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„Sollten sich abgrundtief schämen“ - Fotos auf Twitter bringen Daimler AG und CDU in Erklärungsnot

  • Sabrina Hoffmann
    vonSabrina Hoffmann
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Ein Foto der Daimler-Tochter Mercedes AMG hat auf Twitter für Empörung gesorgt. Der Tweet ist inzwischen gelöscht - doch die hitzige Diskussion geht nun weiter.

  • Die Daimler AG sorgte im Juni mit einem Foto von Mercedes AMG auf Twitter für Diskussionen.
  • Die ehemalige Sprecherin des SPD-Parteivorstands Elena Pieper schrieb, Männer sollten sich für dieses Foto „abgrundtief schämen“. Kurz danach verteidigte sich der Fahrzeughersteller aus Stuttgart und bezeichnete den Tweet als „unfaires Bashing“ und als Populismus.
  • Nun legte Elena Pieper mit einem neuen Tweet nach - und diesmal trifft es die CDU.

Stuttgart/Brixton - Die Daimler AG aus Stuttgart hat mehrere Tochterunternehmen, zu denen auch die Mercedes AMG High Performance Power Trains zählt. Die Firma stellt leistungsstarke Motoren für die Formel 1 her und gehört zur Daimler-Tochter Mercedes-Benz.

Im Juni 2020 brachte ein Foto des Unternehmens der Daimler AG Ärger ein. Auf dem Bild zu sehen, das sich bei Twitter verbreitete: Das ausschließlich männliche neue Führungsteam der Mercedes AMG HPP zu sehen. Vier der fünf Männer werden ab dem 1. Juli das Unternehmen zur Entwicklung von Rennmotoren leiten. Der fünfte unterstützt sie in der Übergangsphase.

Daimler AG: Foto von Mercedes AMG sorgt auf Twitter für Streit über Diversity

Bei der Daimler AG sind Frauen in Führungspositionen immer noch recht selten - wie bei allen Dax-Konzernen. Das trifft auch auf den Vorstand der Daimler AG in Stuttgart zu: Nur zwei von acht Vorstandsmitgliedern sind Frauen: Renata Jungo Brüngger (58)
und Britta Seeger (50).

Noch schlechter ist es im Führungsteam der Mercedes AMG HPP um den Frauenanteil bestellt: Das Tochterunternehmen der Daimler AG hat für die neue Führungsriege fünf weiße Männer ausgewählt. Ein Umstand, der durch das unglücklich gewählte Foto noch betont wird. Auf dem Bild stehen die fünf Männer in Reihe und Glied, haben das gleiche Outfit und die gleiche Pose. Besser hätte man den Mangel an Vielfalt kaum darstellen können. Das Foto stieß auf Twitter eine Debatte über Diversity an.

Dieses Foto des neuen Führungsteams von Mercedes AMG HPP sorgte für eine Diskussion auf Twitter.

Daimler AG und andere Großkonzerne: Debatte um Frauen in Führungspositionen entfacht

„Ich möchte gerne in einer Welt leben, in der Männer sich abgrundtief für solche Fotos schämen“, schrieb Elena Pieper, ehemalige Sprecherin des SPD-Parteivorstands, zu dem Foto des Daimler-AG-Tochterunternehmens. Der Tweet über die Neubesetzungen bei dem Fahrzeughersteller aus Stuttgart sammelte in drei Tagen mehr als 8.000 Likes und 900 Retweets. Mehr als 1.600 Kommentare wurden zu der neuen Führungsriege in der Entwicklung von Formel 1 Motoren bei Mercedes AMG hinterlassen.

Der Frauenanteil bei Großkonzernen wie der Daimler AG ist ein heiß diskutiertes Thema. Sowohl weibliche als auch männliche Twitter-User stimmten der Ex-SPD-Sprecherin Elena Pieper zu. Andere fragten, warum sich Männer für dieses Foto schämen sollten. Ein Nutzer antwortete: „Ich möchte gerne in einer Welt leben, in der Frauen sich abgrundtief für solche Fotos schämen.“ Das angehängte Bild zeigt die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission.  

Daimler AG: Mercedes AMG als „Männerspielzeug“ oder „Potenzsubstitut“

Ein Mann, der sich mit Elena Pieper solidarisierte, schrieb, Frauen könnten mit Mercedes AMG nichts anfangen, weil sie zu klug seien, um sich automobile Dinosaurier der Daimler AG zu kaufen und auch keine Potenzsubstitute bräuchten. Für AMG und Formel 1 müsse man sich aus ökologischen Gründen schämen, lauteten mehrere Kommentare. Nutzer fragten auch, ob Frauen überhaupt Interesse an diesem clichébelasteten Produkt der Daimler AG hätten. In der Mercedes AMG und Formel-1-Sparte würden bei dem Fahrzeughersteller aus Stuttgart schließlich „Spielzeuge für Männer“ von Männern hergestellt. 

Andere Twitter-Nutzer solidarisierten sich mit der Daimler AG und wiesen darauf hin, dass sich niemand beschwere, wenn wenige Frauen auf der Baustelle oder bei der Müllabfuhr arbeiteten. Jemand schrieb, er habe Informatik studiert und der Frauenanteil in seinem Jahrgang habe bei fünf Prozent gelegen. Das hätte er sehr schade gefunden, aber sich zu schämen hätte auch nicht geholfen.

Daimler AG schlägt zurück: Tweet sei „unfaires Bashing“ und „simpler Populismus“

Auch die Daimler AG selbst nahm bei Twitter zu den Vorwürfen Stellung: Sascha Pallenberg, Head of Digital Transformation bei der Daimler AG , antwortete Elena Pieper mit einer ganzen Reihe an Tweets. Unter anderem betonte er, dass der Konzern aus Stuttgart Diversity sehr ernst nehme und zählte mehrere Projekte auf, für die sich Daimler engagiert - darunter die Initiative UN Women’s Empowerment Principe und die HIV-Deklaration der Deutschen Aidshilfe „fuer einen respektvollen und vorurteilsfreien Umgang mit HIV-positiven Menschen“.

Doch statt die Daimler AG nur zu verteidigen, ging Pallenberg zum Gegenangriff über. Er forderte die Politik und damit auch Elena Pieper und die SPD auf, in den Schulen bessere Voraussetzungen zu schaffen, damit sich mehr Mädchen für Naturwissenschaften begeistern. Außerdem bezeichnete er Piepers Tweet als „unfaires Bashing“ und als „simplen Populismus.“

Daimler AG hält sich streng an die gesetzliche Frauenquote 

Was das Thema Diversity und Frauenquote im Aufsichtsrat angeht, hält die Daimler AG sich streng an die gesetzliche Regelung. Laut der Unternehmenswebsite erreichte im Dezember 2019 der Frauenanteil im Daimler-Aufsichtsrat exakt die gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Die Frauenquote gilt nur für den Aufsichtsrat, nicht für den Vorstand.

Für die Managementebenen unterhalb des Vorstands dürfen Unternehmen wie die Daimler AG selbst eine Frauenquote festlegen. Der Fahrzeughersteller aus Stuttgart hat sich für die erste und zweite Managementebene unterhalb des Vorstands das Ziel gesetzt, bis zum 31. Dezember dieses Jahres einen Frauenanteil von 15 Prozent zu erreichen. Ende 2019 lag der Anteil dort bei 12,5 bzw. 23,8 Prozent. In der Führungsriege von Mercedes AMG High Performance Power Trains liegt der Frauenanteil bei 0 Prozent.

Der Fahrzeughersteller aus Stuttgart hat kürzlich übrigens bewusst ein Zeichen für Diversity gesetzt. Die Daimler AG verpasste dem Mercedes Formel-1-Rennwagen ein neues Aussehen - die schwarze Lackierung des legendären Silberpfeils soll als Statement gegen Rassismus verstanden werden - und als öffentliches Versprechen, mehr Frauen ins Mercedes Formel-1-Team zu holen.

Daimler AG: Original-Tweet zu Mercedes AMG inzwischen gelöscht - Elena Pieper legt nach

Der Verfasser des ursprünglichen Tweets - der Frankfurt-Korrespondent der Financial Times - hat seinen Beitrag über die Mercedes AMG HPP in der Zwischenzeit gelöscht. Es hätten zu viele Trolle darauf reagiert, wie er gegenüber BW24 angab. Man könne solche Fotos zu so gut wie jedem Dax-Vorstand finden, sagt er. Und nicht nur dort.

Denn jetzt hat Elena Pieper nachgelegt. Sie kommentierte erneut ein Foto bei Twitter mit dem Satz: „Ich möchte gerne in einer Welt leben, in der Männer sich abgrundtief für solche Fotos schämen.“ Diesmal zeigt das beanstandete Foto keinen Unternehmensvorstand, sondern Politiker der CDU Berlin und Brandenburg.

Auch auf diesem Bild sind ausschließlich weiße Männer in Anzügen zu sehen. Wie der Vorstand der Mercedes AMG HPP posieren sie aufgrund des Coronavirus mit Mindestabstand. Eine andere Twitter-Nutzerin merkt dazu an: „Es beschreibt die Lage doch ganz adäquat. 5 drehen Däumchen und einer lässt die Hände nutzlos runterbaumeln.“

Die CDU hat bislang noch nicht reagiert. Ob Elena Pieper mit demselben Spruch beim zweiten Mal ähnlich viel Aufmerksamkeit erzeugt wie mit dem Beitrag zur Daimler AG? Das dürfte eher bezweifelt werden.

Rubriklistenbild: © Daimler AG

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