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CSD Stuttgart wird größer als in Berlin: „Wir sind der politischste CSD in Deutschland“

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Von: Sina Alonso Garcia

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Christopher Street Day Stuttgart
Teilnehmer-Rekord beim Christopher Street Day (CSD) in Stuttgart: Noch nie haben sich so viele Formationen angemeldet wie 2022. © Simon Adomat/Imago

Für die CSD-Parade in Stuttgart am Samstag, 30. Juli, haben sich 100 Formationen angekündigt - das sind mehr als in Berlin. CSD-Sprecher Detlef Raasch hat mit BW24 über die Hintergründe gesprochen.

Stuttgart - Die Vorfreude ist groß: Erstmals seit 2019 darf der CSD in Stuttgart wieder ohne Einschränkungen gefeiert werden. Nach fast einem Jahr der Vorbereitungen steigt die große politische Demo am Samstag, 30. Juli, um 15.30 Uhr in der Innenstadt. Wie CSD-Sprecher Detlef Raasch im Gespräch mit BW24 bestätigte, haben sich insgesamt 100 Formationen angemeldet - das sind mehr als in Berlin, wo am vergangenen Wochenende 96 Formationen durch die Stadt zogen. In Stuttgart rechnen die Organisatoren mit 300.000 Besuchern.

„Wir sind der politischste CSD in Deutschland“, sagt Raasch. „Als CSD Stuttgart sind wir das ganze Jahr über politisch sichtbar und in Arbeitskreisen tätig.“ Wie wichtig der Einsatz für die LSBTTIQ*-Community sei, könne man nicht überbetonen. Allein im Jahr 20/21 sei etwa die Hasskriminalität gegenüber queeren Menschen im Vergleich zum Vorjahr um 50,6 Prozent gestiegen. Nicht zu vergessen die Dunkelziffer. „Immer mehr Mitglieder unserer Community haben das Gefühl, sie müssen aufstehen und sichtbar werden.“

Queere Community in Stuttgart: „Es gibt solche, die sich nicht trauen, sich Hand in Hand mit ihrem Partner zu zeigen“

Obwohl Stuttgart eine große, engagierte queere Community hat, gebe es hier laut Raasch noch immer zahlreiche ungeoutete Menschen. „Aus Angst vor Anfeindungen verstecken viele noch immer ihre sexuelle Identität“, so der CSD-Sprecher. „Es gibt sogar solche, die sich nicht trauen, sich mit ihrem Partner Hand in Hand in der Öffentlichkeit zu zeigen.“ Die Befürchtungen kommen scheinbar nicht von ungefähr: „In Stuttgart höre ich oft: ‚Wir sind ja so tolerant.‘ Wenn sich dann aber jemand aus der eigenen Familie als trans, schwul oder lesbisch outet, sinkt die Toleranz plötzlich.“

Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa steht Deutschland immerhin deutlich besser da, wenn es um LGBTTIQ*-Rechte geht. In Ländern wie Ungarn, Polen oder Rumänien sieht die Situation noch deutlich verheerender aus. „In Rumänien wurde erst kürzlich ein Gesetz gefordert, das Schwulen verbieten soll, Organ-Spender zu werden“, sagt Raasch. „Aus Angst, dass derjenige, der die Spende erhält, auch schwul wird.“ Auch die Zunahme von Rechtspopulismus in Europa spiele queer-feindlichen Gruppen in die Hände. Raasch ist überzeugt: „Wir müssen bei unseren Aktivitäten weit über den Kessel hinausschauen.“ Nicht umsonst lautet das Motto des diesjährigen CSD: „Community.Kraft.Europa.“

CSD Stuttgart: Großes Rahmenprogramm mit „Rainbow-Tour“ und kulturellen Events

Neben der Politdemo am 30. Juli gab es seit dem 15. Juli noch viele weitere CSD-Veranstaltungen in Stuttgart. Bei kulturellen Events, Workshops und mehr konnten sich Menschen in der Stadt vernetzen. Ein schönes Zeichen setzte auch die „Rainbow-Tour“ (17. bis 28. Juli): Für einen Obolus von zwölf Euro hatten Teilnehmer die Möglichkeit, beim Bar-Hopping in verschiedenen Kneipen ins Gespräch zu kommen. In jeder teilnehmenden, queeren Bar gab es einen „Rainbow-Shot“ - jedes Mal in einer anderen Farbe. Der Erlös ging zur Hälfte an Stuttgart Pride, zur anderen Hälte an die Aids Hilfe Stuttgart.

CSD-Demonstration in Stuttgart + Rahmenprogramm am 30. Juli

Der Startschuss für die Polit-Parade fällt um 15.30 Uhr, bis rund 18.30 Uhr sind die Formationen in der Stadt unterwegs. Von 18.30 bis 19 Uhr findet eine Kundgebung auf der Planie statt. Rahmenprogramm gibt es zudem auf der Kulturbühne am Marktplatz, auf dem Schillerplatz können sich Party-Fans in einer Freilicht-Disco austoben.

Besonders stolz ist Raasch, dass er gemeinsam mit einem 28-köpfigen Team den CSD komplett ehrenamtlich auf die Beine stellt. „Manche von uns haben sich sogar Urlaub für die Vorbereitungen genommen. Teilweise haben wir 14 Stunden in der Woche gearbeitet, oft bis spät in die Nacht hinein.“ Einen kleinen Förder-Zuschuss gibt es von Stadt und Land zwar. Einen sehr großen Anteil der 400.000 Euro, die für den CSD anfallen, muss das CSD-Team allerdings selbst aufbringen. Zu einem Großteil finanziert sich das Event durch Mitgliedsbeiträge im Verein und Werbepartner.

CSD Stuttgart: 2022 ist er der zweitgrößte CSD in Deutschland

In Deutschland gibt es 2022 nur einen CSD, der gemessen an seinen Formationen größer ist als Stuttgart: Köln. Dort nahmen Anfang Juli 190 Formationen an der Polit-Parade teil. Nicht nur die Anzahl der Formationen hat sich in Stuttgart im Vergleich zu 2019 (91) vergrößert: Auch die Teilnehmerzahlen innerhalb der Formationen haben sich im Vergleich zu 2019 laut Raasch verdoppelt. Während vor drei Jahren noch pro Formation 25 bis 50 Teilnehmer mitliefen, sind es dieses Jahr pro Formation im Schnitt 50 bis 100. Auch zahlreiche Firmen werden mit von der Partie sein: „Von Mercedes-Benz über Porsche bis Bosch - beim CSD sind alle Stuttgarter Unternehmen sichtbar, die man kennt“, sagt Raasch. Zudem freut sich der CSD-Sprecher über Muhterem Aras (Grüne) als Schirmfrau. „Sie ist genau die richtige Schirmfrau, bei der wir auch wissen, dass sie etwas bewegen möchte.“

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