Sparkurs in Stuttgart

„Fragwürdig“: Daimler AG droht, sich selbst zu zerfleischen - ausgerechnet auf dem wichtigsten Zukunftsmarkt

  • Lisa Schönhaar
    vonLisa Schönhaar
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Die Daimler AG wurde hart vom Coronavirus getroffen, was zu Kurzarbeit und Stellenabbau führte. Ein Sparplan könnte bei dem Fahrzeughersteller jetzt ausgerechnet den wichtigsten Zukunftsmarkt treffen.

  • Die Auswirkungen des Coronavirus in Baden-Württemberg haben auch die Daimler AG mit Hauptsitz in Stuttgart massiv getroffen.
  • Daimler-Betriebsratchef Michael Brecht befürchtet, dass bei dem Fahrzeughersteller Tausende Jobs wegfallen könnten.
  • Auch Beschäftigte der Konzern-IT könnten vom Stellenabbau betroffen sein: Bis zu 2.000 Stellen werden womöglich ausgelagert.

Stuttgart - Die Daimler AG mit Sitz in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart gehört zu den größten Unternehmen Deutschlands. Der Fahrzeughersteller beschäftigt insgesamt 273.000 Mitarbeiter in 40 Ländern. Allein die Daimler-Tochter Mercedes-Benz besitzt mit Mercedes-Benz Cars und Mercedes-Benz Vans zwei Abteilungen, die an vielen verschiedenen Standorten der Daimler AG produziert werden.

Durch das Coronavirus in Baden-Württemberg kam es jedoch auch bei dem Weltkonzern Daimler AG zu Kurzarbeit und Stellenabbau. Michael Brecht, Betriebsratsvorsitzender der Daimler AG, sieht Tausende von Stellen in Gefahr. 95 Prozent der Jobs bei Daimler und anderen Fahrzeugherstellern hingen am Verbrenner - und damit an einem Bereich, den die Regierung zum Sterben verurteilt hat. Wie aus einem Brief des Betriebsrates des Autoherstellers hervorgeht, ist jedoch auch der IT-Bereich der Daimler AG betroffen - eine Branche, die für die Zukunft der Automobilbranche entscheidend sein könnte. Bis Mitte 2021 könnten bis zu 2.000 Angestellte in der Konzern-IT an Fremdfirmen verlagert werden. Der Betriebsrat des Fahrzeugherstellers bezeichnet die Maßnahme als „fragwürdig“, eine endgültige Entscheidung zum Stellenabbau steht jedoch noch aus.

Daimler AG plant die Ausgliederung des IT-Bereichs mit bis zu 2.000 Arbeitsplätzen

Die Daimler AG muss einen harten Sparkurs einschlagen - ausgerechnet der zukunftsträchtige IT-Bereich könnte betroffen sein

Das Coronavirus hat die Daimler AG mit voller Wucht getroffen. Der Gewinn des Automobilherstellers sank allein im ersten Quartal um 80 Prozent. Laut den Wirtschaftsprüfern von EY könnte das zweite Quartal für den Stuttgarter Konzern noch deutlich düsterer ausfallen. Dabei hatte Daimler-Chef Ola Källenius bereits im November 2019 ein radikales Sparprogramm angekündigt: Allein für die Abteilung Mercedes-Benz Cars waren bis Ende 2022 mehr als eine Milliarde Euro an Einsparungen geplant.

Aufgrund der allgemeinen schlechten wirtschaftlichen Lage in der Autobranche und der Folgen der Corona-Krise soll die Unternehmensführung der Daimler AG deshalb planen, bis Mitte 2021 in der Konzern-IT „wesentliche Servicefunktionen auszugliedern“, wie es in dem Brief des Betriebsrates heißt, der unter anderem dem Manager Magazin vorliegt. Von den bis zu 2.000 betroffenen Stellen befinden sich allein 900 in Deutschland. Der Fahrzeughersteller plant außerdem, Teile des Personal- und Finanzbereichs auszulagern und die Unternehmensstruktur der Daimler AG zu überprüfen.

Daimler AG-Betriebsratsvorsitzender sieht die Auslagerung des IT-Bereichs an Fremdfirmen skeptisch

„Als Gesamtbetriebsrat stehen wir Auslagerungen und Fremdvergaben zunächst grundsätzlich skeptisch gegenüber – unabhängig vom Fachbereich“, sagte Michael Brecht, Betriebsratsvorsitzender der Daimler AG, gegenüber automotiveIT. Hinter solchen Überlegungen stünden auch Zukunftsfragen für die Menschen hinter den Funktionen. „Diese Sorgen muss man ernst nehmen“, so Michael Brecht. Darüber hinaus seien Fremdvergaben nicht grundsätzlich effizienter oder wirtschaftlicher.

Ob es bei der Daimler AG überhaupt zu einer Auslagerung des IT-Bereichs kommt, steht bislang noch nicht fest. „Wir haben eine Gesamtbetriebsvereinbarung, die besagt, dass der Betriebsrat über geplante Auslagerungen rechtzeitig informiert werden muss“, sagte Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht. Es sei noch keine Entscheidung getroffen worden, ob die IT-Bereiche des Autoherstellers tatsächlich ausgegliedert würden. Zugleich soll außerdem der Eigenanteil der Softwareentwicklung des Stuttgarter Autokonzerns erhöht werden.

Daimler AG muss alternative Beschäftigung anbieten - beispielsweise in der Softwareentwicklung

Michael Brecht sieht darin auch eine Chance für Mitarbeiter aus anderen Bereichen der Daimler AG: „Die Beschäftigten haben trotz aller gefühlter Unsicherheiten eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 sowie eine Transformationszusage“ sagte der Betriebsratsvorsitzende des Fahrzeugherstellers zu automotiveIT. Die besage, dass eine alternative Beschäftigungsmöglichkeit angeboten werden müsse, sollten Funktionen wegfallen - und eine solche könnte Brecht zufolge der Bereich Softwareentwicklung sein.

Erst kürzlich war die Daimler AG wegen eines anderen Vorfalls in den Schlagzeilen: Ein Twitter-Foto von Mercedes AMG, auf dem das neue Führungsteam zu sehen ist, sorgte für Empörung. Abgebildet sind ausschließlich Männer, die gleich angezogen sind und in gleicher Haltung posieren. Es entbrannte eine Diskussion um den Frauenanteil in der Führung des Autohersteller.

Ende Juni hingegen konnte der Stuttgarter Autokonzern eine positive Nachricht vermelden. Die Daimler AG baut ab 2024 in alle Mercedes-Benz-Modelle eine Technologie ein, die das Autofahren für immer verändert - die Computer der US-Firma Nvidia sollen auch autonomes Fahren ermöglichen.

Die Daimler AG Tochter Mercedes-Benz startete 2018 mit einem großen Plan. Ein Auto-Abo sollte dem Fahrzeughersteller eine jüngere Kundschaft sichern, der Plan ging zumindest für den US-Markt nicht auf. Zum Monatsende wird das Abo-Modell „Mercedes-Benz Collection" wieder eingestellt.

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