Armut und Covid-19

Stuttgarter Klinikchef: Migranten erkranken besonders häufig schwer an Corona - Armut als Problem

  • Valentin Betz
    vonValentin Betz
    schließen

Das Coronavirus in Baden-Württemberg breitet sich immer noch aus. Inzwischen sind häufig Migranten betroffen. Schuld daran ist die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft.

Stuttgart - Das Coronavirus in Baden-Württemberg hat keine Präferenzen, wen es infiziert. In der Wissenschaft herrscht Einigkeit darüber, dass Viren nicht einmal Lebewesen sind. Sie sind darauf angewiesen, sich in fremden Organismen wie Menschen zu vermehren. Das hat das Coronavirus sehr erfolgreich geschafft. Es hat eine globale Pandemie ausgelöst, weil die Welt inzwischen bis in den letzten Winkel vernetzt ist. Entsprechend wenig überraschend ist es auch, dass zu Beginn der Corona-Pandemie vor allem Reisende an Covid-19 erkrankten. Also Menschen, die auch in Baden-Württemberg eher als gut situiert gelten, weil sie sich Urlaub leisten können.

Inzwischen verbreitet sich das Coronavirus aber zu einem großen Teil in anderen Bevölkerungsschichten in Baden-Württemberg. Das berichtet Jan Steffen Jürgensen, medizinischer Vorstand und Vorstandsvorsitzender des Stuttgarter Klinikums, gegenüber dem SWR.

Coronavirus in Baden-Württemberg: Immer mehr Migranten unter den Corona-Infizierten

Im Klinikum Stuttgart sei der Anteil an Migranten unter den Covid-19-Patienten inzwischen bei 60 Prozent, so der Vorstandsvorsitzende Jan Steffen Jürgensen gegenüber dem SWR. Erst kürzlich hatte Boris Palmer auf ein Corona-Problem bei Migranten hingewiesen, fürchtete deshalb aber eine „Empörungswelle“.

Mit der Herkunft der Migranten hat die hohe Rate an Corona-Infizierten aber nichts zu tun, so Jan Steffen Jürgensen. Vielmehr sei das höhere Risiko, an Covid-19 zu erkranken eine Warnung dafür, wie groß die Ungleichheit in der Gesellschaft sei. In einer aktuellen Studie des Robert-Koch-Instituts heißt es: „Der Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit und Lebenserwartung wird durch epidemiologische Studien regelmäßig bestätigt.“

Corona-Infektionen im Klinikum Stuttgart: Zusehends erkranken Menschen mit Migrationshintergrund an Covid-19 (Symbolbild).

Das Coronavirus ist dabei nur ein Beispiel von vielen. „Menschen mit niedrigem Sozialstatus sind vermehrt von chronischen Krankheiten, psychosomatischen Beschwerden, Unfallverletzungen sowie Behinderungen betroffen“, heißt es in der Studie weiter.

Coronavirus und Migraten: Zusammenhang zwischen Armuts- und Gesundheitsrisiko

In Baden-Württemberg gehören Migranten häufig zu der Bevölkerungsgruppe mit eher niedrigem sozialen Status. Zahlen des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg belegen, dass mit 24,6 Prozent beinahe ein Viertel der Menschen mit Migrationshintergrund von Armut bedroht sind. Bei Einwohnern ohne Migrationshintergrund liegt das Armutsrisiko bei elf Prozent.

Ein Beispiel, wie die Armut von Migranten das Risiko für eine Infektion mit dem Coronavirus erhöht, ist die Wohnsituation. „Es gibt Quartiere, in denen Menschen in großen Gebäuden auf engem Raum leben. Die können sich kaum aus dem Weg gehen. Wie soll man da die Maßnahmen umsetzen?“, erklärt Medizinethiker Michael Knipper von der Universität Gießen dem SWR. Es sei deshalb nicht verwunderlich, wenn die Menschen gar nicht auf die Corona-Pandemie reagieren könnten.

Der Medizinethiker warnt davor, wegzuschauen, um dem Vorwurf von Rassismus zu entgehen. „Eine rassistische Deutung im Sinne von ‚das ist typisch für Migranten, da sind sie selbst schuld‘ ist natürlich erstens unsinnig und zweitens bösartig“, so Michael Knipper. „Aber man muss genau schauen, wer wird eigentlich krank durch Covid-19?‘ und da kann man sehen, dass in gewissen migrantischen Communities oder Lebenszusammenhängen das Risiko einfach höher ist. Das ist nicht nur in Deutschland so, sondern international.“

Coronavirus in Baden-Württemberg: Politik soll stärker auf Betroffene zugehen

Um Migranten und Menschen mit höherem Armutsrisiko besser vor dem Coronavirus in Baden-Württemberg zu schützen, fordert der Medizinethiker Michael Knipper ein besseres Krisen- und Gesundheitsmanagement. Man müsse auf betroffene Menschen und Gemeinschaften zugehen. „Es reicht nicht allein, mehrsprachige Flyer ins Internet zu stellen, sondern man muss tatsächlich mit den Menschen und mit den Communities ins Gespräch kommen“, so Michael Knipper.

Auf das Problem hatte auch Markus Lanz in der Sendung hingewiesen, in der sich Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer zu den Corona-Infektionen unter Migranten geäußert hatte. Markus Lanz hatte von Gesprächen des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach mit türkischen Communities erzählt. Deren Mitglieder hätten gegenüber Lauterbach betont: „Mit uns redet eigentlich keiner, wir bräuchten da dringend viel mehr Austausch.“

Rubriklistenbild: © Ole Spata/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare