Übernahme des „Lab 1886“

Software-Multimillionär könnte schaffen, woran Daimler gescheitert ist

Ulrich Dietz neben dem Mercedes-Stern (Montage)
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Investor Ulrich Dietz hat der Daimler AG ihr Zukunftslabor abgekauft
  • Sina Alonso Garcia
    vonSina Alonso Garcia
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Die Daimler AG hat ihr Zukunftslabor verkauft - für neue Ideen ist durch den knallharten Sparkurs nicht mehr genug Geld da. Der neue Besitzer ist ein schwäbischer Investor, der mit Software reich wurde.

Stuttgart - Die Daimler AG mit Sitz in der Landeshauptstadt Stuttgart steckt mitten in der Krise. Aufgrund des Coronavirus und einer Umstrukturierung des Konzerns wird an allen Ecken und Enden gespart. Jetzt wurde überraschend bekannt, dass Daimler sein digitales Zukunftslabor in Stuttgart verkauft hat: Ulrich Dietz, Verwaltungsratschef und Großaktionär von GFT, hat das „Lab1886“ übernommen. Der 62-jährige Software-Pionier sieht darin einen großen Coup.

Konzern-Chef Ola Källenius scheint die Lust an digitalen Experimenten im „Lab1886“ verloren zu haben. Fast eine halbe Million Euro hatte Daimler zuvor in die Ideenschmiede gesteckt. Infolge der Krise fährt der Autobauer jedoch einen strengen Sparkurs. Bereits Anfang 2020 gab Daimler bekannt, dass das digitale Labor, benannt nach dem Geburtsjahr des Automobils, geschlossen wird. Das berichtete das Manager Magazin. Källenius spare aktuell in etlichen Bereichen abseits des klassischen Autogeschäfts. Die Entscheidung zeigt, wie verzweifelt Daimler inzwischen ist.

Daimler AG verkauft ihre digitale Schmiede an einen Software-Pionier aus dem Ländle

2007 war das Innovations-Labor gestartet und hat Tochterfirmen der Daimler AG wie das Carsharing-Projekt Car2Go und die Mobilitäts-App Moovel hervorgebracht. Nun wandert es in die Hände von Ulrich Dietz. Der Gründer des Software-Dienstleisters GFT sieht darin laut Handelsblatt „eine einzigartige Chance, die man nicht so oft bekommt“.

Sein Unternehmen, das seinen Hauptsitz in Stuttgart hat, machte in diesem Jahr rund 440 Millionen Euro Umsatz. Jetzt will Dietz mit „Lab1886“ weiter die Digitalisierung vorantreiben. In der Branche gibt es Gerüchte, er habe Daimler 80 bis 100 Millionen Euro dafür bezahlt.

Ein ganzes Jahr lang habe Ulrich Dietz Gespräche mit der Daimler AG über eine mögliche Übernahme geführt, schreibt das Handelsblatt. Beim Autokonzern gilt Dietz als guter Verhandler. „Wir freuen uns, dass wir für unser Lab 1886 eine optimale Lösung gefunden haben“, sagte ein Daimler-Sprecher zum neuen Eigentümer. Bei ihm wähnt der Autobauer sein Baby in guten Händen. Ulrich Dietz ist ein Pionier seines Fachs und hat sein gesamtes Berufsleben mit dem Thema Digitalisierung verbracht.

Daimler AG gibt „Lab 1886“ in die Hände eines Experten - war es die richtige Entscheidung?

Vor drei Jahren hat Ulrich Dietz die operative Führung bei GFT abgegeben. Jetzt beschäftigt er sich viel mit Startups, schon an sechs Stück ist er beteiligt. Der Software-Pionier ist überzeugt: Viele deutsche Industrieunternehmen haben ein wichtiges Prinzip nicht verstanden. Der Schlüssel liege im Erzeugen von Geschäftsmodellen auf Basis von Daten. Viele Unternehmen hätten das verschlafen. Ob er damit auch Daimler meint, lässt er offen.

Ulrich Dietz kreidet den deutschen Autobauern an, dass die Führung im Bereich Software besser sein könnte: „Viele Konzerne haben nicht einmal einen CIO im Vorstand“, sagte er dem Handelsblatt. „Aber wenn Software der Schlüssel zur Zukunft ist, dann muss das Thema Software ganz oben im Vorstand gebündelt werden.

Wie sich Daimlers Portfolio unter Ulrich Dietz entwickelt, wird sich noch zeigen. Immerhin zehn Prozent Anteile bleiben der Daimler AG noch von ihrem Zukunftslabor. Denn auch in Stuttgart möchte man von den folgenden Innovationen profitieren. Seine Entwicklungspower hat der schwäbische Software-Pionier jedenfalls in vielen vergangenen Projekten bewiesen. Mit GFT verfolgte er eine kontinuierliche Expansionsstrategie und brachte das Unternehmen 1999 an die Börse. Sein Wort hat auch als Vizepräsident des Branchenverbands Bitkom Gewicht.

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