James Voortman, CEO des Verbandes stellvertretend für die Händler. Die Beratungen mit den Autohändlern versteht der Vorsitzende als Drohung. „Mit der Drohung, dass Händler ihre Betriebe verlieren könnten, ohne jede Entschädigung für deren Wert zu erhalten, hat Mercedes-Benz seine Händler unter Zeitdruck dazu genötigt neue, repressive Verträge zu unterzeichnen“, so Voortman laut der Pressemitteilung.  

Die Tochter der Daimler AG sieht in der Änderung des Geschäftsmodells dagegen einen Vorteil für die Kunden in Australien. „Es wird allen Kunden eine größere Preistransparenz, eine bessere Auswahl und eine größere Modellverfügbarkeit bieten“, schreibt die Mercedes-Benz AG auf Anfrage von BW24. „Wir sind davon überzeugt, dass moderne Technologien und ein verändertes Kundenverhalten neue Möglichkeiten für den Vertrieb und die Distribution unserer Fahrzeuge und Dienstleistungen bieten.“ Zudem scheint sich der Autobauer von einem möglichen Gerichtsverfahren nicht bedroht zu fühlen. „Aus unserer Sicht entspricht das Mercedes-Benz-Agenturmodell allen relevanten australischen Gesetzen“, heißt es in dem Statement.

Daimler AG: Mercedes-Benz will das Agentur-Modell auch in Deutschland einführen

Der Kritik, dass die Autohändler durch die Umstellung aus der Verkaufsschneise geschnitten werden, widerspricht die Daimler-Tochter ebenfalls. „Mit dem Agenturmodell übernehmen die Autohändler eine zentrale Rolle bei der Customer Experience und können sich so noch stärker auf eine nahtlose Customer Journey konzentrieren – von der Recherche über den Kauf bis hin zur Fahrzeugübergabe“, heißt es von dem Stuttgarter Autobauer.

In Ländern wie Südafrika, Schweden und seit August auch in Österreich arbeitet Mercedes-Benz bereits mit dem Agentur-Modell, das auch in Deutschland eingeführt werden soll. „In Deutschland haben wir uns gemeinsam mit unseren Händlern ebenfalls für das Agentur-Modell entschieden, welches wahrscheinlich Mitte 2023 starten wird“, schreibt der Autobauer auf Anfrage. Dieser Umstellung der Geschäftsmodelle haben laut einer Presseinformation von Ende August alle Mercedes-Benz-Vertreter in Deutschland zugestimmt. „Alle 98 Mercedes-Benz Händler haben den neuen Agentenvertrag unterzeichnet“, heißt es dort.

Unterdessen haben die Mercedes-Händler in Australien Unterstützung einer Senatorin erhalten, wie aus einer neuen Pressemitteilung der Australian Automotive Dealer Association hervorgeht. „Ich spreche über einen Missbrauch der Unternehmensmacht durch einen ausländischen Autohersteller, Mercedes-Benz, um ihr australisches Mercedes-Benz Autohändlernetz auszuquetschen“, sagte Senatorin O‘Neill laut der Mitteilung in einer Rede. Die Klage in Höhe von umgerechnet mehr als 400 Millionen Euro bezeichnete die australische Politikerin als einen „wegweisenden Moment in der Geschichte des Franchisings in unserem Land.“

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