Regenbogenfahne zerrissen

„Kinderschänder“ - Querdenker provozieren mit widerwärtiger Aktion bei Demo in Wien

  • Lisa Schönhaar
    vonLisa Schönhaar
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Obwohl sich das Coronavirus in Baden-Württemberg weiter verbreitet, gibt es Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen. Bei einer Demo in Wien haben Querdenken-Aktivisten nun öffentlich eine Regenbogenfahne zerrissen und für Empörung gesorgt.

  • Zur Eindämmung des Coronavirus in Baden-Württemberg gelten im Land Corona-Verordnungen zum Infektionsschutz.
  • In Stuttgart fanden bereits mehrfach Corona-Demonstrationen der Initiative Querdenken gegen die Maßnahmen zum Schutz vor Covid-19 statt.
  • Bei einer Querdenken-Demo in Wien kam es am vergangenen Wochenende zu einer mutmaßlich homophoben Aktion: Auf einer Bühne wurde öffentlich eine Regenbogenfahne zerrissen.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg (BW24* berichtete) beeinträchtigt das Leben in nahezu allen Bereichen und macht weitreichende Einschränkungen und Maßnahmen zum Infektionsschutz vor dem Coronavirus* notwendig. Da sich das Coronavirus in Baden-Württemberg* mit Beginn des Frühsommers nur noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau weiter ausbreitete, beschloss die Landesregierung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann* weitreichende Lockerungen für den Alltag und die Freizeit der Bürger.

Einigen Bürgern in Baden-Württemberg gehen die Lockerungen trotz Coronavirus in Baden-Württemberg* allerdings nicht weit genug und sie protestieren auf Corona-Demos gegen die noch geltenden Auflagen zum Infektionsschutz. Um die Verbreitung des Coronavirus in Baden-Württemberg* einzudämmen, gelten die aktuellen Corona-Auflagen des Landes - darunter die Ende April eingeführte Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen*.

Querdenker zerreißen bei einer Corona-Demo in Wien eine Regenbogenfahne auf der Bühne.

Bereits mehrfach haben Proteste der Stuttgarter Initiative Querdenken mit mehreren tausend Menschen auf dem Cannstatter Wasen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart* gegen die Vorschriften zum Infektionsschutz wegen des Coronavirus in Baden-Württemberg stattgefunden. Eine Corona-Demo in Berlin am 29. August war der Initiative zunächst untersagt worden - doch die Querdenker wehrten sich mit drastischen Mitteln* und der Protest konnte stattfinden. Nun sorgen Videoaufnahmen einer mutmaßlich homophoben Aktion auf einer Querdenken-Demo in Wien für Empörung: Aktivisten zerrissen auf der Bühne bei einer Kundgebung eine Regenbogenfahne - sie gilt als Zeichen der Toleranz und Akzeptanz und ist das weltweite Symbol der LGBTIQ-Bewegung (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell/Transgender, Intersexuell, Queer).

Corona-Demo in Wien: Querdenker-Aktivisten zerreißen unter Applaus Regenbogenfahne

Die Szene auf der Bühne bei der Corona-Demo in Wien wurde vom Pressservice Wien gefilmt, einem Netzwerk freier Fotojournalisten, das sich der Dokumentation rechter Mobilisierungen verschrieben hat. Der Ausschnitt, der in den sozialen Medien auch in Deutschland für Empörung gesorgt hat, zeigt mehrere Querdenken-Aktivisten, die zusammen unter lautem Applaus des Publikums eine Regenbogenfahne mit einem in der Mitte platzierten Herz zerreißen. Dann ruft eine Aktivistin ins Mikrofon: „Ihr seid kein Teil unserer Gesellschaft!“ Und: „Wir müssen unsere Kinder vor Kinderschändern schützen. Wir alle sind dafür verantwortlich.“ Auch für diese Aussagen applaudiert das Publikum.

Mehreren Berichten zufolge handelt es sich bei der Frau in dem Video um Jennifer Klauninger. In den vergangenen Monaten war sie als Wortführerin der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen in Österreich in Erscheinung getreten. Klauninger boykottiert nach eigenen Angaben das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Ein weiterer Querdenken-Aktivist, der ebenfalls an der Aktion beteiligt war, soll Medienberichten zufolge Manuel Mittas sein. Mittas verbreitet über mehrere Kanäle Verschwörungsmythen - unter anderem zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 - und bezeichnet sich selbst als „Investigativ-Journalist“ und „einen der ersten TV-Medien-Whistleblower Österreichs“. Nach der Corona-Demonstration postete Mittas ein Video, in dem er sich zum Zerreißen der Regenbogenfahne äußert.

Darin sagt er, es handle sich bei der Fahne um „ein klares Pädophilen- oder Kinderschändersymbol“. Jemand habe die Regenbogenfahne mit Herz auf die Bühne gebracht - er und „die Jenny“ hätten dann „geistesgegenwärtig“ reagiert, der Person die Flagge abgenommen und sie zerrissen. Es habe sich dabei um einen Deutschen gehandelt, der „wirklich nichts davon“ gewusst habe, was das für ein Symbol auf seiner Fahne gewesen sei. Man habe die Situation aber „friedvoll gelöst“, indem man unter anderem über „Pädokriminalität“ gesprochen und die Flagge zerrissen hätte. In den sozialen Medien wird gemutmaßt, den Querdenkern in Wien sei es um das Herz auf der Regenbogenflagge gegangen.

Rechte Kreise und Verschwörungstheoretiker behaupten, der Grund für die Zerreißung der Regenbogenfahne auf der Corona-Demo in Wien sei ein Doppelherz gewesen, das angeblich als geheimes Symbol für Pädophilie bekannt sei. Dabei berufen sie sich auf ein von Wikileaks veröffentlichtes FBI-Dokument. Darin wird ein doppeltes Herz (eine durchgehende, einfarbige Linie, die an das Logo des Eisherstellers Langnese erinnert) als geheimer Code für die Vorliebe erwachsener Männer für minderjährige Mädchen beschrieben.

Das auf der Regenbogenflagge abgebildete Herz auf der Querdenken-Kundgebung erinnert allerdings nur entfernt an dieses auch als „Girl Lover" bezeichnete Symbol. Letzteres würde im Zusammenhang mit den auch für Homosexualität stehenden Regenbogenfarben auch keinen Sinn ergeben. Die in Wien zerrissene Flagge mit Herz-Motiv lässt sich aktuell bei mehreren Online-Versandhändlern bestellen - das Herz wird dabei schlicht als Zeichen für Liebe beschrieben.

Empörung nach Corona-Demo in Wien - Querdenken-Initiator Ballweg distanziert sich nicht von Aktion

In einem später veröffentlichten längeren Videomitschnitt von Presseservice Wien behauptet Manuel Mittas auf der Bühne der Corona-Demo, er sei als „freier Journalist seit fünf Jahren in dieser Thematik drin, was Kindesmissbrauch angeht“. Bei einem Schloss in der Nähe von Wien seien ähnliche Symbole angesprüht worden, so Mittas. „Ich habe Hinweise darauf bekommen, dass es auch dort zu rituellem Kindesmissbrauch kommt“. Unklar bleibt jedoch weiterhin, ob er sich dabei auf die Regenbogenflagge an sich bezog und damit Homosexualität und Pädophilie gleich setzte, oder ob er die Flagge samt Herz meinte.

Michael Ballweg, Initiator der Initiative Querdenken in Stuttgart, die immer wieder gegen die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg protestiert, hat sich bislang nicht öffentlich von dem Vorfall auf der Wiener Corona-Demo distanziert. In einem am vergangenen Sonntag veröffentlichten, fast 20 Minuten langen YouTube-Video sagt Ballweg lediglich: „Ich weiß nicht, was gestern in Wien gelaufen ist - ich hab auch zwei oder drei E-Mails gekriegt, dass das wohl nicht so dolle war". Generell müsse man aber sagen, dass alle Querdenken-Initiativen unabhängig seien und selbst entscheiden würden. Die zerrissene Regenbogenfahne spricht er dabei jedoch nicht an.

Mehrere Politiker verurteilten das Zerrreißen der Regenbogenfahne auf der Corona-Demo in Wien als homophoben Akt und zeigten sich empört. Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) beispielsweise twitterte: „Ihr seid Teil unserer Gesellschaft – egal, wen ihr liebt! Was kein Teil unserer Gesellschaft ist, sind Hass und Hetze! Meine Solidarität gilt der gesamten LGBTIQ-Community. Ich verurteile jeden Angriff auf sie aufs Schärfste.“ Die Polizei Wien teilte am Samstag mit, das Video der Aktion sei ihr bekannt - man habe es an die zuständige Stelle weitergeleitet.

Querdenker in Wien: Politiker verurteilen Aktion als homophoben Akt

Die Homosexuelle Initiative Wien twitterte am Sonntag nach der Corona-Demo, das Zerreißen der Regenbogenfahne sei „ein symbolischer Akt, der sich eindeutig gegen uns und gegen eine Gesellschaft stellt, die für Menschenrechte, Respekt, Akzeptanz und Gleichberechtigung steht“. Gemeinsam mit unter anderem Vienna Pride, der SPÖ und den Grünen riefen sie für Montagabend zu einer Kundgebung unter dem Motto „Dem Hass kein Platz“ auf dem Wiener Platz der Menschenrechte auf.

Auch Jennifer Klauninger, die auf der Corona-Demo in Wien die Regenbogenfahne zerrissen hatte, will bei der LGBTIQ-Kundgebung anwesend sein, wie aus einem Video-Interview hervorgeht. Im Gespräch mit dem Corona-Gegner Martin Rütter kündigt Klauninger an, “dort präsent” zu sein – mit mindestens zehn Personen und “Personenschützern”, wie Rütter empfiehlt. “Das sind Mörder zum Teil, sind sie wirklich”, verunglimpft Rütter die Teilnehmer Kundgebung.  Zudem werden in dem Beitrag die Grünen als Befürworter der Pädophilie dargestellt.

Rubriklistenbild: © Presse Service Wien/Twitter

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