Mercedes-Werk in Rastatt

„Inkompetent“: Daimler-Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe

Ein Mitarbeiter der Daimler AG hat in der Produktion der S-Klasse einen Mundschutz an.
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Im Rastatter Werk der Daimler AG gab es viele Corona-Infektionen - Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe.
  • Julian Baumann
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In einem Werk der Daimler AG in Rastatt erheben Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen den Stuttgarter Konzern. „Daimler schaut weg“, sagt ein Angestellter.

Stuttgart/Rastatt - Das Coronavirus in Baden-Württemberg breitet sich aktuell wieder deutlich schneller aus und auch die immer häufiger im Südwesten entdeckten Virus-Mutationen verschärfen die Lage. Das bereitet auch der Daimler AG Sorgen. Der Autokonzern aus der Landeshauptstadt Stuttgart befürchtet einen härteren Lockdown, bei dem auch die Produktionen zum Stillstand kommen könnten, die derzeit noch nicht betroffen sind. Durch den Produktionsstopp während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 büßte der Autobauer massiv Einnahmen ein. Daimler warnte deshalb bereits zu Beginn des Jahres vor einem albtraumhaftem Szenario bei einem Mega-Lockdown.

Bei einer Demonstration in Stuttgart forderte ein Mitarbeiter der Daimler AG einen radikalen Lockdown für die Wirtschaft und sagte: „Man steckt sich in Betrieben an.“ Daimler verschärfte zuletzt den Ton gegenüber den Mitarbeitern und kündigte ein „Null-Toleranz-Prinzip“ an, was Verstöße gegen die Corona-Regeln in den Werken angeht.

In dem Werk im baden-württembergischen Rastatt wurde nun jedoch innerhalb eines Monats eine große Zahl an Corona-Infektionen gemeldet. Die Mitarbeiter am Standort werfen dem Stuttgarter Konzern und vor allem der Werksleitung vor, zu wenig zum Schutz der Angestellten zu unternehmen, wie die Badischen Neuesten Nachrichten berichten.

Daimler AG: Viele Corona-Infektionen in Rastatter Werk - „weit höhere Dunkelziffer“

Das Mercedes-Benz-Werk der Daimler AG in Rastatt ist das Lead-Werk im weltweiten Produktionsverbund für Kompaktfahrzeuge. Derzeit arbeiten nach Konzernangaben rund 6.500 Mitarbeiter an diesem Standort. Bereits vor wenigen Wochen musste das Werk die Produktion erneut stoppen, rund 100.000 Fahrzeuge konnten nicht fertiggestellt werden. Grund dafür war ein massiver Engpass bei der Zulieferung von Halbleiterkomponenten. Nun bereiten den Mitarbeitern des Leitwerks jedoch viele Corona-Ausbrüche Sorgen. Laut den Badischen Neuesten Nachrichten meldete das Landratsamt der Stadt innerhalb eines Monats rund 40 Infektionen in dem Mercedes-Werk. Ein Mitarbeiter sprach gegenüber der Zeitung sogar von einem „Hotspot“.

In dem Werk der Daimler AG in Rastatt erheben Mitarbeiter nun ernste Vorwürfe gegen den großen Autobauer. „Ich kann mich nur auf der Arbeit angesteckt haben“, sagte ein Angestellter, der aufgrund einer Corona-Erkrankung zu Hause bleiben muss, den Badischen Neuesten Nachrichten. Aus seiner Sicht handele die Werksleitung „inkompetent“ und unternehme nicht genug, um den Schutz am Arbeitsplatz für die Mitarbeiter zu gewährleisten. „Daimler schaut weg“, macht er deutlich und spricht von mindestens 30 Infektionen in der Mercedes-Fabrik und einer „weit höheren Dunkelziffer“.

Daimler AG: Konzern lehnte Testung von direkten Arbeitskollegen ab - „keine Kontaktpersonen“

In Baden-Württemberg geht die Impfung aktuell nur sehr schleppend voran. Vor wenigen Tagen beschloss das Gesundheitsministerium vorsorglich, die Impfung mit Astrazeneca auszusetzen. Die Daimler AG hatte dagegen angekündigt, die Mitarbeiter so bald wie möglich selbst impfen zu wollen. An vielen Werken des schwäbischen Autobauers gibt es bereits eigene Test-Stationen. Als vor rund einer Woche eine Infektion im Werk in Rastatt nachgewiesen wurde, stellte sich die Werksleitung jedoch quer. Die Belegschaft habe gefordert, die werkseigene Test-Station nutzen zu dürfen, um abzuklären, ob auch die direkten Kontaktpersonen der positiv getesteten Mitarbeiter betroffen seien, berichtet ein Angestellter. Das sei jedoch abgelehnt worden.

Ein weiterer Vorwurf der Rastatter Mitarbeiter an die Daimler AG bezieht sich auf eine Maßnahme, die der Konzern wohl aus Angst vor erneuten Produktionsausfällen erlassen hatte. Demnach „sollen Arbeitskollegen nicht als Kontaktpersonen genannt werden“, sagte der Mitarbeiter. Gerade unter den Leiharbeitern gebe es jedoch Personen, die sich aus Angst vor Nachteilen nicht testen lassen wollen. Der Arbeitsalltag in dem Leitwerk in Rastatt sei auch nahezu unverändert, sagte der Mitarbeiter gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten. Außer der Maskenpflicht werde keine Corona-Verordnung konsequent eingehalten. „Teilweise arbeiten in meinem Bereich bis zu neun Mitarbeiter gleichzeitig an einem Auto.“ Eine Einhaltung des Mindestabstands sei dabei nahezu unmöglich.

Daimler AG: Laut eines Konzernsprechers haben „Gesundheit und Sicherheit oberste Priorität“

In Bezug auf die Corona-Infektionen im Werk in Rastatt nennt die Daimler AG keine konkreten Zahlen. „Auch Beschäftigte unseres Unternehmens am Standort Rastatt wurden positiv auf das Coronavirus getestet“, sagte ein Sprecher auf Nachfrage der Zeitung. Der Fahrzeugkonzern habe jedoch bereits im April 2020 umfassende Vorkehrungen zum Infektionsschutz der Mitarbeiter getroffen. „Wir setzen alles daran, die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen“, sagte der Sprecher. „Die Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter haben höchste Priorität.“

Auch in Bezug auf die aktuellen Fälle im Leitwerk in Rastatt habe die Daimler AG umgehend Maßnahmen ergriffen. So seien die Mitarbeiter, die in unmittelbarem Kontakt zu den Infizierten gestanden hatten, aufgefordert worden sich selbst in Quarantäne zu begeben. „Bei den zusätzlichen Maßnahmen richten wir uns nach den Vorgaben der Behörden, mit denen wir im engen Austausch stehen“, so der Daimler-Sprecher. Laut Michael Janke, Pressesprecher des Landratsamtes in Rastatt, gebe es keine Hinweise auf Missstände im Werk.

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