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„Playmobil“? Liebe Autofahrer, gewöhnt euch endlich an das futuristische Design von E-Autos

Ein Modell steht am Stand von Mercedes-Benz.
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Irgendwann auch auf der Straße? Am Stand von Mercedes-Benz auf der IAA 2021 begeisterte das Konzept „VISION AVTR“ von Daimler die Besucher.
  • Valentin Betz
    VonValentin Betz
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E-Autos bauen auf eine neue Antriebsart. Das Design der Fahrzeuge passt sich dem an, wird aber vom Verbraucher oft geschmäht. Das zeigt einmal mehr, wie innovationsfaul unsere Gesellschaft ist, findet unser Autor.

Stuttgart - Der Wandel ist ein steter Begleiter von Fahrzeugherstellern wie der Daimler AG. Seit Erfindung des Autos hat sich nicht nur technisch viel getan. Das Design der Fahrzeuge ging die Veränderung meist mit. Mal sind die Formen eher rundlich, mal eckig. Mitunter war eine Lupe nötig, um die Unterschiede zweier Generationen zu erkennen. In anderen Fällen hatten neue Modelle mit ihren Vorgängern nicht mehr viel zu tun, wie beispielsweise bei der A-Klasse von Mercedes-Benz.

Gemeinsam war dabei wohl allen Fahrzeugherstellern, dass jede Design-Generation Fans und Feinde hatte. Allerdings hat wohl kaum ein Wandel so polarisiert, wie das Erscheinungsbild von E-Autos. Nur wenige Konzerne bekamen das wohl so zu spüren, wie die Daimler AG. Die Reaktionen auf ihre erste vollelektrische Limousine waren teils vernichtend. „Das habt ihr richtig versaut“, spotteten Fans über den EQS von Daimler.

Nun lässt sich über Geschmack bekanntlich streiten. Schlimm an der Debatte sind aber nicht die verschiedenen Geschmäcker. Die überbordende Kritik am Design von E-Autos zeigt vielmehr, wie innovationsfaul die deutsche Gesellschaft ist. Noch immer schwappt Neuerungen die geballte Skepsis entgegen. Selbst die eigentlich mit Innovationen vertrauten Automobilfans haben offenbar noch nicht begriffen, dass nichts so konstant ist wie der Wandel.

Design von E-Autos: Der Bruch mit Gewohnheiten gehört zur Automobilbranche dazu

Eigentlich müssten Automobilfans viel besser mit Veränderungen umgehen können und sich schneller an Neuerungen gewöhnen, als der Rest der Gesellschaft. Designstudien wie der Mercedes Vision AVTR gehören fest zum Entwicklungsprozess bei Daimler und Co. dazu. Doch gerade das Daimler-Flaggschiff EQS hat gezeigt, dass ausgerechnet die Automobilfans offenbar Stillstand bevorzugen. Zuletzt wollten Fans über den Maybach-EQS wissen, ob es das E-Auto „auch in schön“ gibt.

Weitere Vertreter der Kategorie „Innovation unerwünscht“ sind die beiden Podcaster Felix Lobrecht und Tommi Schmitt. In der vorletzten Ausgabe ihres gemeinsamen Podcasts „Gemischtes Hack“ zogen sie über das Design von E-Autos her - besonders über den EQS von Mercedes-Benz. Schmitt verglich die Fahrzeuge optisch mit „Playmobil-Autos“. Felix Lobrecht war sogar noch weniger zurückhaltend. Seiner Meinung nach sähe der EQS nicht nur „fürchterlich“ sondern sogar „scheiße“ aus.

Beim jüngst vorgestellten EQE von Daimler sieht die Lage kaum anders aus. Unter einem Facebook-Post von Mercedes-Benz sammelte sich der Frust vieler Fans über das Design des E-Autos. Zwischen „das sieht schrecklich aus“ und „ich mag die älteren Modelle lieber“ ist nahezu alles vertreten. Ein anderer Daimler-Fan findet, der EQE ist „für Menschen, die Autos hassen.“

Die E-Mobilität ist ein riesiger Schritt - ein völlig neues Design ist die logische Konsequenz

Die Fangemeinde scheint zu verdrängen, was für ein gewaltiger Bruch aktuell durch die Industrie geht. Der Umstieg zur E-Mobilität ist eine Revolution - ein völlig neues Design ist da nur konsequent. E-Autos genau so zu designen, wie ihre Vorgänger mit Verbrennermotor, würde fragwürdige Signale senden. Noch dazu macht der Aufbau von E-Autos neue Varianten beim Design überhaupt erst möglich.

Unlängst sagte der Design-Chef von Daimler das Ende eines beliebten Modells voraus: Das auch beim schwäbischen Konzern beliebte Drei-Box-Design wird zusehends obsolet. E-Autos sind nicht mehr auf die klassische Aufteilung in Heck, Fahrerkabine und Front angewiesen. Außerdem befinden sich die großen Batterien meist am Boden der Fahrzeuge, Bauteile wie der Kühlergrill sind durch die Technik überflüssig.

Die Gesellschaft muss sich endlich daran gewöhnen, dass Innovationen allgegenwärtig sind - nicht nur beim Design von E-Autos. Stets wird über Neuerungen geschimpft, bevor sie sich allmählich etablieren und plötzlich eine wachsende Fangemeinde bekommen. Das wird auch bei E-Autos nicht anders verlaufen. Modelle wie der EQS von Daimler sind da noch nicht einmal das Extrembeispiel. Der Cybertruck von Tesla sieht tatsächlich aus, wie einem Science-Fiction-Film entstiegen. Auch dieses Design spaltet die Fans, findet aber bereits viele Anhänger. Wer sich nicht von Sehgewohnheiten trennen will, wird es in Zukunft schwer haben. Denn der eigene Stillstand bedeutet nicht, dass die Erde ebenfalls aufhört, sich zu drehen.

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