Drastischer Personalabbau

Daimler zahlt Mitarbeitern sechsstellige Summen - damit sie den Konzern verlassen

  • Anna-Lena Schüchtle
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Die Daimler AG will Stellen abbauen. Dafür investiert der Autobauer aus Stuttgart in enorme Abfindungen. Doch viele Mitarbeiter wollen trotzdem nicht gehen.

Stuttgart - Die Daimler AG steckt nicht erst seit Beginn der Corona-Pandemie in der Krise. Der Abgas-Skandal sowie der verpasste rechtzeitige Strukturwandel hin zur E-Mobilität, unter anderem bedingt durch das Versäumnis des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche, machen dem Fahrzeughersteller mit Sitz in Stuttgart schon länger zu schaffen. Vor allem letzteres bringt den schwäbischen Autobauer in die Bredouille.

Denn: Die EU plant ein Verbot für Verbrenner. Genau an diesem, von der Regierung zum Sterben verurteilten Bereich hängen jedoch 95 Prozent der Jobs in der deutschen Autobranche. Die Folge: Personalabbau - immer wieder kommt es zu „Massenentlassungen“ in den Werken des Stuttgarter Autobauers. Auch groß angelegte Abfindungsprogramme rückten schon vor Jahren in den Fokus der Daimler AG.

Daimler AG: Autobauer investiert enorme Abfindungssumen, um Mitarbeiter loszuwerden

„Den Strukturwandel, gerade im Bereich Automotive, gab es schon länger“, erklärt Inga Dransfeld-Haase, Präsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM) in einem Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Aber: „Corona wirkt wie ein Beschleuniger.“ Um Personalkosten langfristig zu senken, werden bei der Daimler AG bereits seit Jahren horrende Abfindungssummen gezahlt - nach Angaben des Autobauers aus Stuttgart sollen sich (Stand November 2020) bereits 1.100 Mitarbeiter für Aufhebungsverträge entscheiden haben.

Daimler bietet Mitarbeitern enorme Abfindungen, wenn sie freiwillig gehen.

Aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 auf die Wirtschaft ist das Interesse der Daimler AG, eine große Zahl an Mitarbeitern loszuwerden, nun sogar noch gestiegen. Das Problem: „Weil die Wirtschaft in einer Krise steckt, werden Freiwilligenprogramme von Beschäftigten weniger angenommen“, so Inga Dransfeld-Haase. „Das Angebot an offenen Stellen ist überschaubar geworden.“

So heißt es in dem Artikel der FAZ unter Berufung auf Aussagen des Fahrzeugherstellers aus Stuttgart, dass es Anfang des Jahres für Mitarbeiter noch möglich gewesen sei, die Daimler AG mit Verhandlungen und einem neuen Arbeitsvertrag bei einem Zulieferer oder der Konkurrenz zu verlassen - diese Zeiten seien jedoch wohl erstmal vorbei. Dabei sind die Abfindungssummen beachtlich - wie hoch, zeigt ein Rechenbeispiel des Betriebsrats, über das die FAZ berichtet.

Abfindungssummen: Daimler AG zahlt Mitarbeitern viel Geld, damit sie Konzern verlassen

Dem Beispiel zufolge hat ein 45 Jahre alter Mitarbeiter der Daimler AG mit einem Brutto-Verdienst von 6.500 Euro die Möglichkeit, mindestens 215.000 Euro Abfindung zu kassieren. Sollte er sich besonders schnell entscheiden, verspreche eine sogenannte „Turbo-Prämie“ sogar eine Erhöhung auf bis zu 275.000 Euro.

Diese Abfindungssume setze sich aus einem Sockel- sowie einem Zusatzbeitrag zusammen, die beide anhand des Alters oder der Betriebszugehörigkeit errechnet werden. Mit solchen Summen will die Daimler AG aktuellen Mitarbeitern den Abgang schmackhaft machen. Einige dürfte das wohl überzeugen, sich gegen eine weitere Karriere bei der Daimler AG zu entscheiden.

Die Daimler AG fährt ein strenges Sparprogramm - oft auf Kosten der Mitarbeiter. Selbst der sonst besonnene Betriebsratschef richtete deshalb kürzlich deutliche Worte an den Vorstand. Zuletzt kündigte Daimler einen neuen Verbrenner an - der mit Geely auch in China gebaut wird. Das brachte das Fass offenbar zum Überlaufen. Das sei der „Anfang vom Ende“: Die Stimmung bei Daimler sei am Boden, die Mitarbeiter „zu Tode erschreckt“.

Mitarbeiter zeigten sich „fassungslos“ über die Entscheidung von Daimler. Auch bei Michael Brecht, dem Betriebsratschef der Daimler AG, scheint durch die jüngste Verkündung der Geduldsfaden gerissen. „Wichtig ist für uns, dass die deutschen Standorte bei weitreichenden Produktentscheidungen wie beispielsweise der neuen Motorengeneration eine faire Chance erhalten und beim Zuschlag in Betracht gezogen werden“, erklärte Brecht. „Das war hier nicht der Fall.“

Rubriklistenbild: © Uli Deck/dpa

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